Durst. Und eine zufällige Begegnung, die nie hätte stattfinden dürfen…

(Predigtreihe 3 – Erprobung)

Manchmal können zufällige Begegnungen ein ganzes Leben verändern.

Wahrscheinlich sind hier etliche, die das auch schon selber erlebt haben.

In der Lesung aus dem Johannes-Evangelium haben wir gerade von so einer zufälligen Begegnung gehört, die ein Leben total verändert hat.

Dabei hätte diese Begegnung so nie stattfinden dürfen.

 

Denn erstens begegnen sich da ein Jude und ein Samaritaner.

Juden und Samaritaner sind zwar eng miteinander verwandt, sind aber seit 500 Jahren verfeindet und gehen sich aus dem Weg.

Sie haben keinen Umgang miteinander.

Sie betrachten einander als dreckig, als unrein. Einander die Hand geben, miteinander essen, aus dem gleichen Gefäß trinken – völlig unmöglich!

Sie haben zwar die 5 Bücher Mose gemeinsam, haben sich aber völlig zerstritten über der entscheidenden Frage:

An welchem Ort sollte man Gott anbeten? Auf dem Berg Garizim (Samaritaner) oder in Jerusalem (Juden).

Fromme Juden machten darum damals einen weiten Bogen um Samarien.

Jesus nicht. Er geht da mitten durch. Obwohl man das nicht macht.

 

Und zweitens begegnen sich da auf offener Straße ein Mann und eine Frau.

Im Nahen Osten sprechen Männer und Frauen in der Öffentlichkeit nicht miteinander. Auf dem Land gehört es sich nicht einmal Blickkontakt zu haben.

Ken Bailey ist ein amerikanischer Theologe, der sein ganzes Leben im Nahen Osten verbracht hat und er sagt: In 40 Jahren hat er kein einziges Mal mit einer fremden Frau auf der Straße geredet.

Das gehört sich nicht.

Jesus macht es trotzdem.

 

Und drittens will die Frau überhaupt niemandem begegnen.

Wasser wird früh und abends geholt. Niemand holt Wasser in der Mittagshitze. Es sei denn, man will dabei allein sein.

Und so ist das mit dieser Frau.

Weiter hinten erfahren wir: Sie ist Frau, die schon mit vielen Männern Beziehungen hatte, oder wie es heißt, „eine Frau mit Vergangenheit“, – von den Männern begafft, von den Ehefrauen beargwöhnt und von den Moralaposteln verachtet – „ein Flittchen“ sagt die Straße.

Sie erspart sich das Getuschel der Bewohner, indem sie in der größten Mittagshitze zum Brunnen geht um Wasser zu holen, denn um diese Zeit ist  da erfahrungsgemäß nichts los. Sie will keinen sehen und sie will vor allem von keinem gesehen werden. Mit keinem zusammentreffen.

Vielleicht kennt Ihr das auch: Man wird auf eine Party eingeladen und fragt so ganz nebenbei: Wer kommt denn da noch so? Ja, aha, mhm, mhm (!), ach, die auch?, – oh, du, ich glaub, da haben wir schon was vor.

Sie will in Ruhe gelassen werden.

 

Aber Jesus lässt sie nicht in Ruhe.

Er sitzt alleine auf dem Brunnen und als er sie kommen sieht, müsste er eigentlich aufstehen und so 5, 6 Meter weitergehen, auf Distanz gehen.

Jesus bleibt sitzen. Und er spricht sie an.

Jesus ignoriert eine 500 Jahre alte Feindschaft.

Jesus ignoriert ganz tief sitzenden kulturelle Gewohnheiten und Regeln.

Und Jesus ignoriert alle Signale der Frau, die sagen: Lass mich in Ruhe.

Jesus ignoriert das alles.

Und zwar nicht aus Lust am Krawall, sondern weil er diese Frau sieht und weil er sieht: Diese Frau ist nicht glücklich. Sonst wäre sie jetzt nicht hier.

