Du siehst mich (1.Mose 16,13/ Psalm 139) Kirchentagssonntag

Es waren nur noch wenige Plätze frei, deshalb war ich froh, im Zug doch noch einen Sitzplatz abbekommen zu haben. Mit dem Wochenend- und Ausflugsverkehr hatte ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht gerechnet. Ich nahm Platz. Geschützt durch die Sitze vor mir und dennoch mit freiem Blick dazwischen hindurch, fiel mir ein Mitreisender auf, der sehr genau beobachtete und schaute, was direkt neben ihm, unter anderem bei der Familie mit Kindern passierte. Sein Blick war konzentriert, wach und aufmerksam. Aber war er angestrengt, kritisch, ein wenig genervt angesichts der Unruhe?
Oder war er fröhlich, glücklich mit einem nach innen gewendeten Lächeln, weil Kinder positive Gefühle in uns wecken können?
Ich kann die Frage gar nicht so genau beantworten, obwohl ja auch ich ihn sehr genau angeschaut habe. Diese Aufmerksamkeit und Konzentriertheit seines Blickes waren mir nicht entgangen und hatten mich neugierig gemacht. Was wäre wohl gewesen, wenn er gespürt und dann bemerkt hätte, dass ich ihn ebenfalls beobachte? Ob er irritiert, wütend oder überrascht und ertappt schnell weggeschaut hätte?
Eine literarische Blüte der Schulzeit: mein Herr, sie haben mich fixiert, ich fordere Satisfaktion…

Mein Herr und Gott, du hältst mich mit deinem Blick fest…
Auch so könnte man ja den Psalmvers, der dem Kirchentagsmotto zugrunde liegt, wiedergeben. Es ist eigentlich gar nicht überraschend, dass Psalm 139 zwar zu den Vertrauenspsalmen gehört, dass sich aber nicht alle Leserinnen und Beter gleichermaßen wohl in ihrer Haut mit seinen Bildern fühlen. Denn die Erfahrung angeschaut zu werden ist ja an sich noch nicht eindeutig, eher missverständlich.
Mein Blick hätte sagen können: warum starrst du eigentlich fremde Leute so an? Sie haben dir nichts getan und an der Neugierde und Lebendigkeit von Kindern sollten wir uns alle zusammen freuen.
Mein Blick hätte auch sagen können: ich nehme dich wahr, weiß, dass ich nicht alleine auf der Welt bin und habe ein Auge, einen Blick auf dich als Mitmenschen, als Mitreisenden. Und hinterher könnte ich bestimmt sagen, wer mit mir unterwegs war. Ein aufmerksamer Mensch eben, ein guter Augenzeuge womöglich (was ich aber wohl nicht wirklich wäre…) Ich weiß ja, wie ich geschaut habe, weiß aber nicht, was die anderen in meinem Blick gelesen hätten.

Es gibt Blicke, die gehen durch und durch: da fühlt man sich erkannt und durchschaut, da spürt man den Vorwurf und sucht sofort den Fehler oder das Fehlverhalten, auch wenn man sich keiner Schuld bewusst ist..
Es gibt den Blick, der geht an einem vorbei, als wenn man Luft wäre und überhaupt nicht existiert: war da wer oder war da was ? Keine Ahnung!
Es gibt den Blick, der Freundlichkeit ausstrahlt und einlädt zurückzuschauen und zurück zulächeln.

Es gibt warme, fröhliche, funkelnde, blitzende, zornige, kalte, erloschene Augen. Sie erzählen etwas von dem der schaut und machen etwas mit dem, der angeschaut wird.

