„Dienstanweisung an einen Christenmenschen“ oder Hilfe: Gutmenschen (Römer 12, 17-21)

Die wenigsten werden sich daran erinnern: das Unwort des Jahres 2015 war das Wort: „Gutmensch“

Es ist anders als andere Unworte bis heute nicht wirklich aus unserer Alltagssprache wieder verschwunden. Wer als Gutmensch bezeichnet wird, kann bestenfalls Mitleid, eher aber Spott und Verachtung erwarten. Es schwingt immer die gleiche ablehnende Grundstimmung in der Einschätzung und Wahrnehmung von Gutmenschen mit: Notorisch, ewig, eifrig, überzeugt, klassisch, grün, links, naiv, selbsternannt, moralisierend und heuchlerisch – das alles kann ein Gutmensch sein, gemäss den Belegstellen des Wörterbuchs der deutschen Sprache. Der Gutmensch ist permanent betroffen und schwingt gerne Keulen: die Holocaust-, Auschwitz- oder ganz allgemein die Moralkeule. Damit schlägt er zwar niemanden tot, aber er nervt gewaltig. ( nzz.ch 12.01.2016)

Ein bisschen kommen mir die Ratschläge für ein christliches Leben aus der Feder des Apostels Paulus auch so  vor:  Dienstanweisung für einen Christenmenschen – aber ein wenig weltfremd und realitätsfern.

Anders gesagt: Ist ja alles richtig, aber so läuft es im Leben doch nicht wirklich.

Wirklich?

Als auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015/2016 aus humanitären Gründen die Grenzen innerhalb Europas geöffnet wurden, haben nicht nur viele  Flüchtlinge, die mit dem Leben davon gekommen waren unter Beifall begrüßt, sie haben sich zeitlich und menschlich intensiv auch in der Begleitung und Betreuung von Flüchtlingen engagiert, und zwar ohne nach Zeit und Nutzen zu fragen, weil es ihnen ein humanitäres Anliegen, eine Herzenssache war. Sie haben mit ihrer Haltung zugleich die Finger in offene Wunden der Gesellschaft, des politischen Umgangs mit Krisenländern und Diktaturen, aber auch wirtschaftlicher Ungerechtigkeiten gelegt und nachhaltig gestört, aber nicht mit Worten, Forderungen oder Appellen, sondern mit Taten und Gesten. Und eine Zeitlang haben ihnen das viele unaufgeregt abgenommen und sich inhaltlich mit ihnen solidarisiert. 

Irgendwann hat sich dann aber Misstrauen und Feindseligkeit durchgesetzt und es entstand der Generalverdacht und -vorwurf: Gutmenschen – Hilfe!

Das ist mittlerweile lange her. Gerade die Anfangszeit von Pegida hat der Ablehnung und Feindseligkeit mit dem mehr oder weniger offenen Spiel mit vorhandenen Ängsten lautstark Beachtung verschafft.

Im letzten Jahr waren es Schülerinnen und Schüler, die mit ihren fridays for future – Demonstrationen und jugendlichem Radikalismus eine Kehrtwende in der Klimapolitik gefordert haben und sie hörten noch viel schneller den Vorwurf: moralisierende Gutmenschen, infantiles Gehabe, sie sollen erst einmal etwas leisten, sie sollen lernen, ehe sie fordern – obwohl eigentlich alle wissen und eingestehen, dass die Anliegen berechtigt und die Forderungen angemessen sind.

Und um bei uns anzukommen: wie oft haben wir in einem Streit schon an den Kopf geworfen bekommen: und du gehst sonntags in die Kirche, du willst  Christ sein und dann so was….?

Was für ein Totschlagargument: warum kümmerst du dich nicht um Mutter, du willst doch Christ sein?

Warum zahlst du nicht die Schulden – du willst Christ sein?

Warum streitest du dich und gibst nicht klein bei – du willst doch Christ sein….!

Ich könnte die Liste noch lange weiterspinnen.

Ich habe persönlich oft genug gespürt, wie alle von mir erwarten,  berufs- und glaubensbedingt Sozialarbeiter und Sozialtherapeut in Familie und Bekanntenkreis zu sein und für alle stellvertretend diese Rolle ohne Widerspruch zu übernehmen – als Christ, als Pfarrer, als kirchlicher Mitarbeiter.

