Die Kraft eines freundlichen Blickes (zu Numeri 6, 22-27)

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder;

Jüdischen Ohren sind diese Worte wahrscheinlich vertraut und klingen dennoch zugleich irgendwie  ungewohnt.

Es sind ihre Worte aus ihrem Gottesdienst, aber nicht in ihrer Gottesdienstsprache. In der Synagoge werden sie hebräisch, in der Sprache der Väter und Mütter Israels gesungen, gebetet, der Name des Ewigen wird über den Kindern Israels ausgesprochen, auf sie gelegt.

Wenn sie sich in unsere, christlichen und evangelischen Gottesdienste setzen, Worte des Gebetes, des Lobes, des Dankes und des Segens gefallen lassen: ob sie Verbundenheit fühlen oder eher einen Verlust, einen Schmerz, weil es doch eigentlich ihre Worte sind, die Gott den Priestern und Nachkommen Aarons für die Kinder Israels gegeben hat? Wie hören wir diese Worte, die wir uns ausborgen dürfen, die wir geschenkt bekommen? Im christlichen Gottesdienst sind sie mittlerweile auch für uns ein Stück Heimat, ohne dass wir wahrscheinlich jedes mal spüren, wie Worte in ihrer Geschichte heimatvertrieben, zumindest aber in unserem Gebrauch heimatvergessen sein können. Ich kann und darf sie eigentlich nicht hören, mir nicht gefallen lassen ohne gleichzeitig und innig den Kindern Israels Frieden und Heil zu wünschen.

Sie muten uns so selbstverständlich christlich an, dass sie als Predigttext in den Mittelpunkt des Trinitatissonntags gestellt werden , dieses Festes, das so christlich wie kaum ein anderes ist. Es feiert unseren Glauben an den einen Gott als Schöpfer, als Erlöser, als Tröster, also als Vater, Sohn und Heilgen Geist. Jeden Sonntag mündet dieses Glaubensfest in die alten, Aaron anvertrauten Worte. Seit Martin Luthers Deutscher Messe endet jeder evangelische Gottesdienst so. Letztlich liegt es an uns, ob wir uns diese Worte des Segens als Ausdruck der Verbundenheit mit Israel oder wie einen Raub gefallen lassen. Es ist nicht selbstverständlich (gewesen), was heute wie selbstverständlich gesagt und hoffentlich geglaubt und gelebt wird: „Gottesdienst ist ein Ort der „Israelerinnerung“; er ist „Israelhaltig“. Am Segen am Schluss wird das besonders deutlich“

Was macht aber das Geheimnis gerade dieser Worte, die vielleicht wie nur wenige zur eisernen Glaubensration gehören, aus? 

Es sind poetische, ganz verdichtete Worte, wie ein Kunstwerk, ein Gemälde oder Musikstück, unmittelbar zugänglich, ohne dass ich verstehen, intellektuell begreifen oder erklären muss. Ich darf mich schlicht von ihnen berühren lassen.

Wie oft schon habe ich gehört, dass Menschen sich eigentlich nur nach diesen Worten am Ende eines Gottesdienstes sehnen, um dann in ihren Alltag, in ihr Leben oder einfach nur in die neue Woche starten zu können. Den Segen mitzunehmen – das ist für sie schon Gottesdienst.

Auch diese Erfahrung teilen wir mit unseren jüdischen Glaubensgeschwistern.

Andreas Nachama, Rabbi in Berlin, erzählt von einem jüdischen Geschäftsmann, der in seinem Beruf überlastet und überfordert an der Seele krank geworden, einen Rabbi um Hilfe für seinen Alltag bittet, dann aber alle Ratschläge abweist. Da lehnt sich „der Rabbi zurück und beginnt ganz leise die Melodie des Priestersegens. »Es segne und behüte dich der Ewige …« zu summen. Was für eine Melodie! Was für ein Text! Nachdem der Rebbe ihn ohne Text oder allenfalls mit Textbrocken vielleicht fünf Minuten gesummt, gesungen, in Ansätzen rezitiert hat, springt der Geschäftsmann auf und geht zur Tür. »Rebbe, jetzt weiß ich, was ich tun muss.«“

Es ist die Kraft der Bilder.

Es ist kein Zauber, keine Magie, keine Beschwörung.

Es ist die Trost- und Leuchtkraft der Bilder, die uns ebenso wie den Geschäftmann berühren, erschüttern, wecken, aufrichten oder stärken.

Gottes Angesicht leuchte über dir und über mir

Gottes Angesicht gehe auf über dir und über mir

Gott erhebe sein Angesicht über mir und dir

Friede, tiefe Friede dir und mir…

Ich spüre den Bildern in mir nach.

