Die religiöse 3-D-Brille

[Bereitlegen: 3-D-Brille, Bibel, Gesangbuch]

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden! Liebe Gemeinde!

Konfirmation, das ist ein besonderer Tag im Leben. Ihr steht heute im Mittelpunkt eurer Familien und unserer Kirchengemeinde. Ihr seid dem Anlass entsprechend besonders gekleidet, seid gespannt auf den weiteren Verlauf des Tages hier in der Kirche und später zu Hause. Gestern nachmittag haben wir gemeinsam die letzten Vorbereitungen für den heutigen Gottesdienst getroffen. Ein wenig Aufregung war da schon zu spüren, und das sicherlich nicht nur hier, sondern auch bei euch zu Hause. Eure Eltern haben alles für euch vorbereitet. Verwandte, Paten und Freunde sind teilweise von weither gekommen, um diesen Tag gemeinsam mit euch zu erleben – und nun ist es soweit. Viele Glückwünsche werden euch gesagt, gute Worte geschrieben, und nach dem Gottesdienst warten Geschenke und eine festliche Tafel auf euch.

Konfirmation, das heißt ungefähr soviel wie „Bestätigung, Befestigung“. Da geschieht in der Kirche der festliche Abschluss des Konfirmandenunterrichts, oder anders gesagt, die feierliche Bestätigung und Bekräftigung eurer Taufe und eurer Zugehörigkeit zur Kirchengemeinde.
Konfirmation ist zugleich aber auch im Kreise der Familie so etwas wie die symbolische Feier des Erwachsenwerdens, und darum auch ein besonderer Tag für eure Eltern. Sie werden gespürt haben, wo ihr selbständiger werdet und eure eigenen Wege geht, wie ihr euch ins Gespräch einbringt und eure Entscheidungen und Ideen vor anderen, und eben auch vor euren Eltern umzusetzen sucht.

Es gibt also eine Menge zu sehen, zu spüren, zu erleben an diesem Tag. Doch wie deuten wir das, was heute für euch und um euch herum geschieht? (Brille aufsetzen)

Ich habe heute eine sogenannte „3-D-Brille“ mitgebracht. Sie ist gute 15 Jahre alt! Sie besteht aus Pappe und hat zwei Fenster aus einem besonderen Plastikmaterial. Es gibt auch solche Brillen, die rechts ein rotes Plastikfenster und links ein grünes haben. Wozu braucht man so was? Nun, es gibt Filme, die in sogenannter „3-D-Technik“ produziert wurden. Wenn man die mit einer solchen Brille anschaut, dann sieht man ein räumliches Bild. „Drei – D“: 3 Dimensionen – Höhe Breite und dazu die Tiefe.

Man sieht das Bild nicht flach vor sich, sondern die Bilder kommen auf einen zu; sie bestehen aus Vordergrund und Hintergrund; und man wird in das Geschehen ganz anders hineingezogen, sieht intensiver, was geschieht, steht quasi mittendrin. Eine Art Virtual Reality, wie Computerfreunde heute sagen würden.

In den 50er Jahre wurde eine ganze Reihe Filme in dieser Technik gedreht, die ziemlich aufwendig war. In den 80ern, als ihr geboren seid, gab es eine Art Revival. Die alten und einige neue Filme wurden im Kino, dann auch in den 3. Fernsehprogrammen gezeigt.

Wenn man sie so, (Brille ab) ohne diese Sehhilfe anschaute, wirkte alles verschwommen. Man erkannte nur unscharfe Bilder mit roten und grünen Rändern. (Brille auf) Erst mit solch einer Brille konnte man die Filme richtig erkennen. Die Leute saßen dann alle im Kino und waren mit diesen Brillen ausgestattet, das war Kult! (Brille ab)

Normalerweise bilden Filme nicht die ganze Wirklichkeit in eigentlichen Sinne ab – aus dem einfachen Grunde, weil Leinwand oder Bildschirm nur zwei Dimensionen haben: Höhe und Breite. Es fehlt die Tiefe. Die Bilder haben keinen Hintergrund, sie bestehen nur aus Vordergrund. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass wir das kaum wahrnehmen.