Und interessant ist auch, wie er mit ihr in Kontakt kommt: Mit einer Bitte.

Bitte, gib mir zu trinken.

Im Nahen Osten hängen an den Brunnen keine Eimer, sondern jeder hat seinen ledernen Schöpfbehälter selber mitzubringen.

Und wer keinen hat, der kann kein Wasser schöpfen.

Durch seine Bitte sagt er ihr:

Für mich bist Du kein dreckiger Ausländer.

Für mich bist Du keine zu vermeidende Unperson.

Für mich bist Du kein moralischer Versager.

Für mich bist Du ein wichtiger Mensch, dessen Hilfe ich brauche.

Für mich bist Du ein wertvoller Mensch, der mich aus meiner Not befreien kann.

Durch seine Bitte gibt Jesus der Frau seine Würde zurück.

Und durch seine Bitte kommt er mit der Frau in Kontakt.

Und zwar nicht von oben herunter, sondern auf Augenhöhe oder eigentlich von noch weiter unten.

So macht das Gott übrigens immer. Niemals von oben herab.

Und die Frau ist davon völlig überrascht. Und sie ist völlig hin und weg.

Warum redest Du mit mir? Fragt sie.

Was steckt da dahinter?

Was geschieht hier?

Sie erlebt, dass ein fremder Ausländer sich für sie interessiert, für ihren Durst, für ihre Seele, für ihr Befinden, für ihre Bedürfnisse.

Sie erlebt, dass da jemand ist, der sie nicht verachtet, sie nicht verurteilt, sondern sich für sie interessiert und dafür, wie es ihr geht.

Und das verändert ihr Leben.

Dieses Gespräch ist ein Gespräch, wo Jesus ganz deutlich macht:

Liebe Frau, ich weiß, wie du lebst, aber das ist nicht der Punkt, über den ich mit dir sprechen möchte.

Ich weiß alles, was Du gemacht hast, ich weiß es ganz genau und vieles davon finde ich furchtbar – aber ich verurteile dich deswegen nicht, ich mache dir keine Vorwürfe.

Sondern ich möchte dich einladen, eine neue Erfahrung zu machen auf deiner Suche nach Glück und Leben.

Es geht nicht um Moral, es geht um Durst.

Um Durst auf Erfüllung im Leben.

Das ist etwas, was uns Menschen zu Menschen macht.

Unser Hunger und Durst.

Altes Testament, Schöpfungsbericht:

Der Mensch wurde eine lebendige Seele.

Das unterscheidet ihn von toten Gegenständen, seine Seele.

Im Hebräischen steht dort: Näfäsch.

Das heißt wörtlich übersetzt: Kehle, Gurgel.

Damit soll zum Ausdruck kommen:

Das was den Menschen ausmacht, ist seine Bedürftigkeit.

Sein Durst, sein Hunger.

Wir sind Menschen, und darum sind wir durstig.

Wir sind Menschen, und darum haben wir Bedürfnisse.

Welche Sehnsüchte und Bedürfnisse das bei jedem einzelnen sind, das ist unterschiedlich und auch unterschiedlich stark ausgeprägt.

Der einen ist Selbstbestimmung besonders wichtig und dem anderen Hilfsbereitschaft.

Der eine hat ein großes Verlangen nach Ruhe und die andere nach Harmonie.

Das ist bei jedem ein bisschen anders.

Aber gemeinsam ist uns das größte Bedürfnis.

Der größte Hunger, der größte Durst von uns Menschen ist das Verlangen danach, geliebt zu werden.

Verstanden zu werden in all unserer Widersprüchlichkeit.

Akzeptiert zu werden, so wie wir sind.

Angenommen zu sein.

Das ist das größte Verlangen von uns Menschen, und wir versuchen es zu stillen. Wir können kaum anders.

Die einen versuchen geliebt zu werden, indem sie sich alles gefallen lassen und folgsam sind und sich einfügen.

