Du hast dich meiner Seele angenommen! (Jes 38,1-5)

Jes 38,1-5
[1] Zu der Zeit wurde Hiskia todkrank. Und der Prophet Jesaja, der Sohn des Amoz, kam zu ihm und sprach zu ihm: So spricht der HERR: Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht am Leben bleiben. [2] Da wandte Hiskia sein Angesicht zur Wand und betete zum HERRN [3] und sprach: Gedenke doch, HERR, wie ich vor dir in Treue und ungeteilten Herzens gewandelt bin und habe getan, was dir gefallen hat. Und Hiskia weinte sehr. [4] Da geschah das Wort des HERRN zu Jesaja: [5] Geh hin und sage Hiskia: So spricht der HERR, der Gott deines Vaters David: Ich habe dein Gebet gehört und deine Tränen gesehen. Siehe, ich will deinen Tagen noch fünfzehn Jahre zulegen.

[32jähriger Mann, HIV-positiv]

Lieber N.N., liebe N.N., liebe Trauernde,

der Tod von N.N. hat uns an den Ort gebracht, wo Abschied genommen wird. Wir wurden nicht gefragt, ob wir das wollen oder nicht, ob wir das aushalten und schaffen können, was uns jetzt bevorsteht und was der Tod von N.N. mit solch einer Endgültigkeit in unser Leben gebracht hat. N.N. ist auf einmal nicht mehr da. N.N. – der so tiefe Spuren bei all denen zurückgelassen hat, die ihn kennen, schätzen oder lieben gelernt haben. Unsere Wege mit N.N. enden hier. N.N., der so wunderbar zuhören konnte, … der einem bis auf den Grund der Seele blicken konnte, … der immer so liebevoll war, so ruhig, so weich auch und doch in allem so konsequent wahrhaftig. N.N., der Kreative, der genießen konnte … und trösten … und zur Seite stehen. N.N., der zumindest in den vielen Monaten, die ich ihn jetzt kenne, mit solchem Ernst und mit solcher Tiefe nachdenken und fragen konnte über das Leben und seinen Sinn, über seine Begrenztheit und Endlichkeit.

Wir suchen in unserer Trauer Trost – dort, wo auch N.N. ihn in den letzten Monaten und Tagen gefunden hat: bei Gott … in der Bibel. Im Alten Testament, im Buch des Propheten Jesaja begegnet im 38. Kapitel ein König, der sich mit einer tödlicher Krankheit und dem nahenden Ende seines Lebens auseinandersetzen muss: „Zu der Zeit ward Hiskia todkrank. Und der Prophet Jesaja kam zu ihm und sprach: So spricht der Herr: Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht am Leben bleiben. Da wandte Hiskia sein Angesicht zur Wand und betete zum Herrn und sprach: Gedenke doch, Herr, wie ich vor dir gewandelt bin in der Wahrheit, mit vollkommenem Herzen, und habe getan, was dir gefallen hat. Und Hiskia weinte sehr. Da geschah das Wort des Herrn zu Jesaja und sprach: Gehe hin und sage Hiskia: So spricht der Herr, der Gott deines Vaters David: Ich habe dein Gebet gehört und deine Tränen gesehen. Siehe, ich will deinen Tagen noch fünfzehn Jahre zulegen.“

Hiskia, König im alten Israel, erlebt eine Stunde, die alle Menschen fürchten, die Stunde, in der eine Krankheit als Krankheit zum Tode diagnostiziert wird. Keine Aussicht auf Genesung. Welche Krankheit das war, wissen wir nicht, wir finden auch keinen Arzt bei ihm, sondern den Propheten Jesaja, der ihm von Gott ausrichten soll: „Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben. Was du noch tun willst, wofür du noch Sorge tragen musst, das tue jetzt!“ Das ist letzter Ernst. Und kein Mensch ist diesem letzten Ernst sofort gewachsen.

Nur ganz wenige unter uns werden sich daran erinnern, wann N.N. den Bescheid „HIV-positiv“ erhalten hat und wie er damit umgegangen ist. Er trug seine Krankheit mit sehr viel Würde, hat sich natürlich dabei verändert. Und so haben dann doch auch manche von uns nach und nach erahnen können, wie es um ihn steht, bis es dann durch den Krankenhausaufenthalt letzten Sommer allzu deutlich wurde, und er es mehr und mehr auch erzählen und benennen konnte.

Hiskia wendet sein Angesicht zur Wand. Er will das Zimmer nicht mehr sehen, mit all den vertrauten und liebgewordenen Gegenständen, das Fenster nicht mehr, durch das am Morgen das Licht des kommenden Tages zu ihm hereindringt, und auch die Menschen nicht, die bei ihm sind. Von allem, was sein Leben ausmacht, kehrt Hiskia sich ab und kehrt ein bei sich selbst.