Ich höre eine zarte, am Anfang noch ganz leise Melodie. Sie beschreibt, wie der Wanderer sich in der Morgendämmerung auf den Weg in die Berge macht, noch ehe die Sonne aufgegangen ist. Aber das Licht kündigt sich schon an, es schwillt an, es wird gleich ganz da sein, hinter den Bergen leuchtet es schon und mit einmal, mit einem Jubelschrei bricht die Sonne hinter den Bergen hervor. So soll Gottes Angesicht mir leuchten, aufgehen, mein Dasein erhellen und erfüllen. Richard Strauß lässt so seine Alpensinfonie beginnen – mit einem Sonnenaufgang, für mich ein Bild für Gottes Segen, für Gottes freundlichen Blick, sein Angesicht, das über mir aufgeht.

Und er schaut dann nicht auf mich herab, so wie Menschen es tun, um sich hervorzuheben, wenn sie sich über andere stellen, ihren Vorrang  betonen und sich überlegen fühlen. Er grenzt nicht aus, wer nicht der Norm, der Vorstellung oder der Erwartung entspricht. Er verurteilt nicht, wer nicht so funktioniert wie alle es fordern. Es bleibt immer ein schützender, ein annehmender, ein liebevoller und würdigender Blick, der ein- und nicht ausschließt. 

Gottes Liebe geht nicht nur über wenigen, sondern über allen auf, den Gerechten und den Selbstgerechten, den Gescheiterten und den Erfolgreichen, den Großen und den Kleinen, den Angepassten und den Rebellischen, den Fröhlichen und den Traurigen, den Hoffnungsvollen und den Mutlosen, auch den Überheblichen und den Ängstlichen.

Auf den Blick kommt es an. Der herablassende Blick verletzt, schmerzt und ist der Anfang von Gewalt und Ungerechtigkeit. Das ist der Blick, der eine Gesellschaft spaltet wie Rassismus oder Diskriminierung von Minderheiten. Selbsternannte Herren und ihr Gefolge schauen so. Aber das ist immer das Gegenteil von Segen, das wird zum Fluch, am Ende für alle…

Gott schaut liebevoll und wartend nach uns und auf uns.

Sein Blick ist wie ein Schutzmantel.

Das ist das zweite Bild, das mir beim Segen immer vor Augen tritt.

Der Junge oder das Mädchen hat lange im Wasser getobt und kommt fröstelnd heraus. Aber die Mutter oder der Vater wartet schon mit dem Handtuch, dem Bademantel und hüllt das Kind liebevoll, bergend und wärmend ein.

Da macht sich ein Grundbedürfnis bemerkbar: jeder und jede möchte sich bergen können, in den Arm genommen werden, möchte die Liebe und die Fürsorge nicht erst verdienen müssen. Grundvertrauen hat ein jeder und muss doch eine jede auch immer wieder spüren. Gott nimmt mich nicht erst in den Arm, wenn ich es verdient habe. Er tröstet mich nicht nur, wenn ich gut, brav oder angepasst bin. Er nimmt mich in den Arm, wenn ich es nötig habe. Das ist Segen: Gottes Arme, die mich umfangen, wenn ich ein Netz, Schutz, Liebe und Frieden brauche.

Segen ist kein Schutzzauber, keine magische Formel, die vor Unheil, Krankheit oder Unglück schützt. Unser Leben ist und bleibt immer bedroht, wir werden schon geboren mit dem Wissen darum, dass dieses Leben auch sein Ende finden wird, oft genug zur Unzeit, viel zu früh! 

Segen ist aber das Versprechen, dass Gott mich in den Arm nimmt inmitten aller Not, dass sein liebevoller Blick, seine bergende Hand und seine tröstende Gegenwart als Angebot immer da sind. 

Ich darf den Blick erwidern, ich darf mich in den Arm nehmen und trösten lassen und ich darf dann die Hand auch wieder loslassen, um auf eigenen Beinen und in Frieden mit mir, meinem Leben und meinen nahen oder fernen Mitmenschen voranzuschreiten, und zwar ohne alle nach meinem Bild glauben verändern zu müssen. Wir sind schon – jeder und jede – so wie er oder sie ist, ganz und gar Ebenbild Gottes, geliebte, gesegnete, angeschaute Kinder. Und Gott sieht uns mit unseren Träumen und Wünschen, unseren Zielen und Enttäuschungen, unseren Ängsten und Schwächen, in unserer Liebesbedürftigkeit und Hilflosigkeit ebenso wie in unsere Selbstüberschätzung oder Kraftprotzerei an.

Verändern, verwandeln kann immer und alle nur der liebevolle, nicht der verurteilende Blick. Harte Herzen werden weich, traurige und verletzte Herzen getröstet und geheilt, aus Streit wird Versöhnung und eine gespaltene Gesellschaft kann geheilt werden – allein durch Gottes Liebe und Gottes Segen.

So sollen und dürfen wir uns Gotts Segen gefallen lassen am Ende eines jeden Gottesdienstes, aber auch immer zwischendurch. Wir dürfen es uns gegenseitig versprechen und versprechen lassen und jetzt nehme ich die Worte Martin Bubers, der den Segen so übertragen und übersetzt hat:

„Segne dich ER und bewahre dich; lichte ER sein Antlitz dir zu und sei dir günstig; hebe ER sein Antlitz dir zu und setze dir Frieden. Amen

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen