Die Weihnachts-Bewegung

Alle Jahre wieder, kommt das Christuskind, auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind. Alle Jahre wieder, fragt der Journalist, was uns denn am Christfest, lieb und teuer ist. Vielleicht sind Euch auch diese Frage- und Antwort-Spiele aufgefallen. Alle Jahre wieder. In den Zeitungen, im Radio, im Fernsehen. Die Antworten sind unterschiedlich – sie hängen sehr davon ab, wer gefragt wird. Eine Schülerin wird vielleicht antworten: Die Ferien. Ein Geschäftsmann wird sagen: Die guten Umsätze, das gute Geschäft. Ein Kind wird sagen: Die Geschenke. Ja – Weihnachten ist zu einem Fest des Schenkens geworden. Wochenlang sind wir beschäftigt, um etwas zu finden oder herzustellen, womit wir anderen eine Freude machen, und sicherlich ist es auch gut, dass Weihnachten immer wieder auch für uns zum Anlass wird, über den eigenen Umkreis hinaus zu denken an die Not fremder Menschen, an die Not der Welt. Aber mir ist aufgefallen, dass bei den meisten Gefragten nicht die Geschenke im Mittelpunkt stehen. Die meisten Erwachsenen antworten praktisch dasselbe: An Weihnachten ist mir am wichtigsten – die Familie. Das Beisammensein in der Familie, die oft weit verstreut lebt, und an diesem Fest ihre Gemeinsamkeit feiert. Nicht die Bescherung, sondern die Gemeinschaft ist wichtig. Wir haben den Geburtstag von Jesus, dem Christus unmerklich umgestaltet in ein Fest der Familie, ein Fest des Kindes. Das ist auch gut so, denn Familie und Kinder – das gerät in unserem hektischen, ausgefülltem Leben allzu leicht an den Rand, dafür finden wir oft keine Zeit mehr, haben keine Kraft mehr. In der Zeitung las ich vor ein paar Tagen einen Artikel über „Kindheit in Deutschland.“, der hat mich sehr bewegt. Da war die Rede von Wohlstandsverwahrlosung, von Elfjährigen, die ein eigenes Zimmer, einen PC, einen Fernseher, eine Playstation haben, und auf die Frage, wann sie ihre Eltern das letzte Mal gesehen haben antworteten: „Keine Ahnung. Wenn ich nach Hause komme, schlafen die schon. Und wenn ich aufstehe, sind sie weg.“ „Die Zeit, die für Kinder [und Familie] aufgewendet wird, geht zurück. Und diese Entwicklung wird sich in den nächsten Jahrzehnten fortsetzen.“ hieß es in dem Artikel. Vielleicht ist es ganz gut, wenn wir einmal im Jahr die Familie groß machen, sie in den Mittelpunkt stellen, sie feiern. Und es wäre schön, wenn wir und alle, die Weihnachten feiern, nach den Feiertagen die Kinder und die Familie nicht wieder aus den Augen verlieren.

Aber ich glaube, das Eigentliche an Weihnachten haben wir dann immer noch nicht ganz erfasst. Ja, Weihnachten ist ein Fest des Schenkens, des einander Freude machen’s. Weihnachten ist ein Fest der Familie, ein Fest der Kinder und der Erinnerung an die Kindheit. Aber zuallererst ist Weihnachten das Fest, an dem wir feiern, dass Gott Mensch geworden ist, dass er uns nahe gekommen ist. Damit wir ihn kennen lernen. So heißt es im Johannesevangelium:

[TEXT]

„Ihr kennt Gott nicht.“ sagt Jesus. Ich, Jesus, ich kenne ihn, und ich mache ihn euch bekannt. An mir, an meinem Beispiel, in meinen Worten, da lernt ihr Gott kennen. Kennen lernen – das hat auch etwas Bedrohliches an sich, etwa wenn wir sagen: „Du wirst mich noch kennen lernen!“ Ich fürchte, an Gott kann man auch erschrecken. Es gehört zu Gott dazu, dass Menschen erschrecken, wenn sie seine Gegenwart spüren, wenn Gott nicht mehr in der Kirche oder zwischen zwei Buchdeckeln eingesperrt ist, sondern da ist, und mich fragend anschaut. Schon manchen hat es aufgeschreckt, wenn er – oder wenn sie – plötzlich leise ahnen, was richtig wäre, und wie viel Unrecht in seinem Leben verankert ist. Jesus ist nicht der „holde Knabe im lockigen Haar“ geblieben, sondern er ist ein Mann geworden, der viele Menschen erschreckt hat. Er hat alte Ordnungen aufgebrochen, liebgewordene Gewohnheiten hinterfragt. Er hat Unrecht aufgedeckt und großen Wert darauf gelegt, dass wir Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft lieben sollen, so wie er es tat. Er hat Anstoß erregt mit seiner Konsequenz, mit seiner Radikalität, mit seiner Ablehnung von falschen Kompromissen und allem so Tun als ob. Es war demnach nur folgerichtig, dass es Widerspruch gab. Viel Widerspruch. Mich jedenfalls wundert es nicht. Wer lässt sich schon gerne sagen, dass vieles anders werden muss?

