Die Liebe hört niemals auf! (1. Kor 13,8a)

1. Kor 13,8a
[8a] Die Liebe hört niemals auf.

Liebe Taufgemeinde!

Heute ist ein wichtiger Tag für Sie, und ganz besonders auch für NN – auch wenn er das jetzt im Moment wohl eher noch nicht so versteht. NN wird getauft, wird damit in die christliche Gemeinde aufgenommen und bekommt die Bestätigung: Ja, NN, du gehörst zu Gott. Das fängt zwar nicht erst heute in der Taufe an. Aber für uns wird es heute sichtbar und bestätigt.

Über die Taufe haben wir ja vor ein paar Wochen gesprochen, was ihnen am wichtigsten daran ist. Ich denke, das haben sie in dem Taufspruch eingefangen, den sie für NN ausgewählt haben: „Die Liebe hört niemals auf!“, so schreibt es der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth.

Die Liebe hört niemals auf! Hm. Ist das so? Man könnte da ja schon ein bisschen ins Grübeln kommen. Wenn wir uns in unserer Umgebung so umschauen – ich fürchte, da sieht man jede Menge Beispiele, wo das eher nicht so ist. Da geht eine Partnerschaft auseinander, da wollen Eltern und Kinder nichts mehr voneinander wissen, da kommt es zu ganz dummen Missverständnissen und eine Freundschaft zerbricht. Man könnte eigentlich ziemlich frustriert werden und sich denken: es nutzt doch eh nichts. Das kann gar nicht gehen, dass die Liebe nie aufhört. es gibt so viele Gegenbeispiele. Es hat eigentlich gar keinen Zweck, dass ich es ernsthaft versuche.

Oder aber, man macht es so wie Paulus. Der nämlich stellt die Liebe an die allererste Stelle, und sagt: Ohne Liebe ist alles nichts. NN’ Taufspruch steht mitten in einem ganzen Kapitel, wo es nur um die Liebe geht, und Paulus betrachtet sie aus allen Richtungen, die ihm einfallen, und kann nur immer wieder feststellen: Ja, die Liebe ist wirklich das größte, und das wichtigste. Ich will ihnen Auszüge aus diesem Kapitel einmal vorlesen.

Das Hohelied der Liebe
1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. 2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. 4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf,
7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
8 Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird […..] und die Erkenntnis aufhören wird. 9 Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. 10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. 13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Paulus lobt die Liebe, auf gut deutsch, in den Himmel. Er ist enthusiastisch und überschwänglich; heute würde man vielleicht sagen: Er ist ein Schwärmer. Vielleicht sollte man sich besser von ihm fernhalten. Dieses sanfte Gerede von Liebe, das liegt mir nicht, und das ist auch völlig an unserer Realität vorbei.

Nun muss man aber wissen: So sanft war der Paulus nicht. Eher im Gegenteil. Er hat heftige Auseinandersetzungen mit anderen gehabt, das kann man aus seinen Briefen erkennen. Und er hat da kein Blatt vor den Mund genommen. Sanft war er ganz sicher nicht. Aber trotzdem war in ihm eine ganz große Liebe wirksam: Gottes Liebe nämlich. Er war absolut davon überzeugt: Gott liebt alle Menschen. Das ist für ihn sichtbar geworden in Jesus Christus, der den Menschen Gottes Botschaft nahe gebracht hat. Paulus hat seine Zeit gebraucht, bis er das erkannt hat. Er hat von Jesus zunächst nicht gehalten. Aber irgendwann hat er gemerkt: Jesus Christus lässt mich nicht los. Seine Botschaft, dass Gott alle Menschen liebt – die ist wahr. Und deshalb darf kein einziger Mensch von dieser Botschaft ferngehalten werden. Jeder Mensch hat ein Anrecht, von Gottes Liebe zu erfahren. Und aus diesem Grund hat er sich mit anderen gestritten, mit denen nämlich, die da Begrenzungen aufrechterhalten wollten.

„Gott ist die Liebe“ heißt es in einem anderen Brief. Und Gottes Liebe wird heute in der Taufe öffentlich gemacht. Heute wird Gottes Versprechen hörbar: Gott will NN durch sein Leben begleiten und ihm zur Seite stehen.

Nun stellt sich die Frage: Wie zeigt sich das? Gott können wir ja nicht sehen. Aber wir wissen trotzdem einiges über ihn, durch das, was in der Bibel berichtet wird. In allem wird klar: Gott will uns Menschen seine Liebe schenken.

