Die Kraft der Schwachen

So langsam verzieht sich der Pulverdampf von Böller und Raketen. Die Sicht wird wieder klarer. Aber noch, oder zum Glück, werden wir vieles nicht gewahr, was das neue Jahr für uns bereit hält.

Jedem Jahr ist eine besondere Jahreslosung mitgegeben. Genau wie im vorigen Jahr ist es wieder ein Wort vom Apostel Paulus. Genauer gesagt ein Jesuswort, das er empfangen hat: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Ein sympathisches Wort. Es kann unseren Schwächen, die wir sonst gern verbergen, etwas abgewinnen. Aber was will uns die Heilige Schrift damit sagen. Sollen wir uns etwa nicht mehr anstrengen. Nimmt es Gott doch nicht so genau. Untereinander verzeihen wir uns ja manche Schwäche. Manche Männer werden schwach beim Anblick einer schönen Frau. Kinder werden schwach, wenn im Supermarkt in Kassennähe Süßigkeiten in Griffweite locken. Teenies werden schwach, wenn Justin Bieber die Bühne betritt. Großeltern werden schwach, wenn die Enkel betteln.
Um all das geht es hier nicht. Es geht nicht um Schwäche, sondern Schwachheit. Das ist ein Unterschied. Es geht um Mängel, die so manchem anhaften, und man wäre sie gern los, aber sie sind immer da. Sie begrenzen uns. Sie ärgern uns. Sie lassen sich nicht verbergen.

Gerade für einen Mann mit gesegneten Stärken wie einer großen Entschlusskraft, mit einem gewaltigen Arbeitspensum, immer noch mit Raum für größere Pläne. Ein Mann mit so einem scharfen Geist wie der Apostel Paulus, da war jeder Art von Begrenzung doppelt im Wege. Aber die gab es.

Überraschenderweise spricht er davon gerade im Brief an die Christen in Korinth, einer Gemeinde mit einer Vorliebe für Starprediger. Er sagt ihnen: Mit denen kann ich allemal mithalten. Aber ich will die gar nicht übertrumpfen. Ihr seid auf dem völlig falschen Weg, wenn ihr die bewundert. Wenn ihr euch wünscht, auch so kraftvolle Christen zu sein wie sie den Anschein geben. Gottes Kraft wirkt nämlich gar nicht durch die Stärksten am meisten. Im Gegenteil: Er gebraucht uns mit unseren Begrenzungen. Davon kann ich ein Lied singen.
Und das tut er dann. Er spricht von einem rätselhaften „Pfahl im Fleisch“

Es muß ein Leiden gewesen sein, eine körperliche, ungewollte Einschränkung. Viele Ausleger haben bei der Spurensuche, was das gewesen sein könne, an die Umstände seiner Bekehrung gedacht. Er war unterwegs auf einer Strafexpedition gegen die Christen von Damaskus. Saulus, zu der Zeit noch ein Verfolger der Christenheit, wird aufgehalten. Wie vom Blitz getroffen, bricht er zusammen, hört eine himmlische Stimme, ein Gerichtswort. Es hat ihn voll erwischt. Er kann nichts mehr sehen, ist drei Tage lang wie benommen, außer Gefecht.

Könnte es sein, daß Jesus hier eine Schwäche, ein angeborenes Leiden benutzt hat, diesen Verfolger vorübergehend auszuschalten, ihm eine Chance zu geben, seinem Leben eine neue Orientierung zu geben. Dann wäre auch klar, daß nach seiner Bekehrung der nunmehrige Christusbekenner Paulus dieses Leiden anders bewertet. Es hätte zumindest an diesem einen Tage seinen Sinn gehabt. So deuten denn manche Ausleger den Pfahl im Fleisch als ein Anfallsleiden, eine epilepsieartige Krankheit. Andere denken an eine Sehschwäche, die wenn nicht dauernd, so doch schubweise auftrat. Darauf deutet eine Notiz aus dem Paulusbrief an die Gemeinden in Galatien:
„Ihr wißt doch, daß ich euch in Schwachheit des Leibes das Evangelium gepredigt habe beim ersten Mal. Und obwohl meine leibliche Schwäche euch ein Anstoß war, habt ihr mich nicht verachtet oder vor mir ausgespuckt, sondern wie einen Engel Gottes nahmt ihr mich auf, ja wie Christus Jesus. Wo sind nun eure Seligpreisungen geblieben? Denn ich bezeuge euch, ihr hättet, wenn es möglich gewesen wäre, eure Augen ausgerissen und mir gegeben. (Gal 4,14-15)“

