Die Rose von Jericho

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend.

Hier vorne der Weihnachtsbaum. Kerzen. Die Krippe.
Die vertraute Krippe der Burgkirche.
Und wir singen die vertrauen Lieder und hören die bekannte Geschichte.
Und später werden wir essen und uns Geschenke machen.
Und hoffen, dass Weihnachten dieses Jahr für uns lebendig wird,
dass in uns etwas erblühen kann.

Jahr um Jahr feiern wir diese Geburt,
immer wieder brauchen wir dieses Fest, an dem wir weich werden,
den Gedanken und Gefühlen Raum geben und anders über unser Leben denken
als wir das üblicherweise tun.
In diesen Tagen spüren wir stärker als sonst,
welche Schatten auf unserem Leben liegen und wonach wir uns sehnen.

Die alte Geschichte, die Legenden von der Geburt Jesu,
sie holen uns in eine andere Wirklichkeit als den Alltag.
Und auch heute schauen wir neu auf diese Geschichte.

In den Wochen vor der Geburt die Wanderung von Nazareth nach Bethlehem.
Das sind rund 150 km, bergauf und bergab, das hat mindestens drei Wochen gedauert. Maria und Josef erreichen Bethlehem, Jesus wird in einer Notunterkunft geboren.
Und dort erreicht Josef die Aufforderung nach Ägypten zu fliehen.
Kurze Zeit nach der Geburt ihres Kindes ist diese Familie auf der Flucht.
Und dieser Weg ist etwa 1.500 km lang, ein halbes Jahr waren sie sicher unterwegs. Bis Herodes starb, vergingen ein paar Jahre, Jesus ist also – wie wir sagen würden – im Alter eines Schulkindes in die Heimatstadt seiner Eltern, nach Nazareth, gekommen.

In den Jahren um das Ende des zweiten Weltkriegs waren Millionen Menschen auf der Flucht, quer durch Europa, mal in die eine Himmelsrichtung, dann wieder in die andere. Je nach dem, wie die Kriegsmaschinerie gerade bewegt wurde, wohin sie die Menschen trieb. Oft genug flohen sie nicht weit genug, oder dort, wo sie ankamen, war es noch schlimmer als an dem Ort, den sie verlassen hatten. Die wenigsten von ihnen sind in die Heimat zurückgekehrt. Und viele von uns hier in der Kirche sind ihre Nachfahren. Nachfahren von Flüchtlingen.

Weltweit sind rund 45 Millionen Menschen Flüchtlinge. Etwa 300000 haben bei uns in Deutschland Zuflucht gefunden. Mehr als 2 Millionen Syrer sind auf der Flucht, 15.000 von ihnen nehmen wir bei uns auf. Mehr als 20.000 Afrikaner haben in den vergangenen Jahren auf der Flucht ihr Leben verloren, weil die Grenzen nach Europa so verschlossen sind wie damals die Grenzen für die Juden, die Deutschland nicht verlassen konnten.

Und das ist die Weihnachtspredigt – Erzählen von Menschen auf der Flucht. Von Kindern, die im Stall geboren werden oder im Luftschutzkeller. Von Kindern, die in der Notunterkunft spielen, in der Baracke, im Flüchtlingslager. Gott wird dort geboren. Wo Menschen auf der Flucht sind, da erweist sich, ob Gott einen Platz findet.

Wer flieht, geht nicht freiwillig. Wer auf der Flucht ist, ist auf Menschen, auf Hilfe angewiesen. Flüchtlinge sind bedrohte Menschen, keine Bedrohung! Als Quirinius Landpfleger in Syrien war und Herodes König war im Auftrag Roms, da fanden Maria und Josef Menschen, die ihnen einen Stall für die Geburt zur Verfügung stellten, und Menschen, die ihnen halfen auf der monatelangen Flucht und am Ort ihrer Zuflucht zu überleben. Meine Tante, die mit ihren drei kleinen Kindern und einem Neugeborenen von Königsberg nach Travemünde floh, hat überlebt, weil jemand ihre Kinder in den schon fahrenden Zug hob und ihr noch einen Topf mit Milch in die Hand drückte. Suhel, ein Flüchtling aus dem Libanon, ist der einzige Überlebende seiner Familie. Die Eltern haben vor dem Angriff dem ältesten ihrer fünf Kinder einen Platz im Flugzeug nach Frankfurt organisieren können.