Ich möchte manchmal geschützt sein vor den Blicken anderer, ziehe meine Vorhänge zu, schließe die Tür der Umkleidekabine oder lege mich etwas abseits auf mein Handtuch, weil ich das Starren und die Aufmerksamkeit gerade nicht mag.
Oder ich verhalte mich auffällig, damit gerade jemand hinschaut und mich wahrnimmt. Das nennt man dann wohl unter Umständen Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.
„Sehen und gesehen werden“ ist die Lebenshaltung derjenigen, die im Mittelpunkt stehen oder stehen wollen
„Nur nicht auffallen“ die Lebenshaltung derjenigen, deren Aufgabe es ist, für andere da zu sein, ohne zu stören. Die einen sind die Herren, die anderen die Bediensteten und jedem kommt ein anderes Verhalten und damit eine andere Aufmerksamkeit zu.
Die einen freuen sich, wenigstens von Gott angesehen zu sein, den anderen wurde schon in Kindertagen gedroht: der liebe Gott sieht alles, besonders was du mit deinen Händen im Dunkeln machst, wenn du dich unbeobachtet glaubst.
Die einen lassen sich vertrauensvoll in die Hände eines solchen Gottes fallen, die anderen ringen mit dem Gott, der ihnen Angst macht, statt Vertrauen einzuflößen.
Und wie oft beten wir: Gott schau doch einmal hin und sieh, wie deine Welt, deine Schöpfung, deine Kinder leiden und nach dir rufen. Wirf doch wenigstens du ein Auge auf sie, wenn schon die Öffentlichkeit in der ganzen Welt wegschaut und die Bilder des Elendes und des Leides wegdrückt und weiter schaltet. Sieh die Namenlosen, vom Schicksal Abgestempelten, die nicht einmal mehr eine Nummer sind und von denen keiner mehr weiß, ob sie überhaupt noch leben, ja für deren Leben sich keiner zu interessieren scheint.
Wer namenlos wird, nur noch als Fall, als Nummer registriert wird, der scheint einen letzten Rest an Menschenwürde verloren zu haben. Nichts anderes war beabsichtigt als in Deutschland alle gebürtigen Juden mit Namen Sarah oder Israel heißen sollten. Man sollte und musste sie nicht mehr unterscheiden…

Wie oft wünschen wir uns, wenigstens zur Kenntnis genommen zu werden. Die Schülerin möchte gerne von dem älteren Mitschüler eine Klasse höher gesehen werden, weil sie so unsterblich in ihn verliebt ist, aber er sieht sie nicht einmal an. Wir bemerken in unseren Gottesdiensten, wenn am Sonntag morgen der Platz neben uns frei bleibt und fragen, ob da etwas passiert ist, ob wir uns kümmern und Sorgen machen müssen..

