Du kannst das doch!

Liebe Gemeinde,

Als ich ein Kind war gab es bei uns zu Hause einen innerfamiliären Brauch. An der Speisekammertür in unserer Küche, direkt gegenüber unserem Eßtisch hing ab dem 1. Dezember ein großer Zettel. Darauf stand einmal mein Name und daneben der von meiner Schwester. Und unter jedem Namen eine Tabelle mit jeweils zwei Spalten. Oben drüber ein Plus und ein Minus.

Der eine oder andere hat vielleicht schon eine Ahnung, wozu das gut war: Meine Mutter hat in der Weihnachtszeit Strichliste geführt, über das was wir alles gemacht haben. Gutes, aber noch viel eher was wir alles angestellt haben. Und dann hieß es je nachdem wie du dich verhältst gibt es mehr oder eben weniger Weihnachtsgeschenke. Dem Weihnachtsmann sollte schließlich nichts entgehen. Er sollte mit einem Blick Bescheid wissen, wenn er dann Heiligabend kommen würde und seine Geschenke verteilt. Mein Problem war immer, dass meine Liste auf der einen Seite – der Minus-Seite – deutlich voller war als auf der Plus Seite. Bei meiner Schwester war es genau anders rum. Bei ihr war die Plus Seite voller. Ich bin dann Nachts manchmal aufgestanden und hab noch ein paar Plus dazu gemalt. Aber meine Mutter hat das jedes Mal gemerkt…

Ergebnis: Der Weihnachtsmann ist ein strenger Richter. Das hat sich festgesetzt, auch wenn ich an Weihnachten trotzdem Geschenke bekommen habe.

Der Schritt vom Weihnachtsmann zum lieben Gott war für meinen Kinderglauben nicht sehr groß. Bei ihm würde wohl auch Plus und Minus aufgerechnet werden, habe ich immer gedacht. Und so denken das ja heute noch viele – auch Erwachsene.

Gott rechnet auf. Belohnt die Gerechten und bestraft die Bösen. Das deckt sich zwar überhaupt nicht mit unserer Erfahrung – warum bleiben die Bösewichter in dieser Welt ansonsten so oft ungestraft und warum müssen so viele Gerechte leiden? – aber dieses Vorurteil über Gott hält sich nach wie vor hartnäckig. Und irgendwie gibt es ja einen ganz festen Zusammenhang zwischen unserer Sicht auf Gott und unserer Sicht auf die Welt. Wobei ich jetzt nicht sagen könnte, was sich woraus ableitet. Zusammenfassen kann man es in dem Satz: jeder kriegt das, was er verdient. (Klingt fast wie aus einem Parteiprogramm einer bestimmten politischen Richtung). In jedem Fall ist er eine zutreffende Beschreibung der Haltung, die große Teile unserer Gesellschaft verbindet. Diesen Satz kann man als Rechtfertigung sagen, dafür dass die Gesellschaft so aufgeteilt ist, wie sie ist, dann ist es ein Satz von der Gewinnerseite, der ein bisschen nach dem sog. amerikanischen Traum klingt: „Schaffste was, dann biste was.“ Man kann ihn auch schadenfroh sagen so nach dem Motto, „endlich hat er das gekriegt, was er verdient hat.“ Gern genommen, bei Menschen die lange hoch angesehen waren und dann aus irgendeinem Grund tief gefallen sind. Man kann ihn aber auch voller Resignation sagen. „Ich hab eh keine Chance – was bleibt mir schon übrig …“

Eine wissenschaftliche Untersuchung der Universität Bielefeld deckt diese Beobachtung. Nach einer Langzeitstudie wächst mit dem Einkommen der Menschen nämlich ihre Verachtung und ihre Vorurteile gegenüber den sog. Schwachen in der Gesellschaft. Konkret: wer mehr als 2600 € netto verdient, guckt besonders stark herab auf Ausländer, Arbeitslose oder Obdachlose.

Ich hab mal den Satz gelesen, dass eine Gesellschaft immer nur so gut ist, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht. So gesehen spricht das Bände über die moralischen Zustände bei uns.

Jeder kriegt, was er verdient. Das scheint die Grundhaltung. Bei den Menschen genauso wie bei unseren Vorstellungen von Gott.

Weihnachten ist das zum Glück ganz anders. Nicht nur auf die Geschenke bezogen, sondern auch auf Gott. Weihnachten feiern wir ja, dass Gott Mensch geworden ist – Gott ein kleines Kind in einem Stall. Kein Richter. Groß und mächtig auf einem Thron. Weit weg von uns – und angsteinflößend. Der Gott, der uns aus der Krippe anguckt, ist ein Gott, der durch Kinderaugen guckt.

Und damit ist kein niedliches Kindlein mit roten Pausbäckchen gemeint, wie wir das von Bildern mit Puttenengeln drauf kennen. Die glückselige heilige Familie, die unsere Sehnsucht nach der eigenen glückseligen Familie abbildet und auch rechtfertigt. Alles ist gut, solange es nur schön friedlich und harmonisch läuft.

Der Gott, der uns aus der Krippe ansieht ist also weder ein strenger Richter-Gott, noch ein „Alles ist gut, solange es harmonisch ist“- Gott.

