Die Hauptaufgabe

Ich hoffe, dass es uns gelingt, funktionierende Sicherheitskonzepte zu entwickeln, damit Kirche ihre Hauptaufgabe auch weiterhin erfüllen kann: für die Menschen, ihre Sorgen und Nöte da zu sein.

Dieser Satz stammt von einem jungen Vikar, der darüber schreibt, wie er die Corna-Zeit erlebt hat.

Ich sage den Satz noch einmal:

Ich hoffe, dass es uns gelingt, funktionierende Sicherheitskonzepte zu entwickeln, damit Kirche ihre Hauptaufgabe auch weiterhin erfüllen kann: für die Menschen, ihre Sorgen und Nöte da zu sein.

Ich glaube, dass ist eine Beschreibung von Kirche, die sehr weit verbreitet ist und die sehr zustimmungsfähig ist.

Und sie passt sehr gut zu der Begebenheit in der jungen Kirche, die in der Apostelgeschichte erzählt wird und über die wir heute nachdenken.

Sie steht in der Apostelgeschichte im 6. Kapitel:

Die Zahl der Jünger wuchs unaufhörlich.

Allerdings wurden in dieser Zeit auch Klagen ´innerhalb der Gemeinde` laut, und zwar vonseiten der Jünger, die aus griechischsprachigen Ländern stammten. Sie waren der Meinung, dass ihre Witwen bei der täglichen Versorgung mit Lebensmitteln benachteiligt wurden, und beschwerten sich darüber bei den einheimischen Jüngern.

Da beriefen die Zwölf eine Versammlung aller Jünger ein und erklärten:

»Es wäre nicht gut, wenn wir ´Apostel` uns persönlich um den Dienst der Verteilung der Lebensmittel kümmern müssten und darüber die Verkündigung von Gottes Botschaft vernachlässigen würden. Seht euch daher, liebe Geschwister, in eurer Mitte nach sieben Männern um, die einen guten Ruf haben, mit dem Heiligen Geist erfüllt sind und von Gott Weisheit und Einsicht bekommen haben. Ihnen wollen wir diese Aufgabe übertragen. Wir selbst aber werden uns weiterhin ganz auf das Gebet und den Dienst der Verkündigung des Evangeliums konzentrieren.«

Dieser Vorschlag fand allgemeine Zustimmung, und die Gemeinde wählte folgende sieben Männer aus: Stephanus, einen Mann mit einem festen Glauben und erfüllt vom Heiligen Geist, Philippus, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus, einen Nichtjuden aus Antiochia, der zum Judentum übergetreten war.

Man ließ sie vor die Apostel treten, und die Apostel beteten für sie und legten ihnen die Hände auf.

Die Botschaft Gottes breitete sich immer weiter aus, und die Zahl der Jünger in Jerusalem stieg sprunghaft an. Auch zahlreiche Priester nahmen das Evangelium an und glaubten an Jesus.

(Neue Genfer Übersetzung )

Wie kam es zu diesem Problem?

Weil auch damals schon die Lebenserwartung von Frauen höher war als die von Männern gab es auch in der jungen Jesus-Bewegung viele Witwen.

Und viele von ihnen hatten echt ein Problem. Rentenversicherung und Hartz 4 gab es nämlich noch nicht.

Darum hat sich normalerweise die Verwandtschaft um die Versorgung der Witwen gekümmert – wie auch heute noch in großen Teilen der Welt.

Diese Witwen hatten sich aber der Jesus-Bewegung angeschlossen; sie waren Christen geworden. Und viele sind darum von ihren Blutsverwanden verstoßen worden.

Du läufst diesen Jesus-Spinnern nach – dann haben wir mit Dir nichts mehr zu tun. Schau selber, wie Du zurechtkommst.

Es ist heute noch so in vielen Teilen dieser Welt:

Wenn ein Mensch Christ wird, sich taufen lässt, dann muss er sich damit auch von seiner bisherigen Familie verabschieden – oder besser gesagt: Wird von ihr verstoßen.

Ausgeschlossen.

Und jetzt lernen wir etwas ganz wichtiges über diese Jesus-Bewegung – oder Kirche, wie sie dann auch gemacht wurde:

Sie ist in erster Linie eine Familie.

Das wird ja auch deutlich, wenn wir miteinander das Vaterunser beten.

Wenn wir den gleichen Vater haben, dann sind wir eine Familie.

Und in einer Familie kümmert man sich umeinander, achtet aufeinander und hilft sich gegenseitig.

Aber das Problem mit der Versorgung der Witwen hatte noch eine andere Dimension.

Es war damals in Jerusalem ähnlich wie heute im Allgäu.

Im Allgäu ist es so:

Viele Menschen machen da immer wieder Urlaub und verlieben sich in die Gegend. Und wenn sie dann in Rente gehen, verlassen sie ihre Heimat und ziehen ins Allgäu. Und oft passiert es dann: Zuerst stirbt der Mann und eine Witwe bleibt übrig. Weit weg von ihrer Familie, alleine, da, wo sie kaum einen Menschen kennt. Und sie fallen auf, weil sie ganz anders reden als die Einheimischen.

Damals in Jerusalem war es ähnlich: Die Juden waren über das ganze römische Reich verstreut. Lebten im Exil. Und manche ältere Paare verbrachten dann ihren Lebensabend in Jerusalem, um dort dann auch begraben zu werden.

Dann sind sie nämlich in der ersten Reihe, wenn der Messias kommt.

