Draußen vor dem Tor (Jahreslosung 2013)

Predigt Hebräer 13,14 (Jahreslosung 2013) von Pfarrer Johannes Taig

12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.
13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.
14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.


Liebe Gemeinde,

mit Jahreslosungen haben wir immer das gleiche Problem: Sie dürfen nicht aus dem Zusammenhang gerissen werden. Nein, hier geht es nicht um Vertröstung auf das Jenseits und auch nicht um Trost aus dem Jenseits. Nein, hier wird nicht über die allgemeine Vergänglichkeit der Welt und des eigenen Lebens nachgedacht und auch nicht darüber, was dann noch kommen könnte.

Solche Überlegungen kann man nur anstellen, wenn man den Orgelpunkt des Hebräerbriefes übersieht, der sich wenige Verse vor der Jahreslosung finden lässt: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ (13,8) Dass wir hier keine bleibende Stadt haben, ist keine allgemeine Einsicht, sondern sie ist pointiert begründet: Durch Jesus Christus.

Wir haben ja alle noch das Weihnachtsevangelium im Ohr, das davon spricht, dass Gott eben nicht in seinem Jenseits blieb, um dort auf uns in all seiner Herrlichkeit zu warten. Er macht sich auf, um zur Welt zu kommen und in Fleisch und Blut sehr diesseitig bei uns zu sein. Nein, er wird nicht geboren im Königshaus oder in den Häusern des Geldes, der Macht, der Politik und der Religion. Was immer der Stall von Bethlehem gewesen sein mag: Schon bei seiner Geburt befindet sich der Christus draußen vor dem Tor. Und draußen vor dem Tor wird man ihn umbringen.

„Draußen vor dem Tor, dort wurden die Opferreste verbrannt. Dort wurden die Verbrecher hingerichtet. Dort haben manchmal die Scheiterhaufen gestanden. Dort vegetierte der tote und der lebende Müll der Gesellschaft.“ (Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh, GPM, 1/2008, Heft 2, S. 167) Es ist ja alles andere als ein Zufall, dass die Hospitäler des Mittelalters – wie auch das 1264 erbaute Hofer Hospital mit seiner Kirche – außerhalb der Stadtmauern errichtet wurden. Dort gehörten die hin, die aufgrund ihrer körperlichen und geistigen Gebrechen auf Barmherzigkeit angewiesen waren. Man wollte sie nicht im Alltag der Stadt sehen. In der Hospitalkirche saß man lange draußen vor dem Unteren Tor.

Noch 1675 schrieb der Hospitalpfarrer Nicolaus Meyer: „Es ist ein Kirchlein, gewesen als armes Waislein, um welches sich niemand groß bekümmert hat und ist von den großen Herren und Frauen der Stadt wenig oder gar nicht besucht worden, dass auch viele nicht gewusst, wie es darinnen stehe und sehe, auch wohl eine Furcht und Abscheu davor gehabt. Es hat ausgesehen wie eine Badstube, darinnen man nichts Gemaltes gesehen. Die Decke auf der halben Seite gegen die Pfründerstube war sie meistens verfaulet, unförmlich ausgeflickt und unterstützt vom Überlauf der Rinnen, welche zwischen der Kirche und Pfründners Wohnung gelegen. Die Wände waren düster, staubicht und auf zwei Seiten von dem Eintriefen grün und gelb angelaufen.“ Zitat Ende. Da gingen die feinen Damen und Herren doch lieber in die Michaeliskirche.

Dass die Hospitalkirche dank vieler Bewahrungen und der tätigen Liebe ihrer Gemeindeglieder über die Jahrhunderte ein Schatzkästlein geworden ist, soll uns die Wahrheit nicht verstellen, die in der Jahreslosung ausgesprochen wird. Wir sind als Christenmenschen nicht zum Gucken in das Himmelreich, sondern zur konsequenten Nachfolge Christi gerufen. Und wer ihm konsequent nachfolgt, der muss vor die Tore der Stadt. Haben wir noch den Mut dazu?

