Ein Blick, der Hoffnung weckt (1.Kor 13,9-13)

1.Kor 13,9-13
[9] Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk.[10] Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. [11] Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. [12] Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. [13] Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Ein Blick, der Hoffnung weckt, ein unverhoffter Gruß, ein Ich mag dich trotzdem Kuss (Bezug auf „Wie ein Fest nach langer Trauer“ EGB 666) – das sind Stückwerke, Lichtblicke menschlichen Lebens. Aber eben nur Stückwerke, und doch Lichtblicke unseres Lebens. Aber eben nur Lichtblicke, und doch Stückwerke von der versöhnlichen Liebe und dem wahren Frieden Gottes.

Riskieren wir einen Blick in den Spiegel. Was werden wir sehen?

Schauen wir hinein. N.N. wurde am 21. Februar 1926 geboren.

Er wuchs in der Liebe seiner Eltern, A. und B. N., zu einer eigenen Persönlichkeit heran. Früh übte er sich darin. Schon als kleiner Junge half er mit seinem Bollerwagen, die heimische Tierhaltung zu versorgen.

Seine Schuljahre verbrachte N.N. mit seinen Spiel- und Siedlerkameraden in der Volksschule Lörrach. Diese lebendige Kameradschaft hielt bis zu seinem Tode an.

Dank der einfallsreichen Ideenvielfalt und Impulsivität seiner Mutter durfte und konnte er gerne seine Kindheit vor den aus der Krisen- und kriegsnahen Zeit entstehenden Verpflichtungen bewahren.

Nach seiner Schulausbildung begab er sich in eine Elektrolehre, die er aber vorzeitig wegen seiner Einberufung beenden musste. Doch mit dem handwerklichen Geschick seines Vaters ausgestattet, konnte N.N. auch dies bewältigen.

Der Krieg forderte seine Person, vor dem er sich nicht entziehen konnte. So wurde er mit 17 Jahren eingezogen, und es verschlug ihn an die russische Front.

Aus den Kriegswirren entronnen befand er sich gerade auf dem Rückzug in Finnland, als ein Lastesel austrat und damit seinen Fronteinsatz beendete. Er empfand dies selbst als ein Glück im Unglück. Nach mehreren Gefangenschaften und Fluchtversuchen konnte er sich schließlich in die Schweiz absetzen.

Dort begann er seine berufliche Laufbahn mit der Ausübung verschiedener Arbeiten. Unter anderem auch in einem Kinderheim. Hierbei lernte er XXX kennen, und zwar so innig, dass sie sich kurze Zeit später verheirateten. In dieser Liebe wuchsen die zwei Kinder Y. und Z. heran.

Zwischenzeitlich bürgerte N.N. sich in seiner neuen, schweizerischen Heimat ein. Mit seiner heiteren Würde etablierte er sich dort nunmehr vom Liftmonteur zum Abnahmebeamten. Dieser Aufgabenbereich, in dem er sich gänzlich erfüllen und verwirklichen konnte, übte N.N. bis zu seiner Pensionierung aus.

Nach dem Tod seiner Mutter kehrte er mit seiner Ehefrau XXX in sein Elternhaus zurück. Dort kümmerten sie sich um seinen Vater. Als Tüftler und Bastler konnte er aber seiner perfektionistischen Ader nun auch an Haus und Garten freien Lauf lassen.

Doch im August 1998 verstarb plötzlich und unerwartet seine Ehefrau XXX. In dieser Zeit begann auch seine Krankengeschichte.

N.N. gab aber seinen Plan von Glück nie auf und zog zu seiner neuen Lebenspartnerin in die Schweiz zurück, wo er auch seine letzten Lebensjahre verbrachte.

Am vergangenen Donnerstag verstarb N.N. im Kreise seiner Angehörigen.

Wir schauen in den Spiegel – was haben wir gesehen?

Einzelne, fragmentarische Lebensvollzüge. Eben nur Stückwerke, Lichtblicke menschlichen Lebens.

Doch erst durch den Blick in den Spiegel erkennen, erahnen wir, das dies nicht alles ist und sein kann. Warum? Gerade weil es unser eigenes Spiegelbild ist. Gerade weil unsere eigene Persönlichkeit darin gespiegelt wird und Gestalt annimmt. Und so aber auch die Mitte unseres Lebens, die uns erst zur Person macht und erhält.

Wer also steht nun vor dem Spiegel und wer dahinter? Welches Wort erhält Gestalt und welches bleibt im Dunkel? Was verbindet unsere Stückwerke menschlichen Lebens? Worin liegt unser Leben und Sterben, aber auch unser Sterben und Leben?

Ein Blick, der Hoffnung weckt, ein unverhoffter Gruß, ein Ich mag dich trotzdem Kuss – das sind Stückwerke, Lichtblicke menschlichen Lebens. Aber eben nur Stückwerke, und doch Lichtblicke unseres Lebens. Aber eben nur Lichtblicke, und doch Stückwerke von der versöhnlichen Liebe und dem wahren Frieden Gottes.

Durfte N.N. und seine Angehörigen dies in den letzten Minuten seines irdischen Lebens erkennen? War dort nicht ein Raum, mit Sonne durchflutet? Ein Raum der Stille, die tiefer greift als Nichts? War dort nicht ein Raum der Versöhnung – nichts mehr erklären müssen, nur noch reines verstehen? Ein Raum des wahren Friedens und der unergründlichen Liebe Gottes?

Wir können es nur erahnen. N.N. durfte sich entlassen, sterben, nach Hause gehen, so, wie er gelebt hatte. Mit einem Lächeln auf den Lippen und mit einem strahlenden Gesicht.

Was bleibt? Es bleibt spannend. Denn wie das Leben nach dem Tod, ein Leben in einer neuen Wirklichkeit aussieht, darüber wissen wir nur ganz wenig. Es bleibt eben nur Stückwerk. Aber von Angesicht zu Angesicht hat uns Jesus zugesagt, dass es ein erkennen in Liebe, nicht in Abrechnung, ein erkennen in Versöhnung, nicht im erklären, nur im verstehen, dass es ein erkennen im wahren Frieden Gottes ist.

„Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen.“ – Es geht weiter. Wir können nun vorwärts schauen. Wir müssen nicht mehr über das Sterben weinen, sondern wir dürfen uns auch freuen, dass den Bruchstücken unseres eigenen Lebens Erfüllung und Vollendung in Liebe, in Gottes Liebe und Versöhnung in dem Frieden Gottes versprochen ist.

Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

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