Die Mauern öffnen

Wenn vom Reformationstag die Rede ist, denken viele an jene 95 Thesen, deren Anschlag sich ja in diesem Jahr 496 Jahre her ist. Mindestens genauso beeindruckend ist für mich die Szene auf dem Reichstag zu Worms ‚Hier stehe ich, ich kann nicht anders – Gott helfe mir.‘ Legendär heißt es, also zweifelhaft ob so wirklich passiert, aber inhaltlich wohl doch richtig, dass Martin Luther in Worms standhielt – allein aus Glauben. Das erfüllt mich mit Bewunderung. Sicher, der Thesenanschlag war der erste Schritt, aber doch innerakademisch ein normaler Vorgang ,mit ungeahnten folgen. In Worms kannte Martin Luther die Folgen, die drohten und er hätte so einfach sagen können: So hab ich‘s ja nicht gemeint. Aber er bliebt standhaft und provoziert natürlich auch die Frage nach mir. Wo widerstehe ich, wo bleibe ich standhaft. Denn, wenn der Reformationstag mich nicht, kann ich ihn auch durch Halloween ersetzen.

Unser heutiger Predigttext stammt aus dem Alten Testament. Die Zeit Israels im Exil ist vorbei, aber das Land liegt am Boden Jerusalem und der Tempel sind zerstört. Das Leben muss neu geordnet werden. Ein Prophet aus der Schule von Jesaja tritt auf und redet zu dem Volk.

[TEXT]

Jerusalem ist Stadt im Verfall. Aber nicht Stadt ohne Hoffnung und schon gar nicht Stadt ohne Gott. Gott selber bewacht die Ruine Jerusalem und Gott selber wird es wieder her stellen. Aber die Menschen haben Aufgaben. Sie müssen Wege schaffen, dass alle Menschen kommen können, wenn das Heil kommt. Die am Boden Liegenden haben eine wichtige Aufgabe.

Die bedrohte Situation Jerusalems entspricht der Situation Martin Luthers auf dem Reichstag in Worms: Hier stehe ich …..

Und in diese Situation hinein spricht der Prophet seine Worte. Worte des Heils für ein heilloses Volk. Worte gegen Entmutigung und Ermattung. Die Menschen, die sich verfolgt und beschädigt fühlen erhalten die Zusage, dass Gott selber ihnen eine Zukunft bereiten will, in der sie durchatmen und aufatmen können.

Und allein damit, dass diese Menschen von Gott etwas erwarten, und sich an seine Taten erinnern, wächst die Verheißung. Der Weg für die Menschen zu Gott wird damit geöffnet, dass einige Menschen dass Heil von Gott erwarten. Diese Erwartung an sich ist schon ein Teil des Heils. Gott selber lädt uns ein, ihm keine Ruhe zu lassen, dass Jerusalem wieder aufgerichtet wird.

Wir dürfen Gott belästigen, ihm auf den Wecker gehen, das Heil einfordern. Wir alle; denn die aufgestellten Wächter sind keine Kirchenbeamten, auch keine PfarrerInnen, sondern alle Menschen, die sich rufen lassen dort zu widersprechen, wo der Wille Gottes Sachzwängen untergeordnet werden.

Die Wächter, das sind die, die unaufhörlich nerven und Gottes Willen den Menschen in Erinnerung rufen. Das sind die, die die Sünden Sünde nennen auch dort wo es politisch nicht passt. Wir können zu solchen Wächtern werden, wenn wir das Erbe der Reformation nicht nur verwalten, sondern auch weiter entwickeln.

Wir müssen – genauso wie die Israeliten damals – nicht resignieren und auch nicht uns ganz still und bescheiden verhalten. Wir dürfen unverschämt werden, gegenüber Gott und gegenüber den Menschen. Wir dürfen von Gott erwarten, dass er bei uns ist und mit uns geht – auch wenn alle gegen uns sind. Wir dürfen den Menschen ungeniert den Willen Gottes sagen, auch wenn er so gar nicht in den Zeitgeist passt, weil wir alle Beauftragte des Herrn sind.

Das Problem bleibt: ich trau mich oft nicht.

Ich habe Angst vor allzu großer Deutlichkeit. Manchmal weil mir die Argumente ausgehen, in einer hoffnungslosen Welt von Hoffnung zu reden, oder Menschen, die immer Angst haben, Zutrauen zu vermitteln.

Ich habe Angst, aber Gottes Wort macht mir Mut und die Standfestigkeit Martin Luthers in Worms bleibt mir Vorbild. So wie er stark geblieben ist, vielleicht auch, weil er die Vielen, die ihm gefolgt waren, jetzt nicht enttäuschen wollte. Darum kann ich nur beten, dass ich Kraft erhalte und daran kann ich arbeiten, dass wir Schwestern und Brüder bleiben, die einander helfen als treue Wächter Gottes vom Evangelium zu erzählen, das uns frei machen will.

Ich werde die Welt nicht retten. Das kann nur der Herr alleine. Aber ich darf mitarbeiten an seinem großartigen Werk. Ich darf darauf vertrauen, dass er sich Menschen beruft, die Kirche bilden. Eine Kirche, der es nicht auf Macht und Geld ankommt, sondern der es wichtig ist, dass sein Reich komme, sein Frieden und seine Gerechtigkeit verkündet werden. Diese Kirche ist nicht unbedingt das, was wir als verfasste Kirche im Ort erleben. Sondern die Versammlung derer, die sich von seinem Wort berufen und an seinem Tisch gestärkt aufmachen um das Wort Gottes zu sagen in eine Welt, die es nicht hören will und seinen Frieden ansagen einer Welt, die auf Gewalt baut.

Die Heilserwartung wach halten in heilloser Zeit – für Jerusalem und die Menschen für die Kirche und die Welt. Es kann keine Gemeinde geben, die innerhalb der Mauern bleibt, sie muss die Mauern öffnen und denen die Bahn bereiten, die vielleicht gar nicht darauf warten. Damals denen, die sich im Exil eingerichtet haben, heute jenen, die in Distanz und Halbdistanz verharren.

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