Durch seine Wunden sind wir geheilt

So, jetzt stehe ich hier auf der Kanzel, und sie sitzen dort in den Bänken, und erwarten, dass ich jetzt etwas ganz schlaues erzähle, und am besten in höchstens 15 Minuten erkläre, warum eigentlich Jesus an ein Kreuz genagelt werden musste und was das eigentlich bitte schön mit mir zu tun hat, denn das verstehe ich immer noch nicht. Ist es nicht so? Und ich muss sagen: Ich kann es nicht. Ich kann es nicht mit einem Satz sagen, nicht in 15 Minuten und nicht in 15 Stunden. Weil ich es aus meiner Froschperspektive letztlich auch nicht begreife.

Von Augustinus, einem großem Gelehrten der Kirche, wird erzählt, dass er eines Tages am Strand saß und ganz in Gedanken versunken auf das Meer hinaus blickte. Da kam ein kleiner Junge und fragte ihn: Was machst du da? Und er antwortete: Ich denke über Gott nach, weil ich ihn verstehen möchte. Und blickte weiter aufs Meer und dachte weiter über Gott nach. Nach einer Weile sah er, dass der Junge ein Loch in den Sand gegraben hat und mit einem Eimer pausenlos Wasser aus dem Meer schöpfte und in das Loch goss. Nach einiger Zeit fragte er den Jungen, Was machst du da? Und er antwortete: Ich schöpfe das Meer aus. Da sagte der große Gelehrte Augustinus: Das ist doch Unsinn, das große Meer geht doch nicht in dein kleines Loch! Und der Junge sagte: Aber der große Gott geht in dein kleines Gehirn?

Mich beruhigt, dass Jesaja auch nicht sagt: Wer versteht unsere Botschaft? sondern: Wer glaubt unsere Botschaft? Wer schenkt ihr Vertrauen, wer lässt sich auf sie ein, wer tastet sich suchend, fragend, verlangend an sie ran?

Versuchen wir’s doch mal.

Mir fallen zwei Worte auf, um die die ganze Rede von Jesaja kreist, um die der ganze Karfreitag kreist, um die der ganze christliche Glaube kreist:
Das eine: Doch er wurde blutig geschlagen, weil wir Gott die Treue gebrochen hatten; wegen unserer Verfehlungen wurde er durchbohrt. Die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden haben.
Und das andere: Durch seine Wunden sind wir geheilt.

Zunächst zum ersten. Barabas hatte da einen ganz einfachen und eindrücklichen Zugang dazu. Am Morgen des Karfreitag saß er nämlich noch in der Todeszelle in Jerusalem. Ein zu Tode verurteilter Räuber und Mörder. Gnadengesuch abgelehnt. Den Abschiedsbrief geschrieben, die Henkersmahlzeit gegessen. Und dann ging die Tür auf und er wurde – freigelassen. Und dann ging er auf den Hügel, der Golgotha heißt, und dann sah er da drei Kreuze, und an denen hingen drei Männer, und das mittlere, das war eigentlich SEIN Kreuz, da sollte ER hängen. Und da hängt jetzt ein anderer – Jesus. Und Barabas ist das Leben neu geschenkt. Ein neuer Anfang.

Ja, werden jetzt viele einwenden, das ist ja schön und gut, aber Barabas, der war ein Mörder, und das bin ich nicht!

Der Gedanke, das gerechte Urteil über unser Leben ist ein Todesurteil, wird von uns abgelehnt. Wir doch nicht! Ich doch nicht! Gut, so ganz tadellos ist nicht alles, was ich so mache. Gut, einen kleinen Tadel habe ich schon verdient. Ein bisschen Strafe, o.k. Aber den Tod? Niemals! Auf keinen Fall! So denken wir doch! Und zeigen damit, dass wir keinen blassen Schimmer haben, wie finster es in unseren Herzen ist, wie sehr wir alle von Selbstsucht und Lieblosigkeit und Egoismus und Kleinlicher Rachsucht beherrscht werden. Jesus selber hat dieses Verhängnis, diesen Zusammenhang tiefer durchblickt, als er sagte: „Schon wer auf seinen Bruder zornig ist, den erwartet das Gericht. Wer zu seinem Bruder ‚Du Idiot!‘ sagt, der wird vom Obersten Gericht abgeurteilt werden, und wer ihn verflucht, dem ist das Feuer der Hölle sicher.“

Und wir zeigen damit, dass wir keinen blassen Schimmer haben von dem Gesetz des Lebens und des Todes, das tief in den Wurzeln der Welt regiert. Wer sich der Macht des Bösen öffnet, und sei es durch eine Lüge, durch eine Gemeinheit, der ist der Macht des Bösen verfallen und wird von ihr beherrscht. Immer wieder.

Wenn wir uns weiter blind und taub stellen für die Finsternis in unserem Leben, werden wir mit dem Tod von Jesus nie etwas anfangen können, denn "Niemand kann das Geheimnis des Sterbens Jesu erfassen, der nichts von eigener Schuld weiß" (Friedrich von Bodelschwingh)

Was ist Schuld? Ich denke da an einen Mann, der sich für eine Entscheidung seines Lebens immer wieder neu anklagt. Sein Sohn wollte in die Disco fahren und sich dazu ein Auto ausleihen. Weil es glatt war, gab er ihm aber nicht seinen BMW, sondern den Zweitwagen, einen Kleinwagen. Als am Morgen die Polizei klingelte und sage, tut uns leid, aber wir müssen ihnen leider mitteilen, dass ihr Sohn heute nacht tödlich verunglückt ist und seine Mitfahrer mit ihm, da begann eine endlose Folge von Selbstanklagen, von Selbstvorwürfen. Warum habe ich nicht? Hätte ich doch, dann wäre nicht! Hätte ich doch, Hätte ich doch nicht. Selbstquälerisch, selbstzerstörerisch, diese Anklagen, diese Vorwürfe. Nachts lassen sie keine Ruhe, am Tage quälen sie. Schuld.