Wir halten das, was wir auf dem Bildschirm oder der Leinwand sehen, für ein perfektes Abbild der Wirklichkeit. Bilder lügen nicht, heißt es im Volksmund. Aber wenn man sich das mal genau überlegt, sehen wir ja eigentlich nur einen Teil unserer Wirklichkeit. Es fehlt eine Dimension. Wir müssen uns die fehlende Tiefe immer dazudenken, wenn wir die Dinge nicht vordergründig betrachten wollen und irgendwann merken, dass uns der Hintergrund, die Tiefendimension verloren gegangen ist. Das gilt für das Sehen im direkten Sinne wie auch in übertragener Bedeutung, also „sehen“ in der Bedeutung von „verstehen, begreifen, erkennen, feststellen …“ Denn das, was wir mit unserem natürlichen Augenlicht sehen, was wir mit unseren äußeren Sinnen wahrnehmen, ist noch nicht die ganze Wirklichkeit. Es gibt noch mehr als das, was unsere Sinne erfassen, weil es vordergründig nicht einfach zu sehen ist. Gleichwohl gehört es zu unserem Leben und gibt ihm erst den Hintergrund, die Tiefe.

Wer nun meint, dass ich auf den Glauben hinauswill, hat recht. Aber ich sage auch, dass es viele andere Erfahrungen gibt, die unser Leben wertvoll machen, nach denen wir suchen, obwohl wir sie nicht sehen, mit unseren Sinnen erfassen können, wie z.B. die Wahrheit, die Treue, die Liebe, die Gerechtigkeit.

Der Glaube nun ist quasi noch eine Dimension mehr, wenn man so will, die vierte. Der Konfirmandenunterricht wäre dann so eine Art Sehtraining, in dem wir versuchen, euch aufmerksam zu machen auf die unsichtbare Welt hinter den Dingen, auf den Sinn, den unser Leben hat, auf die religiöse Tiefendimension der Wirklichkeit. Das ist nun aber nicht so gemeint wie das Spiel: „Ich sehe ‚was, was du nicht siehst.“ Sondern: „Ich sehe ‚was, und ihr sollt es auch sehen, erfahren können.“ Und dieses Sehen kann man üben; man kann lernen, einen Blick zu bekommen für die tiefere Bedeutung dessen, was wir sehen und erleben. Darum gibt es Konfirmandenunterricht; darum feiern wir Sonntag für Sonntag Gottesdienst: um unser inneres, geistliches Auge zu trainieren.

Ich will an einem Beispiel deutlich machen, warum es wichtig, geradezu lebenswichtig ist, auch mit den Augen des christlichen Glaubens auf die Wirklichkeit zu schauen:
Nehmen wir einen Menschen und fragen wir, was er wert sei:
Ein Chemiker berechnet den Wert nach den Grundbestandteilen des menschlichen Körpers: 68% Wasser, 20% Kohlenstoff, 6% Sauerstoff, 2% Stickstoff, 4% sonstige Bestandteile. Das ergibt, je nach Marktlage einen Wert von ca. 20 DM, wenn man einige wertvolle Spurenelemente außer acht lässt. Ich frage nun: Macht das den Wert eines Menschen aus? Ist das nicht zu oberflächlich betrachtet?
Schauen wir mit den Augen eines Versicherungsfachmannes auf den Menschen: Er rät dazu, Neugeborene mit etwa 40.000 Mark zu versichern, einen Zehnjährigen mit 50.000 Mark. Und als Erwachsener sollte man sich, je nach Lebensstandard, mit einer Summe versichern, die etwa das Zwei- bis Dreifache eines Jahreseinkommens ausmacht. Macht das also den Wert eines Erwachsenen aus: Etwa zwei- bis dreimal so viel, wie er im Jahr verdient? Ist das nicht zu vordergründig betrachtet?