Wo Menschen auf der Flucht sind, wo Dürre herrscht, wo Wüsten durchwandert werden müssen, wo wir gerade so überleben – da wählt Gott seinen Geburtsort. In den Finsternissen und Schrecken dieser Welt, da wo die Geborgenheit verloren gegangen ist, da will Gott wohnen,

Ich will Wasserbäche auf den Bergen öffnen und Quellen auf den Feldern und ich will die Wüste zu Wasserstellen machen und das dürre Land mit Wasserbächen tränken. Jesaja 41,18
So spricht Gott: Ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre Jesaja 44,3
Wüste und Einöde werden sich freuen, die Steppe wird fröhlich sein und blühen wie ein Lilienfeld. Jesaja 35,1

Das ist die Verheißung. Im neugeborenen Kind wird diese Verheißung lebendig.
Aus der aussichtlosen Situation ergibt sich ein Neuanfang.
Aus der Dürre wächst Hoffnung.

Wir hören Musik und Sie bekommen ein Weihnachtsgeschenk.
Die Rose von Jericho wird an alle verteilt.

Musik

Sie haben die Rose von Jericho jetzt in der Hand.
Eine graubraune, vertrocknete Knolle.
Sie kommt aus Israel, aus Jordanien.
Die Legende erzählt, dass Maria auf der Flucht nach Ägypten bitterlich geweint habe. Ihre Tränen fielen auf den Wüstenboden und haben das staubige Gestrüpp erblühen lassen und sie hat es berührt. In Ägypten heißt diese Pflanze „Kaff Maryam“ – der Handballen Marias.

Diese Wüstenpflanze zieht ihre Wurzeln aus dem Erdreich zurück,
wenn sie nicht genügend Feuchtigkeit bekommt, und trocknet zu einem Ball zusammen. Dann lässt sie sich vom Wind über den Wüstenboden treiben, bis sie in einer Umgebung ankommt, wo sie wieder Nährstoffe und Wasser bekommt. Jahrzehnte kann die Rose von Jericho in scheinbar totem Zustand überdauern.
Diese außergewöhnliche Pflanze braucht nur wenig Wasser, um zum Leben erweckt zu werden. Sie ist darum zum Symbol für Überleben und für Neuanfang und Hoffnung geworden. Die dürre Pflanze ist unscheinbar. Aber der Schein trügt. Wenn Sie sie zu Hause in eine Schale legen und mit Wasser übergießen, dann wird aus dieser vertrockneten Knolle eine grüne Pracht.

Auch wenn alles leblos scheint, kann das Leben neu aufblühen.
Dass was tief verzweifelt und dürr in uns ist, kann neu Hoffnung gewinnen.
Die Zeiten, wo wir uns so vertrocknet, verhungert, verdurstet fühlen wie diese Rose von Jericho, wenn sie ohne Verwurzelung über den Wüstensand gefegt wird. Das nicht enden wollende Leid von Flüchtlingen und Vertriebenen, die vom Schicksal getrieben ihre Wurzeln eingezogen haben und einen Ort zu Lagern suchen

Und genau da kann ein Wunder geschehen.
Wenn es nach dürren Zeiten in unserem Leben wieder grünt – das ist Weihnachten. Das Verdorrte und Heimatlose ist nicht die einzige Wahrheit unseres Lebens. Weihnachten, das heißt, dass Gott in uns immer wieder aufgeht und blüht.

Vielleicht erinnert uns diese Pflanze auch daran, den Flüchtlingen unser Land zu öffnen. Damit Gott einen Platz findet geboren zu werden. Wir gewinnen Freude und Menschlichkeit, wenn wir unser Leben mit anderen teilen.
Für jede, für jeden von uns gilt: wir haben auch dürre Zeiten und stellen nicht immer etwas dar und blühen. Aber im Inneren hält Gott das Leben fest und es erwacht, sowie es mit der Liebe in Berührung kommt.

Davon erzählen wir an Weihnachten, von der neuen Zeitrechnung mit der Geburt Jesu. Von der Erfahrung, was wirklich Liebe ist – miteinander die Lasten des Lebens zu tragen. Aus Wüstengestrüpp wächst eine Wunderblume.
Unsere Täuschung liegt darin, dass wir das alles groß und glänzend und strahlend hätten. Das Wunder der Geburt Jesu aber kommt unscheinbar daher, im Mief eines Stalles, im Verborgenen, auf der Flucht, mitten in der Dürre unseres Lebens. Wenn da Liebe ist, wird Gott geboren.

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