Das ist ziemlich eindeutig eine Sehschwäche gewesen, in ihrer Auswirkung womöglich verbunden mit anderen dazugehörigen Einschränkungen. Also es war eine Situation, wo unter heutigen Umständen der Evangelist ins Krankenhaus oder zumindest nach Hause ins Bett geschickt worden wäre. Aber Paulus bietet die letzten Kräfte auf und zieht seine Mission durch, obwohl er nur einen Bruchteil seiner normalen Leistungskraft hat. Und das scheint nicht nur seine Sehkraft zu betreffen. Eine andere Gemeinde schreibt: „Seine Briefe wiegen schwer und sind stark. Aber wenn er selbst anwesend ist, ist er schwach und seine Rede kläglich.“ Diese körperliche Unpäßlichkeit war wohl vorübergehend, sagt Paulus doch: Beim ersten Mal in Galatien sei er so bemitleidenswert aufgetreten, später nicht mehr. Trotzdem hatte er bei diesem ersten Mal Erfolg, denn am Ende der erwähnten Wirksamkeit steht eine neugegründete Gemeinde.

Für die Deutung seines Leidens als Sehschwäche, die in Schüben auftreten konnte, spricht auch der Schluß eines Briefes, wo er selbst zur Feder greift. Normalerweise hat er diktiert, im Römerbrief meldet sich am Schluß sogar der Sekretär mit einem Gruß zu Wort: „Ich Tertius, der ich diesen Brief geschrieben habe, grüße euch in dem Herrn.“ Im Brief an die Galater hat Paulus bewußt auf diesen Komfort verzichtet, und betont am Schluß: „Seht, mit welch großen Buchstaben ich euch schreibe mit eigener Hand!“ Es kam zuweilen vor, daß falsche Briefe mit apostolischem Anschein umliefen, etwa nach Thessalonich. Dort muß Paulus warnen. „Laßt euch in eurem Sin nicht so schnell wankend machen noch erschrecken, weder durch eine Weissagung noch durch ein Wort oder einen Brief, die von uns sein sollen…“

Wir können uns also vorstellen, wie ärgerlich für den Apostel diese körperliche Schwäche war, weil sie ihn in seinen wichtigsten Tätigkeiten beeinträchtigte. Kein Wunder, wenn er sagt, das kommt vom Satan, der will mich blockieren, der will nicht, daß Jesu Evangelium zu allen Völkern dringt. Deshalb betet er an gegen diese tückische Krankheit. Die ohne Vorwarnung kommt und ihn beeinträchtigt, ja ganze Reisepläne durcheinanderbringt. Er bittet Gott um Befreiung.
Die Antwort Gottes kommt prompt. Aber sie fällt anders aus, als Paulus es sich erhofft hat: Er bekommt zunächst die ernüchternde Gewißheit, daß er sich mit dieser Einschränkung abfinden müsse. An sich ist das sehr hart und bitter. Zum Glück bekommt er zusätzlich eine Verheißung: „Laß dir an meiner Gnade genügen. Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“

Es ehrt den Apostel, daß er gerade den Christen in Korinth, die sich nur für Starapostel mit Erfolgsbilanzen interessierten, die Schattenseiten seines Lebens offenbart. Ich habe manche christliche Biografie gelesen, die sich auf die Großtaten des Lebenslaufes beschränkten und des Ruhmes voll war. Erst mit Hintergrundinformation konnte ich bei einzelnen in Erfahrung bringen, daß es auch Probleme gab, mit der Missionsgesellschaft, bei der die Person tätig war, mit dem Nachfolger, der das Werk übernehmen sollte, mit der Wirtschaftsführung, die nicht ordentlich war, in der Ehe, die nur auf dem Papier bestand, mit dem Kollegen, der auf der anderen Pfarrstelle war.

Paulus gibt seine Schwächen zu. Gerade damit gibt er den Christen, an die er schreibt, und letztlich auch uns eine Hilfe, mit unseren Schwachheiten umzugehen. Zunächst brauchen wir wie genau wie er uns nicht von vornherein damit abfinden. Wir dürfen beten, daß Veränderung geschieht. Und wo sie nicht geschieht, dürfen wir weiter beharrlich beten oder, wenn es nicht genommen wird, mit diesen Einschränkungen uns Gott weiter zur Verfügung stellen. Denn das macht die Bibel an vielen Stellen klar: Viele Gläubige, die Gott benutzt hat, waren auf dem einen oder anderen Gebiet beeinträchtigt. Mose klagt über seine schwere Zunge, Jeremia über seine Jugend, Hiob über seine Krankheit, Simson macht sein Jähzorn und seine polterige Art zu schaffen.