Jede(r) mag hier ein eigenes Urteil haben. Mit den Augen des Glaubens betrachtet, ist jeder Mensch unvorstellbar wertvoll, weil jeder, jeder von uns etwas besonderes und einzigartiges ist. Das muss man sich einmal und immer wieder klar machen: So wie jeder von uns ist niemand sonst auf der Welt. Jeder von uns ist ein Original. Jeder Mensch ist ein einmaliger Gedanke Gottes, und darum ist die Würde jedes Menschen unverletzbar. Darum gebührt jedem Menschen Achtung und Respekt.

Für mich zeigt sich darin: Erst mit solchen christlichen Gedanken hat die Betrachtung des Menschen die nötige Tiefe gewonnen, bleibt sie nicht an der Oberfläche: Ein Mensch ist eben nicht nur die Summe von irgendwelchen Substanzen, und Liebe zwischen zwei Menschen ist mehr als nur ein hormonaler Vorgang und das was uns im Fernsehen dazu verkauft wird. Das Leben ist mehr als Schicksal und Zufall. Kurzum: Man braucht also eine (Brille kurz zeigen) 3-D-Brille im übertragenen Sinne, eine Art religiöser 3-D-Brille, um die Tiefe der Wirklichkeit zu erfassen, um die unsichtbare Welt Gottes hinter den sichtbaren Dingen wahrzunehmen. Das könnten z.B. die Bibel (zeigen) sein, oder das Gesangbuch (zeigen). Darum gibt es Konfirmandenunterricht, darum gibt es die Kirche, darum gibt es Gottesdienste, damit wir nicht hängenbleiben im Vordergründigen, damit wir nicht vorbeigehen an der letzten Wirklichkeit, die alles zusammenhält, damit wir an Gott nicht vorbeigehen.

Nun ist der Glaube nicht etwas, worüber man einmal gründlich nachdenkt und was man dann fest und sicher hat, unveränderlich und unerschütterlich. Es ist auch nicht so, dass man ihn im Konfirmandenunterricht über knapp zwei Jahre anlernt und ihn dann ohne eigene Überzeugung einfach nachsprechen soll. So wie ich ihn verstehe, kann er nicht nur Angelerntes und Nachgesprochenes sein – es gibt wenige fertige Antworten wie im Leben und so auch im Glauben, die für alle und für alles passen. Ihr habt in den vergangenen zwei Jahren ein wenig Orientierungshilfe „Sehtraining“ dafür bekommen, wie ihr nun eure eigenen Antworten selber suchen und finden könnt.

Christlicher Glaube, wie ich ihn habe euch zu vermitteln versucht, nimmt euch weder das eigenständige Denken noch die Lebensentscheidungen ab – darum kommt ihr nicht herum, auch nicht um eure Verantwortung, die damit zusammenhängt. Und das gilt auch für den Glauben selbst, oder anders gesagt, für das Vertrauen darauf, dass Gott es mit euch zu tun haben will. Jeder von euch hat die Möglichkeit, sein ganz eigenes und unverwechselbares Verhältnis zu Gott zu entdecken. Jeder kann seine persönliche Auffassung entwickeln zu dem, was das Glaubensbekenntnis ausdrückt, was in der Bibel und im Gesangbuch steht, was vom Pastor in der Predigt gesagt wird. Jeder denkt und wagt das ‚JA‘ zum Glauben auf seine Art.

Mit eurer Konfirmation seid ihr jetzt selbst gefragt, wie ihr mit diesem Glauben umgehen wollt und zu erkennen, wo er euch zum Leben hilft. Gebt euch also nicht damit zufrieden, die Welt nur „zweidimensional“ zu betrachten. Leben ist mehr als das, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können. Geht also nicht nur mit wachen Augen, sondern auch sondern mit Sinn und Verstand durchs Leben, dann werdet ihr den erkennen, der uns allen versprochen hat: „Siehe, ich bin bei euch, alle Tage, bis ans Ende der Welt.“

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