Ein Ausleger schreibt: „Diese Fragen provozieren ein Christentum, das sich eine Steigerung seiner Attraktivität von einer verbesserten Lokalisierung und Temporalisierung in schönen Kirchen, mit Bräuchen und Festen, von einer engen Verbindung zu Kultur und Bildung erhofft. Die politische Macht konzentriert sich hinter Mauern und Zäunen; doch das Heil ist draußen vor dem Tor. Auf den Märkten der Städte sammelt sich der Reichtum; doch das Heil ist draußen vor dem Tor. Durch die Straßen und über die Bildschirme flanieren die Schönheit und die Erotik; doch das Heil ist draußen vor dem Tor. Die Religion findet ihre anerkannte und ausstrahlende Gestalt in den gepflegten Kirchen der Stadt; doch das Heil ist draußen vor dem Tor.

Wo ist das heute: ‚draußen vor dem Tor‘? Wer ist da zu finden? Was ist die Schmach, die es mit zu tragen gilt? Vielleicht erst einmal nur die, nicht vorne und oben dabei zu sein. Zu einem ‚Verein‘ zu gehören, der in den Augen der veröffentlichten Meinung vielleicht gut für Kinder und Alte ist, aber doch nicht für die Schönen und Starken, für die, die etwas erreichen wollen und ihr Leben selbstbewusst in die Hand nehmen. Ist das ein Schatten der Schmach: zu einer Kirche der Zurückbleibenden und Unbedeutenden zu gehören?

Wer hinausgeht zum Opferplatz, muss vieles hinter sich lassen: Häuser, Gemeinschaft, Kultur, Macht. Wer hinausgeht zum Opferplatz, muss sich von vielem trennen: von vermeintlicher Anerkennung und Sicherheit. Türen fallen zu, wenn Gemeinden aus dem Tor gehen: Herr Studienrat, Herr Direktor, Herr Gerichtsarzt, Herr Oberarzt. … Alle sitzen sie hinter ihren Türen. Und ihre Tür haben sie fest zu. Und wir stehen draußen.“ (Cornelius-Bundschuh, aaO. S.166 f.)

Und doch: Was hilft es, wenn der Christus nur draußen auf uns wartet? Was hilft es, wenn der Christus sich demonstrativ nicht eingemeinden lässt in das, was auf unserer Welt etwas gelten und gern ewig bleiben will? Das Heil Gottes ist eben nicht anders zu haben, als draußen vor dem Tor, ohne die vermeintliche Sicherheit des Menschengemachten, nur in der Abkehr und im Lassen der Dinge, wie Meister Eckhart nicht müde wird zu erklären.

Und doch: Ist das nicht überaus tröstlich, dass wir auf der Suche nach Gott nicht alle verdammten Wüsten dieser Welt und alle verdammten Wüsten unserer Seele durchstöbern müssen, sondern dass er schon draußen vor dem Tor steht? Er ist nicht weiter weg, als vor der eigenen Tür. Der Christus, in dem alle Vergangenheit, alle Gegenwart und alle Zukunft beschlossen liegt. Der Christus, der die Schlüssel der Hölle und des Todes hat (Offenbarung 1,18), damit dort keiner mehr eingesperrt bleibt. Der Christus, der die Tür wieder aufschließt zum schönen Paradies, wie wir im Weihnachtslied gesungen haben (EG 27/6).

Am Ende eines alten und am Beginn eines neuen Jahres halten wir inne. Wir erinnern uns, was war und brechen auf in eine ungewisse Zukunft. Nein, wir haben hier keine bleibende Stadt. Aber nicht aus Gründen der allgemeinen Vergänglichkeit der Welt und unseres Lebens, sondern aus einem ganz konkreten Grund: Weil Gott seinen Christus zu uns gesandt hat, um uns auf den Heimweg zu Gott zu bringen. Die Jahreslosung ruft uns dazu auf, ihm nachzufolgen, ihn vor Augen und sein Wort im Ohr zu haben. Dann werden auch die Besucher der Hospitalkirche, der Kirche draußen vor dem Tor, nicht vergessen und notfalls neu lernen, was christliche Gemeinde eigentlich ist: Ekklesia, die von Gott Herausgerufene.

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