Dabei habe ich die gleichen Ängste, die gleichen Vorbehalte, die gleichen Sorgen wie alle anderen auch. Ich spüre die gleichen Grenzen, wenn sich Verstand und Gefühl in mir miteinander überwerfen.

Ich bin genauso verletzbar, empfindlich und oft genug gekrängt wie andere.

Ich bin genauso neidisch, ehrgeizig, manchmal auch egoistisch wie Menschen es eben sind. 

Nur deshalb kann eigentlich etwas, was ein Lob sein müsste, als Schimpfwort missbraucht werden: du Gutmensch.

Wenn alle Menschen gut wären, gut lebten und gut handelten – dann wäre die Welt gerecht, friedlich und eine bergende Heimstatt für alle und jeden.

Es gäbe keinen Konflikt zwischen Wirtschaft und Umwelt, es gäbe keine Diskriminierung wegen Aussehen, Herkunft, Glauben, sexueller Orientierung, keinen Rassismus und keine Ausländerfeindlichkeit und wir müssten und auch nicht über Quotenregelungen in Aufsichtsräten, Parlamenten oder kirchlichen Leitungsämtern streiten. Die Schere zwischen arm und reich, zwischen Nord und Süd, die Konkurrenz zwischen den Generationen, der Kampf der Ideologien um die Köpfe und Herzen der Menschen wäre längst vergessen, es wären buchstäblich paradiesische und himmlische Zustände.

Paulus ist kein Moralist. Er hat den Römern in seinem Brief längst und was wichtiger ist: zuallererst klar gemacht, was und wer wir alle über die Grenzen von Raum und Zeit als Menschen schon immer sind bevor wir wie Gutmenschen wirken: Sünder, Menschen in ihren eigenen Grenzen und Schwächen gefangen, unfähig aus diesem Kreislauf, aus diesem Hamsterrad von Anspruch Wirklichkeit herauszukommen und zugleich ratlos und ahnungslos von dem, was in uns immer und gerade passiert…

Aber wir müssen genau darüber reden; diesen Widerspruch, der in uns tief verwurzelt ist, nicht länger ignorieren, sondern aufdecken, eingestehen, zugeben ohne Überheblichkeit. Wir müssen darüber reden, auch über Sünde und über Gottes Maßstab für Gerechtigkeit, über Gottes Reich, den Himmel, den wir glauben und die Hölle, die wir verantworten und besser noch: ohne großes Aufsehen einfach anders leben. Wir brauchen also wirklich eine Dienstanweisung oder Handreichung für einen Christenmenschen.

Ein paar Grundüberzeugungen können helfen:

Ich kann versuchen, in meinem Gegenüber nicht nur die Schwächen zu entdecken, sondern die Stärken, die liebenswerten Anteile und diese stark machen: Ich sage dir darum zuerst, was du gut kannst und nicht, was du falsch machst.

Ich muss nicht immer auf meinem Recht bestehen, sondern kann auch die Not, die Angst und Verletzung meiner Kontrahenten wahrnehmen und lernen, ihr Verhalten zu verstehen, auch wenn ich es nicht gutheiße, auch  wenn es mich trifft und verletzt. Das ist für mich ein viel größeres Zeichen von Stärke.

Rache ist nie ein Ausweg. Gleiches mit gleichem zu vergelten, war mal der Beginn des rechtlichen Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit. Aber manchmal ist auch das zuviel. Es ist gut, dass unser Rechtssystem nicht nur auf dem Rachegedanken, sondern auch auf dem Prinzip der Wiedereingliederung, der zweiten und dritten Chance beruht, auch wenn das manchmal nur schwer auszuhalten ist. Vergebung der Sünden heißt ja im Alltag: Gott gewährt mir eine zweite und dritte und noch unzählige mehr neue Chancen. Zu Ende ist eine Geschichte immer erst, wenn sie wirklich zu Ende ist….siehe Joseph und seine Brüder

Und der Unterschied liegt dann allein darin, dass wir aus dem Vertrauen leben, dass Gott gedenkt, es gut zu machen, nicht darin, dass wir bessere Menschen sind. Amen

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