Einer, der auch wegen körperlicher Schwachheit manchen Umweg im Leben gehen mußte, war Johann Jürgen Koch aus Löhne. Löhne ist ein kleiner Ort in Westfalen, wo meine Mutter herstammt. Dort hörte ich morgens immer die Kirchenglocken konnte, wenn ich in den Sommerferien bei der Großmutter war. Besagter Jürgen Koch war ein einfacher Handwerker, zeitlebens sehr arm. Von Kindheit an war er mit einer Art Krampffluß belastet, der ihn in der Regel zwei Tage in der Woche zur Arbeit unfähig machte. Er nannte dies Übel seinen Pfahl im Fleisch. In seiner Jugend hat er vom christlichen Glauben nicht viel erfahren. Er erinnert sich:
„In meinem 14. Jahre kam ich ein wenig zur Schule und sollte zum Abendmahl zugelassen werden. Wir hatten zu der Zeit einen Prediger in Löhne, der war ein unbekehrter Mann, oft nicht gut bei Sinnen, und soff sich zuweilen ganz voll. Wenn wir Konfirmanden des Morgens kamen, mußten wir ihn bisweilen aus dem Wirtshaus holen. Ich weiß mich nicht zu besinnen, daß ich etwas gelernt hätte und kam zum Abendmahl wie ein dummes Vieh. Als ich 24 Jahre alt war, besuchte uns ein benachbarter Prediger namens Weihe. Aus dem predigte der Geist Gottes, so daß eine starke Rührung in der Kirche entstand. Denn er predigte gewaltig und nicht so obenhin wie die Schriftgelehrten. In dieser Predigt tat Gott vielen die Augen auf. Auch mir, daß ich sah, es stünde mit mir nicht recht. Vorher war ich ganz sicher, nun wurde ich bange. Vorher war ich im Geistlichen ohne Sorgen. Nun wurde ich besorgt, wie es wohl mit mir werden wollte. Vorher floh ich die Kinder Gottes, nun suchte ich sie auf. Vorher machte ich mir wenig oder nichts aus dem Wort Gottes, nun bekam ich Lust zu demselben. Hernach machte mir meine unbekehrte Frau großes Leiden auf allerlei Art. Doch gab mir der Herr Jesus, daß ich mich unterwinden konnte, ohne Aufhören zu meinem Gott zu beten und zu schreien, er möchte doch meine Frau aufwecken. Als ich drei Jahre gebetet hatte, erhörte Gott mein armes Gebet und erweckte sie. Gott hat mir 10 Kinder gegeben und größtenteils kränklich. Eins mußten wir 7 Jahre tragen, wo es hin sollte. Zwei haben zwei Jahre lang die Wassersucht gehabt.
Gott sei Dank, daß er mir meine Wege mit Dornen vermacht hat, denn ich hänge mich gern an Dinge, die nicht von Gott sind.“

Liebe Gemeinde, es ist wohl ganz gut, daß wir nicht genau sagen können, um was es sich genau gehandelt hat bei dem Pfahl im Fleisch im Leben des Paulus. Wichtiger ist die von ihm gezogene und uns übermittelte Erkenntnis: Diese Schwachheiten sind ein Teil des Christenlebens. Nicht trotz, sondern in diesen Schwachheiten können wir Gott sehr effektiv zur Verfügung stehen, wenn wir uns ihm hingeben. Das beweist der Lebenslauf eines Paulus oder dieses Jürgen Koch aus Löhne.

Der Pfahl im Fleisch hat viele Gesichter: Es kann eine mitunter auftretendes Leiden sein, es kann eine Entstellung sein. Es kann eine Verhaltensauffälligkeit sein, die sich nicht ablegen läßt, etwa besondere Gründlichkeit und Mangel an Entschlußfreudigkeit, daß jemand einfach zu allem lange braucht. Es kann eine Herkunft sein, ein ererbter Ruf. Es können Schulden sein, die man jahrelang mit sich herumschleppt, oder zumindest ein jeden Monat gleich schnell erschöpftes eigentlich zu knappes Budget. Es kann eine kaputte Ehe sein bei einem selber oder den eigenen Eltern, deren Folgen immer noch nachwirken. Es kann ein Kollege oder Vorgesetzter sein, mit dem man noch weiterhin lange Zeit zusammen arbeiten muß. Es können Teile der Familie sein, die einem Not machen. Manches davon wird sich ändern, Gott wird es ändern auf Gebet hin. Anderes wird bleiben.