Wir schauen gerne zurück und erinnern uns nicht nur an schöne Dinge, wir möchten gerne einen Blick in die Zukunft riskieren und fürchten uns am Ende doch vor dem, was wir sehen würden. Mit dem Wissen um das Schwere, heute schon, könnten wir wohl überhaupt nicht umgehen. Möchte ich also wirklich genau hinschauen, sowohl in die Vergangenheit, die die Erinnerung gerne verklärt, das Negative ausblendet , aber das Schöne groß macht, größer als es in Wahrheit war, als auch in die Zukunft, die ich doch besser nicht kenne, um unbeschwert zu bleiben? Der Psalm behauptet all das, was ich besser nicht tun sollte, von Gott und der Beter schöpft daraus Kraft und Vertrauen.
Gottes Augen ruhen auf mir: Ich muss überhaupt nicht auf mich aufmerksam machen, ich muss mich nicht in den Mittelpunkt stellen, mit besonderen Leistungen glänzen, außergewöhnlich attraktiv sein, mich in Schale werfen. Gott sieht mich. Und sein Sehen ist zugleich ein Erkennen, Wissen und Verstehen. Ich muss ihm überhaupt nichts vormachen und keine Rolle spielen, sondern darf sein, wer ich bin.
Ich erinnere mich gut daran, wie stark mich dieses Vertrauen schon in meiner Kindheit und Jugend gemacht hat in einem Umfeld, in dem ich allein aufgrund meiner familiären Situation sonst nie hätte mitreden und mithalten können. Aber in Gottes Augen zählte ich genau so viel wie alle anderen! Das hat mich stark gemacht und das macht eine Gesellschaft und eine Gemeinde menschlich: weil sie alle gleich liebenswert erachtet ohne sie alle gleichzumachen, also ohne Unterschiede und Vielfalt auszulöschen. Dir Gleichheit und die Individualität sind Grundrechte. Gott sieht mich an. Es lohnt sich diesen Glaubenssatz jenseits aller Drohungen durch zu buchstabieren.
Gott sieht mein ganzes Leben: Für ihn gibt es keine weißen Flecken oder schwarze Löcher. Ich kann in meiner Biographie Zeiten auslassen, verschweigen und hoffen, dass es niemand bemerkt. Aber so wie ich spätestens im Lebenslauf meiner Bewerbung dann gefragt werde, was denn in den ungenannten Jahren gewesen sei, geht Leben eben nicht verloren. Gelebtes Leben bezieht nicht einfach nur aus der Erinnerung seinen Wert. Auch die Jahre die im Dunkel der Demenz versinken, waren Lebensjahre, angefüllt mit guten und schweren Erfahrungen, mit Hoffnungen und Träumen, mit Liebe und Glück oder mit Enttäuschungen und Schmerzen, die heute noch in den Gesichtern abzulesen sind.
Gott kennt die Vergangenheit, sie geht nicht verloren, auch wenn sie vergangen ist, wenn das Leben und die Erinnerung vergangen sind. Sie lösen sich nicht im Nichts auf.
Gott reduziert mich aber nicht auf meine Vergangenheit, er nagelt mich nicht auf meine Schuld und mein Versagen fest, sondern sieht auch immer, was in mir steckt, an ungenutztem Potential oder an verpassten Gelegenheiten. Er sieht jeden Menschen, egal wohin er abgeglitten ist, als ein Ebenbild Gottes, zu seinem Spiegelbild geschaffen und immer erinnert etwas an oder in jedem daran. Auch das mag für manche Menschen und angesichts mancher Verbrechen unerträglich sein, aber es vermenschlicht hoffentlich unseren Umgang miteinander, auch wenn es um Recht und Gerechtigkeit geht und überlässt das endgültigen Richten und das letzte Urteil, das gesprochen wird, Gott.
Anders als wir, kann Gott sehen, was auch noch werden kann. Er sieht nicht nur Grenzen, sondern auch Chancen.
Er sieht das Glück, die Liebe, die Freude, die Schönheit, die der morgige Tag vielleicht doch noch einmal und sei es ein letztes Mal durch einen Menschen ans Licht bringen kann.
Es mag sein, dass jeder seines Glückes Schmied ist, jedenfalls können wir uns nicht aus der Verantwortung für unsere Taten und unser Leben stehlen, weder in der Vergangenheit noch für die Zukunft. Es mag sein, dass Gott weit hinein auch in meine noch unbeschriebene Lebenslandschaft schaut. Er nimmt mir die Verantwortung nicht ab, erspart mir auch die Folgen nicht, aber er spielt nicht Lotto mit mir oder würfelt mein Schicksal aus. Er bietet mir seine Hand, das ich sie ergreife und er traut mir Verantwortung für mich, meine Familie, meine Umgebung und letztlich damit für seine ganze Schöpfung zu, ohne aufzuhören mich dabei liebevoll anzuschauen.
Es ist also ein göttliches sowohl als auch. Er sieht mich liebevoll an und durchschaut mich. Er kennt meinen Weg, aber er geht ihn mit. Er sieht meine Fehler und Grenzen, aber er sieht auch meine Potentiale. Er sieht, was ich bin, aber auch was ich sein kann, weil er mich so gemeint hat. Das mag manchmal zu viel sein, so dass ich den Überblick und den Durchblick verliere. Aber gerade dann ist es doch gut, dass er mich sieht und ich am Ende immer noch bei ihm bin. Amen

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