Weihnachten ist alles anders. Gott wird Kind und betrachtet die Welt aus Kinderaugen. Gott begibt sich sozusagen mit uns auf Augenhöhe.

Wenn wir also Gott begegnen wollen, bedeutet das zunächst einmal, dass wir uns ebenfalls auf die Augenhöhe von Kindern begeben müssen.

Das klingt ja erst einmal ganz leicht, finde ich. Gerade zu Weihnachten hat Kind-Sein ja Hochkonjunktur. Dem Kind im Mann (oder der Frau) Raum geben. Aber Kind-Werden ist mehr als unterm Tannenbaum die Eisenbahn aufzubauen und mal wieder nach Herzenslust zu spielen. – Wobei das an sich ja nicht schlecht ist. Wenn denn das Kind mitspielen darf, das die Eisenbahn bekommen hat.

Auf Augenhöhe mit Kindern zu sein, heißt für mich vor allem, sie ernst zu nehmen. Und bereit sein etwas zu lernen. Denn wenn ich mich mit jemandem auf Augenhöhe begebe, dann nehme ich seinen oder ihren Blickwinkel ein, dann erweitere ich meinen Horizont, lerne also dazu.

Wenn ich auf Augenhöhe mit meinen Kindern oder Enkelkindern sein will, dann darf ich mich nicht herablassen, sondern dann muß ich mich anstrengen.

Das klingt noch ein wenig theoretisch. Ein Beispiel.

Ich war mit meinem Sohn auf den Weihnachtsmarkt in Husum. Wir wollten gerade zurück zum Auto gehe, da hält er mich am Arm fest und zeigt auf einen Bettler.

„Papa, warum hast Du dem Mann nichts gegeben?“

Tja warum – wie soll ich ihm das erklären. Weil hier so viele Bettler sind und ich doch nicht allen etwas geben kann. Weil es Bettler gibt, die aus richtigen Drückerkolonnen kommen und professionell betteln? Weil ich kein Kleingeld habe? Weil, weil, weil …
Oder weil ich einfach abgestumpft bin – und manches Leid einfach nicht mehr wahrnehmen will? Oder weil ich Angst habe? Berührungsängste? Weil ich einer von denen aus der Statistik von vorhin bin? Weil es mir zu gut geht?

Diese und noch viele andere Gedanken sind mir in dem Moment durch den Kopf gegangen. Erst habe ich mich gerechtfertigt, dann habe ich mich zunehmend hinterfragt und schließlich habe ich mich geschämt. Alles in ein paar Sekunden.

Ich habe meinem Sohn dann Geld in die Hand gedrückt und wir sind beide zu dem Bettler hingegangen.

Zu dieser Szene ließe sich noch einiges sagen. Über mich. Über Erwachsene und Kinder im allgemeinen. Und über das Leben in unserem Land.

Und deswegen ist das heute Nacht für mich die entscheidende Frage: „Papa, warum machst Du das?“

Genau das meine ich mit der Augenhöhe und dem Blickwinkel. Wenn Kinder fragen, dann haben sie manchmal etwas unglaublich entlarvendes an sich, fast entblößend. Man fühlt sich dann geneigt, die Frage mit einem „Das verstehst Du noch nicht.“ Wegzuwischen. Und auch selber schnell wieder zu vergessen. Weil ich vieles ja selber nicht verstehe. Auf diese Weise kann man einem Kind das Fragen irgendwann abgewöhnen.

Dabei sind solche Fragen eine Chance. Die Chance, den eigenen Blickwinkel auf die Welt hinterfragen zu lassen. Das ist meistens sehr unangenehm, aber oft auch heilsam. Papa, warum tust Du das? Oder Mama, Oma. Opa – warum tust Du das Warum fahren wir mit dem Auto, wenn davon die Erde wärmer wird? Warum essen wir Fleisch, wenn dafür Tiere sterben müssen? Warum muß der Papa von meinem Freund in den Krieg – wir haben doch keinem was getan?

Warum tun wir das? (Das wird irgendwann unangenehm, oder?)

Jetzt bin über den Umweg über den Blick aus der Krippe und die Kinderaugen und die Fragen, doch wieder da gelandet, wo ich am Anfang war. Denn diese Fragen kann man ja alle als Anklagen hören. Und von da ist der Weg zum strafenden Richter Gott nicht mehr weit.

Aber das Kind in der Krippe kann noch mehr als mit seinen Augen fragen. Es kann bei uns Kräfte wecken.

Denn die Frage eines Kindes, „Warum tust Du das?“, ist ja keine Anklage, sondern geht von dem festen Vertrauen aus, Papa tut das richtige. Das Kind fragt, warum tust du das und zwar in dem festen Vertrauen darauf, dass man das Gute und richtige tut. Und dieses Vertrauen, das Kinder in ihre Eltern, Großeltern oder auch Lehrer stecken, das kann einen dann aus aller Lethargie und Resignation herausreißen – und plötzlich hat man das Gefühl, es bringt doch was.

Wenn mich jemand so anguckt, in dem Vertrauen, dass ich das richtige tue, dann hinterfrage ich mich selber noch mal anders und neu. Warum tue ich eigentlich nicht das richtige? Ich kann das doch.

Und genau dieses Grundgefühl, dieses Vertrauen, „Du kannst das doch!“, ist der Blick des Kindes aus der Krippe.

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