Auch N.N. hatte zeitweise den starken Drang, sich abzuwenden, mit dem Gesicht zur Wand stehen zu bleiben und vor der Zeit aufzugeben und aufzuhören. Aber auf bewundernswerte Weise hat auch er dann, als die Krankheit deutlich ihre Spuren zeigte, die Hinwendung zum Leben und zu den Menschen geschafft. Er hat sich auf Beziehungen und neue Menschen eingelassen, obwohl er wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Er hat noch einmal zu malen angefangen, hat seine Bilder ausgestellt und Erfolg erlebt, Anerkennung und Wertschätzung. Er hat gelebt in der ihm noch möglichen Fülle bis zum Schluss! Und als einer, der am Ostersonntag geboren ist, hat er sich am Ende seines Lebens das tiefe Wissen erarbeitet und bewahrt, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist. In einem Brief hat er einmal geschrieben: „Ich hab an Ostersonntag Geburtstag. Am Tag als Jesus von den Toten auferstand. Das hört sich doch gut an!“

Hiskia, der König, beginnt mit der inneren Arbeit des Abschiednehmens, die ihm niemand abnehmen kann. Vor allem aber kehrt er sich hin zu dem, der ihn jetzt mehr als alles andere angeht. Hiskia betet. Und betend kämpft er um sein Leben. In wenigen Worten wird dieser Kampf ausgefochten. Hiskia erinnert Gott daran, dass er treu und mit ungeteiltem Herzen vor ihm gelebt hat.

Treu und mit ungeteiltem Herzen vor Gott gelebt zu haben – das hat N.N. nicht so einfach sagen können. Nicht weil es nicht gestimmt hätte – im Laufe der Jahre seiner Auseinandersetzung mit Theologie und Kirche hat er das ja auch sagen gelernt. Nein – der Gott seiner Kindheit hat N.N. viel Beschwernis im Leben bereitet. Die Kirche trägt viel kollektive Schuld an einem Gottesbild, das N.N. und mit ihm vielen Männern und Frauen, die ihresgleichen lieben, vor und nach ihrem Coming-Out nicht nur große Schwierigkeiten machte, sondern ihnen auch innerhalb ihrer Mauern, ihres Denkens und Lebens keinen Platz gewährte. Die Luft zum Atmen wurde für N.N. in der Kirche sehr knapp. Immer weniger schien seine Art zu leben und zu lieben vereinbar mit dem, was jahrelang gepredigt wurde. Und auch er hat mit vielen anderen hören müssen, wie Christen ohne zu zögern bereit waren, Homosexuellen die Anerkennung als wertvolle und von Gott geliebte Menschen abzusprechen. N.N. hat das alles erlebt – überlebt – , und er hat sich nicht abfertigen lassen, er hat nicht lockergelassen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. N.N. hat sich auf die Suche gemacht und das ganz andere Gesicht Gottes entdeckt. Er hat den Gott der Liebe und des Friedens für alle Menschen gefunden, … den Gott, der bedingungslos jedes menschliche Leben annimmt und schützt und trägt, das in Liebe und Treue zum Mitmenschen, auch dem allernächsten Lebenspartner, und in Ehrfurcht vor allem Lebendigen gelebt wird. Geborgen in den Armen dieses Gottes hat N.N. in den letzten Jahren und Monaten leben und atmen, lieben und jetzt vergangenen Sonntagmorgen auch sterben können.

Hiskia ist wieder gesund geworden. Gott hat seine Tränen gesehen und sein Gebet gehört. Er gab ihm noch fünfzehn Jahre zu leben. Die Krankheitsgeschichte des Hiskia hört nicht auf mit dem Gesundwerden. Offenbar ist Genesung mehr als Gesundwerden. Genesen ist ein Mensch dann, wenn er nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergeht. Die Berührung mit dem Sterbenmüssen, mit diesem ersten Sterben, wie man es auch nennen und denken kann, verändert ein Leben. Die Erfahrung der Grenze will in uns bleiben, will bewahrt werden und an uns arbeiten.

N.N. waren nach der Diagnose keine 15 Jahre geblieben. Viel weniger war’s. Zu wenig auch für uns. Viel zu früh musste N.N.’s Leben enden – aber nicht unvollendet. Erinnern wir uns an diese intensive letzte Zeit, in der N.N. noch lebte. Geschenkte Zeit für ihn und für uns! N.N. hat daran gearbeitet, dass die schwere Krankheitszeit zur Gotteszeit werden konnte. Gnadenzeit, in der er lernen konnte, ganz bewusst zu leben, ganz tief zu lieben und eben jetzt auch mit aller Würde und viel Liebe zum Leben zu sterben.

Hiskia, der König, schließt seine Geschichte mit Worten, die wie eine Summe seiner Gotteserfahrung in der Krankheit sind: Herr, davon lebt man: Siehe um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdirbt. Hiskia kann sagen, was er in der Auseinandersetzung mit dem Sterben erfahren hat: Du hast dich meiner Seele angenommen, dass sie nicht verdirbt. Er hat in der Not seines kranken Leibes und im Gesundwerden seines Körpers die Erfahrung seiner Seele gemacht – die Erfahrung des Ortes, wo alle Widerfahrnisse unseres Lebens, alle Krankheiten und Kränkungen, alle Begegnungen und alle Abschiede, jede gelebte Liebe und jede erfahrene Grenze, jedes Glück und alle Traurigkeiten unseres Lebens aufgezeichnet und prägend eingezeichnet sind.

„Du hast dich meiner Seele angenommen!“ – das hat N.N. am Ende seines Lebens, nach viel Ringen mit den Menschen und mit Gott, auch sagen können. Wie N.N. diese Erfahrung der heilenden Gottesbegegnung zu machen – sich angenommen und aufgehoben zu wissen bei Gott, dem besten Freund der Menschen, das ist mein Wunsch für uns alle heute an diesem Sarg.

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