Denn bei Gott geht es anders zu als in der Welt. In der Welt ist es so: Es wird allerorts erwartet, eine starke Arbeitskraft, eine starke oder zumindest flexible und anpassungsfäige Persönlichkeit, die sich überall einsetzen läßt und keine Probleme macht. Und wenn es welche der gerade aufgezählten Probleme gibt, sollen die privat bleiben und die gewünschte Tätigkeit nicht tangieren.

Bei Jesus ist es anders. Er will gerade nicht deine Kraft haben, sondern er will dir umgekehrt Kraft geben. Andere Herren werden die Schwachen zurückstellen oder ausrangieren. Dieser Herr aber ruft gerade die Schwachen in sein Werk. „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken!“ sagt er. Dahinter steckt ein Geheimnis. Was ein Mensch aus eigener Kraft und Stärke vermag, das bewegt sich innerhalb des Grenzen des Menschenmöglichen. Auch wenn wir viel leisten, sind die uns gesteckten Grenzen eng. Wenn wir aber als schwache Menschen aus der Gnade unseres Retters heraus Kraft erhalten, dann kann Menschenunmögliches passieren. Denn Christus vermag mehr, als Menschen vermögen.

So erklärt es sich, daß das Lebenswerk des Apostels Paulus durch und durch den Charakter des Menschenunmöglichen trägt, so wie er es im Kapitel vorher aufzählt:
„…ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer. Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr unter Juden, in Gefahr unter Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern; in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße; und außer all dem noch das, was täglich auf mich einstürmt, und die Sorge für alle Gemeinden. Wer ist schwach, und ich werde nicht schwach? Wer wird zu Fall gebracht, und ich brenne nicht? Wenn ich mich denn rühmen soll, will ich mich meiner Schwachheit rühmen.“

Du sagst, na ja, das war halt der Paulus, der war ja auch ein Superchrist. Aber halt, als er von diesem himmlischen Erlebnis spricht. Sagt er: das hab ich als Ausgleich erlebt zu all den Strapazen? Nein, er sagt: „Ich kenne einen Menschen in Christus, der wurde entrückt in den Himmel“. Vielleicht meint er gar nicht sich selbst, sondern jemand anderes?! Ich kenne einen Menschen in Christus.

Jeder, der sein Leben Jesus Christus anvertraut hat, ist „ein Mensch in Christus. Gott mutet es einzelnen zu, daß sie in den Himmel blicken dürfen. Gott mutet es einzelnen zu, daß sie in die Hölle blicken müssen und der Satan sie schlagen darf. Laßt uns das, wenn es kommt, von Gott annehmen. Laßt uns dann nicht den Fehler machen und uns kaputtreiben an ungewollten Einschränkungen, die uns auferlegt sind. Wir dürfen sie Jesus im Gebet nennen und ihn bitten, uns in dieser ungeliebten Lage beizustehen und zu helfen.

Dann bekommen wir einen neuen Blick. Sehen anders als die, deren Augen blind sind für die Wirklichkeit des Himmels, Augen, die sich ergötzen an dem was unsere Gegenwart anpreist an Schönheit und Stärke und Konsumherrlichkeit, das ist die Krankheit unserer Zeit.

Jesus möchte dir helfen, daß du tiefer blickst. Daß du die göttliche Logik verstehst, die nicht einfach zu bejahen ist. Aber wer es tut, der erfährt, daß er im Glauben reifen darf inmitten persönlicher Einschränkungen. Der erfährt: Ich muß nicht mehr der Held sein, der alles kann. Ich muß nicht mehr immer die tüchtige Hausfrau sein. Ich muß nicht immer der beliebte Mitarbeiter sein, der sich alles Arbeit klaglos aufdrücken läßt. Ich muß nicht immer nur leisten. Ich mußt nicht immer nur beweisen, wer ich bin und was ich kann.

Es genügt, wenn Jesu Kraft in meiner Schwachheit zum Tragen kommt. Nur darum geht es. Amen.

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