Die anderen versuchen geliebt zu werden, indem sie immer wieder neue Menschen ausprobieren, die diese Sehnsucht erfüllen können.

Und andere versuchen, geliebt und gemocht zu werden, indem sie fleißig sind und tüchtig und ganz viel schaffen und leisten.

Und andere versuchen sich Liebe und Zuneigung zu kaufen. Mit Geld, mit Gefallen. Oder mit Macht, mit Ruhm.

Und viele merken dabei, wie ihre Sehnsucht nicht erfüllt wird, und sie suchen weiter oder versuchen diese Sehnsucht zu betäuben, mit Ablenkung, mit Party, mit Arbeit, mit Drogen.

Und ähnlich groß ist das Verlangen danach, zu leben. Nicht nur ein paar Jahre, sondern immer.

Der Philosoph Ernest Becker zeigt in seinem Buch „The Denial of death“ – die Verleugnung des Todes, dass der Mensch das einzige Lebewesen ist, das weiß, dass es eines Tages sterben wird.

Und dass wir damit nicht zurechtkommen.

Und das meiste, das wir tun, tun wir um uns von diesem Gedanken abzulenken: Dass unser Leben endlich ist. Dass wir eines Tages vorbei sein werden.

 

Mit seinen Worten von dem lebendigen Wasser stellt Jesus der Frau eigentlich die Frage:

Sag mal, bist Du eigentlich glücklich? Hast Du dein Glück gefunden?

Und in der Begegnung kann er ihr zeigen:

Dein Bedürfnis nach angenommen werden, nach akzeptiert werden, dein Bedürfnis nach geliebt werden – ich kann und ich will es stillen.

Dein Bedürfnis nach Leben, nach Erfüllung, nach Freude, nach einer Antwort auf den Tod – ich kann und ich will es stillen.

Ich. Gott selber. Ich kann das und ich will es.

Wenn Du es auch willst.

Wenn du diesen Satz sagst: Herr, gib mir dieses Wasser.

So, wie ihn diese Frau sagt.

Und das, was dann passiert, das ist schwer zu beschreiben.

Das ist für jemanden, der es nicht erlebt hat, kaum zu verstehen.

Das muss man selber erlebt haben, so eine Begegnung mit Jesus.

 

Als diese Frau Jesus begegnet ist, da hat sie gespürt: Da begegnet mir jemand, der ist mehr als jeder sonst.

Der ist anders.

Auch sie kann das wahrscheinlich gar nicht richtig erklären oder jemandem anderen vermitteln.

Aber man kann das erleben.

Wer das erlebt:

Ich bin Jesus begegnet, und er hat zu meiner Seele gesprochen, und er hat mir von diesem Wasser gegeben – der kann das kaum erklären, was genau da passiert.

Aber er merkt, wie ihn das verändert.

Eine Veränderung ist Freude.

So hat es diese Frau auch erlebt. Freude, so dass sie alles stehen und liegen lässt um in den Ort zu rennen und ihre Freude mit allen Menschen zu teilen.

Sie kann nicht anders. Sonst wäre sie geplatzt.

Und auch eine zweite typische Veränderung sehen wir an dieser Frau:

Sie kreist nicht mehr nur um sich selber, sondern sie sieht auf einmal die Menschen um sich herum.

Und sie sieht sie nicht als lästige Störenfriede, als nervende Nörgler, sondern als Menschen, die voller Sehnsucht sind, als Menschen, die Durst haben.

Und sie beginnt, sich um sie zu kümmern und versucht ihnen zu zeigen, wie sie ihren Durst stillen können.

 

Eine zufällige Begegnung mit großen Auswirkungen.

Eine Begegnung mit Jesus, die das Leben verändert.

Und das schöne ist:

Jesus sitzt noch heute auf diesem Brunnen.

Und wenn wir hingehen, steht er nicht auf und geht weg.

Sondern er bleibt sitzen.

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