Allerdings braucht es dazu auch uns, damit dieses Geschenk überhaupt sichtbar wird. Es wird nämlich nur dann etwas von Gottes Liebe sichtbar, wenn wir diese Lebe weiterschenken! Die Aufgabe an Eltern, Paten, Großeltern, Freunde nicht zuletzt auch die Kirchengemeinde, lautet deshalb: Wir alle müssen unsere Liebe, die wir empfangen haben, an unsere Kinder weiterschenken, in diesem Fall: An NN. Durch die Liebe, die wir ihm schenken, wird er fähig, Gottes Liebe zu erkennen, wird er fähig, diese Liebe auch irgendwann weiter zu schenken.

Das ist manchmal gar nicht so leicht. Jetzt ist NN ja noch ein kleines Kind – und kleinen Kinder zu lieben, das fällt den meisten doch noch relativ leicht. Schwieriger wird’s, wenn die erste Trotzphase kommt. Und manchmal fast unmöglich erscheint es, wenn die Pubertät kommt, aber bis dahin ist es ja noch eine Weile Zeit zum „üben“. Leicht ist es jedenfalls nicht, das mit der Liebe. Es ist schon ein ziemlich hoher Anspruch, wenn wir mithelfen wollen, dass die Liebe niemals aufhört. Und manchmal, nein, oft wird es wahrscheinlich nicht so laufen, wie wir uns das vorstellen. Aber zu unserem Nachteil ist es sicher nie, wenn wir die Liebe leben und sie weitergeben.

Ich will ihnen dazu ein altes jüdisches Märchen erzählen – ich glaube, das macht vieles deutlicher als jede lange Erklärung von mir. „Das Feld der Bruderliebe“ heißt es.
Ein Vater ließ seinen zwei Söhnen ein Getreidefeld als Erbstück zurück. Sie teilten das Feld ehrlich unter sich. Der eine Sohn war reich und unverheiratet, der andere arm und mit Kindern gesegnet.

Einmal, zur Zeit der Getreideernte, lag der Reiche in der Nacht auf seinem Lager und sagte zu sich: »Ich bin reich, wozu brauche ich die Garben? Mein Bruder ist arm, und das einzige, was er für seine Familie braucht, sind die Gar­ben.« Er stand vom Bette auf, ging auf seinen Feldanteil, nahm eine ganze Menge von Garben und brachte sie auf das Feld seines Bruders.

In derselben Nacht dachte sein Bruder: »Mein Bruder hat keine Frau und keine Kinder. Das einzige, woran er Freude hat, ist sein Reichtum. Ich will ihn vermehren.« Er stand von seinem Lager aus, ging auf seinen Feldanteil und brachte seine Garben auf das Feld seines Bruders.

Als beide in der Frühe ihr Feld besuchten, staunten sie darüber, dass das Getreide nicht weniger geworden war. Ihr Staunen nahm kein Ende.

Auch in den folgenden Nächten taten sie dasselbe. Jeder brachte seine Garben auf das Feld des anderen. Und da sie an jedem Morgen merkten, dass nichts weniger geworden war, waren sie davon überzeugt, dass der Himmel sie für ihre Güte beschenkt hatte.

Aber in einer Nacht geschah es, dass beide Brüder, die Hände voller Garben, sich auf ihrem Wege begegneten. Da erkannten sie, was geschehen war, sie fielen einander
um den Hals und küßten sich. Da hörten sie eine Stimme vom Himmel: »Dieser Platz, auf dem sich so viel Bruderliebe offenbart hat, soll würdig sein, dass auf ihm mein Tempel errichtet werden soll – der Tempel der Bruderliebe.« Und tatsächlich wählte König Salomon diesen Platz für den Tempelbau.

König Salomo hat seinen Tempel, sein Gotteshaus auf diesen Platz gebaut. Auch unsere Gotteshäuser sind – hoffentlich – auf so einem Grund gebaut. Und mehr noch: Überall wo solche liebevollen Begegnungen stattfinden – da wird Gott sichtbar. NN soll seien Weg mit der Liebe Gottes gehen. Ich wünsche ihm, dass er viel Liebe erfahrt. Und ich wünsche ihm eines Tages sein eigenes „Feld der Bruderliebe“. So viel glaube ich ganz sicher: Gott ist an seiner Seite. Gottes Liebe hört niemals auf.

Uns seine Liebe soll uns begleiten und bewahren unser Leben lang.

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