Weihnachten sagt uns: Gott rückt uns auf den Pelz. Er sagt uns klipp und klar, was Sache ist, und er bringt die Dinge in Bewegung.

Ist Euch schon einmal aufgefallen, wie viel Bewegung in der Weihnachtsgeschichte ist? Fast alle Personen sind in Bewegung.

Der Kaiser wird vom Geld bewegt, er setzt seine Boten in Bewegung und die bringen alle Welt auf die Beine. Maria und Josef bewegen sich nach Bethlehem, die Engel treten zu den Hirten und diese verlassen ihre Herde und machen sich auf den Weg. Alles gerät in Bewegung – und ganz sicher wird uns all dies erzählt, damit auch wir in Bewegung geraten.

Neulich las ich ein Gedicht; ich möchte es ihnen gerne weitersagen: (Max Feigenwinter: Dieser Tag ist dir geschenkt, 1993, S.12)

"Wenn sich wieder bewegt,

was erstarrt war:

wenn wieder gesagt wird,

was verschwiegen wurde;

wenn wieder gesehen wird,

was verachtet wurde;

wenn wieder gehört wird,

was übergangen wurde;

wenn wieder gefühlt wird,

wo Kälte war;

wenn wieder lebendig wird,

was totgeglaubt war,

dann ist das Wunder neu geschehen."

Ich glaube, in diesem Gedicht kommt viel von dem zum Ausdruck, was Weihnachten für uns sein will. Ein Einbruch in satte Bewegungslosigkeit, in träge Erstarrung.

Gott will uns in Bewegung bringen, wo wir starr geworden sind, er will uns lebendig machen, wo wir abgestorben sind. Gott will uns heil machen, wo wir krank geworden sind, er will uns reich machen, wo wir arm geworden sind.

Viele Menschen feiern heute Weihnachten, weil es so Sitte ist. Innerlich haben sie aber Gott die Tür gewiesen, haben ihn vertrieben aus ihren inneren Räumen. Oder vielleicht auch nur vergessen.

Was bleibt da eigentlich zurück, wenn ich Gott verloren habe? Ich fürchte, eine große Leere, die danach hungert, gefüllt zu werden. Und die ich versuche zu füllen, mit Erfolg, mit Ansehen, mit Erlebnissen, mit Anschaffungen, mit Bier und Wein und Leckerbissen – und die doch leer bleibt. Weihnachten sagt uns, dass Gott in die Leere in meinem Herzen, in meiner Seele einziehen will.

Ich glaube, wir alle brauchen das sehr notwendig. Ich glaube das, wenn ich an Familien denke, die an Weihnachten zusammenkommen und dann merken, wie fremd sie sich geworden sind, wie wenig sie einander zu sagen haben. Ich glaube das, wenn ich daran denke, wie leicht und oft wir uns zerstreiten, und wie unsagbar schwer wir uns mit der Versöhnung tun. Ich glaube das, wenn ich daran denke, wie wenig uns gute Vorsätze helfen, die wir uns machen, und wie wenig Wert unsere Absichtserklärungen oft haben.

Veränderung – so lesen wir an vielen Stellen in der Bibel – geschieht nicht durch gute Vorsätze, durch bessere Selbstbeherrschung, sondern nur durch ein neues Herz, durch eine neue Geburt. Da, wo das Christkind, wo Jesus nicht nur in Bethlehem in einem Stall wohnen darf, sondern überall da, wo es in das Herz, in das Denken und in den Willen eines Menschen einziehen darf, sich einrichten darf, die Dinge in die Hand nehmen und in Bewegung bringen darf.

Dort geschieht Veränderung. Und dort zieht Frieden ein. Der Friede, den die Engel an Weihnachten allen Menschen versprochen haben, die ihn annehmen wollen. Gott schenke uns allen, dass auch wir zu diesen Menschen gehören.

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