Schuld kann auch Reden über andere sein. Es kann auch tatenlos zusehen sein, die Hände in den Schoß legen. Oft können wir es gar nicht vermeiden, in Schuld verstickt zu werden.

Und wir können uns nicht einfach entschuldigen. Einen zerbrochenen Teller, klar, den können wir ersetzen. Einen zerbrochenen Ruf wieder herstellen, das können wir nicht. Gestohlenes Geld zurückgeben, das können wir. Eine verhängnisvolle, falsche Entscheidung rückgängig machen, das können wir nicht. Ein verletzendes Wort zurücknehmen, es ungesagt sein lassen, das können wir nicht. Uns mit jemanden versöhnen, der nicht mehr mit uns redet, oder der tot ist, das können wir nicht. Eine verpfuschte Kindheit wiedergutmachen, das können wir nicht. Jahre ungeschehen machen, in denen ich für meine Kinder, für meinen Ehepartner keine Zeit hatte, das können wir nicht.

Aber der Herr lud alle unsere Schuld auf ihn.

Wir können fragen: Wie soll das gehen? Oder wir können uns erinnern an Märchen, an Western, an Filme, an wirkliches Leben, wo genau das passiert ist: Da ist jemand, der ist in Schuld verstrickt, in einer ausweglosen Lage, und dann kommt ein anderer und springt für ihn in die Bresche, hält für ihn die Backe hin, trägt stellvertretend für ihn die Strafe, die Folgen. Die ganze Welt lebt davon.

Siehe, das ist das Lamm Gottes, es trägt die Schuld der Welt weg. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden haben, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Durch seine Wunden sind wir geheilt – das war der andere Mittelpunkt.

Wer das alles mit dem Sterben von Jesus am Kreuz aus der Distanz als Zuschauer betrachtet, dem wird es ziemlich langweilig dabei. Denn das ist unansehnlich, weder stattlich noch schön.

Wer das Sterben von Jesus als unbeteiligter Zuschauer betrachtet, will kaum etwas von ihm wissen, verachtet ihn vielleicht auch als Versager.

Aber wenn ich ein zerrissenes Herz habe, das mir verdammt weh tut, an dem ich schwer leide, dann ist das etwas anderes, wenn ich höre: Durch seine Wunden bin ich geheilt!

Jesus kam, um zerrissene Herzen zu verbinden.

Geheilt – was braucht Heilung: So vieles braucht Heilung:

– Wenn ich nach einem Belogen werden nicht mehr vertrauen kann

– Wenn ich nach schlimmen Erlebnissen Nacht für Nacht schweißnass vor Angst aufwache

– Wenn ich nach erlittenem Unrecht gefangen bin in Hass und Rachewünschen gegen einen anderen

– Wenn ich nach dem Tod eines lieben Menschen keine Freude am Leben mehr finde

– Wenn ich nach einer Tat mit furchtbaren Folgen gefangen bin in Selbstvorwürfen, ruhelos in Selbstanklagen verstrickt, immer wieder selber die verschorfte Wunde neu aufreißend

– Wenn ich einsam bin und an meiner Einsamkeit, meinem Alleinsein ersticke, so dass ich den Nächsten nicht mehr sehe, der mich braucht.

– Wenn meine Arbeitskraft nicht mehr gebraucht wird, weil ich zu langsam bin, oder zu alt, und ich mir nutzlos und wertlos vorkomme, überflüssig, nur im Weg

Durch seine Wunden bin ich geheilt!

Auch hier kann ich ins Fragen abgleiten: Wie soll das gehen? Wie kann ein anderer meine Wunden, meine Krankheit, meine Schmerzen tragen.

Auch hier gilt: Wir können es aus unserer Froschperspektive nicht begreifen, und wir müssen es auch gar nicht begreifen.

Nur glauben.

Im Vertrauen annehmen.

Ausprobieren.

Und Heilung erleben.

Indem ich dem Mann am Kreuz mein zerbrochenes,

zerrissenes,

verwundetes,

ausblutendes

und mit Schuld beladenes Herz

und Leben

hinhalte,

überlasse,

übergebe,

mit ans Kreuz nagle,

ihm auflade,

ihm auflaste,

und loslasse

und mich daran festklammere:

Durch seine Wunden sind wir geheilt.

Durch deine Wunden bin ich geheilt.

Du trägst meine Schmerzen,

du trägst meine Angst,

du trägst meine Depressionen –

und ich finde Heilung.

Ich finde Hoffnung.

Ich finde Licht.

Ich finde Zukunft.

Ich finde Friede.

Darum geht es am Karfreitag.

Darum geht es am Kreuz.

Darum geht es in der Kirche.

Und darum geht es in der Beichte

und im Abendmahl:

Dass da ein Tausch stattfindet.

Wir geben Jesus unser kaputtes Leben,

unser blutendes Herz

unsere Wunden,

unsere mit Schuld beladene Vergangenheit,

und er gibt uns seine Gerechtigkeit,

seine Zukunft,

sein Leben,

sein Heil.

Die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden haben. Durch seine Wunden sind wir geheilt.

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