Und auch aus dieser Personengruppe kamen viele der Witwen.

Sie kamen aus dem Ausland.

Sie waren in Jerusalem fremd, sprachen entweder gar kein Hebräisch oder nur mit grauenhaftem griechischem Akzent.

Und das war ein Problem.

Heute würden wir darüber so reden:

„Senioren mit Migrationshintergrund belasten die Sozialsysteme.“

„Ausländerfeindlichkeit in der Kirche“

„Spannungen in der Gemeinde zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen.“

Es war damals nicht anders als heute. Die Menschen waren damals genau so, wie wir es auch sind.

Und damals wie heute gilt:

Wenn ein Mensch Christ wird, dann wird er damit nicht schlagartig ein besserer Mensch.

Auch bei uns Christen menschelt es, auch Christen haben Vorurteile, auch Christen bevorzugen das, was sie kennen und finden das Fremde fremd.

Auch bei Christen spielen kulturelle Unterschiede eine Rolle.

Auch Christen finden die einen sympathischer als die anderen.

ABER: Christen bleiben nicht dabei stehen sondern entwickeln sich weiter und machen auch nicht die Augen davor zu, sondern packen an.

Die Apostel haben damals gesagt:

Wir haben hier ein Problem, und das können wir weder ignorieren noch aussitzen, sondern wir müssen es anpacken.

Und wir können auch nicht sagen: Da geht es doch nur um wenige Menschen, denn jeder einzelne Mensch zählt.

Und zwar packen wir es an, indem wir geeignete Menschen finden, die das Problem kompetent lösen können.

Es ist gut, wenn wir viele sind, die gemeinsam die Aufgaben unserer Kirche wahrnehmen.

Geeignete Menschen:

Guter Ruf, erfüllt mit Gottes Geist, weise und einsichtig.

Das sind die ausdrücklich genannten Kriterien.

Und ihre Namen verraten noch ein Kriterium:

Das sind alles Menschen, die diese griechisch sprechenden Ausländer gut verstehen, weil sie nämlich selber in griechisch sprechenden Elternhäusern aufgewachsen sind. Und mindestens einer von ihnen war selber Ausländer.

Wenn es ein Problem gibt mit Menschen, die einen anderen sprachlichen und kulturellen Hintergrund haben, dann macht es absolut Sinn, in zentraler Rolle Menschen daran arbeiten zu lassen, die diesen Hintergrund teilen.

Ich komme jetzt noch einmal zurück auf den Satz vom Anfang:

Ich hoffe, dass es uns gelingt, funktionierende Sicherheitskonzepte zu entwickeln, damit Kirche ihre Hauptaufgabe auch weiterhin erfüllen kann: für die Menschen, ihre Sorgen und Nöte da zu sein.

Genau davon ist hier doch die Rede, oder?

Ich sage: Nein.

Hier ist eigentlich genau vom Gegenteil die Rede.

Ja, hier wird erzählt, dass es eine selbstverständliche Aufgabe der Kirche ist, sich um Menschen mit ihren Sorgen und Nöten zu kümmern.

Aber hier wird nicht erzählt, dass das die Hauptaufgabe von Kirche ist.

Ganz im Gegenteil: Es ist eine selbstverständliche Nebenaufgabe der Kirche.

Die Hauptaufgabe, die Mitte der Kirche ist eine andere.

Die Apostel sagen es ganz ausdrücklich:

Es wäre nicht gut, wenn wir ´Apostel` uns persönlich um den Dienst der Verteilung der Lebensmittel kümmern müssten und darüber die Verkündigung von Gottes Botschaft vernachlässigen würden.

Und noch einmal:

Wir selbst aber werden uns weiterhin ganz auf das Gebet und den Dienst der Verkündigung des Evangeliums konzentrieren.«

Es ist nicht Hauptaufgabe von Kirche, für die Menschen, ihre Sorgen und Nöte da zu sein.

Das machen nämlich auch viele andere.

Das Rote Kreuz.

Das Sozialamt.

Der Arbeiter-Samariter-Bund.

Und viele andere.

Dafür braucht es Kirche nicht unbedingt.

Und wenn es die Hauptaufgabe von Kirche ist, für Menschen mit Sorgen und Nöten da zu sein, dann bedeutet das auch:

Menschen, denen es gut geht, die keine Sorgen und Nöte haben – denen hat Kirche NICHTS anzubieten, nichts zu sagen.

Und das ist falsch. Grundfalsch.

Am Ende des Matthäusevangeliums gibt Jesus seinen Jüngern – also seiner Kirche – einen Auftrag.

Den Hauptauftrag.

Und er sagt eben NICHT: Geht zu allen Menschen mit Sorgen und Nöten und seid für sie da.

Sondern er sagt: Geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern.

Menschen mit Gott bekannt machen, das Evangelium verkünden, dass Jesus Herr der ganzen Welt ist und stärker ist als der Tod und Menschen dazu zu bewegen, ihm nachzufolgen – das ist der Hauptauftrag der Kirche.

Und das kann auch nur die Kirche. Niemand sonst.

Und die Apostel haben das auch klar erkannt.

Es ging ihnen nicht darum:

Sich um nörgelnde Witwen kümmern macht keinen Spaß und für die Verteilung von Lebensmitteln sind wir überqualifiziert, wird sind doch zu höherem, besseren berufen, wo man sich die Finger nicht schmutzig machen muss.

Sondern sie hatten einen klaren Blick für die Hauptaufgabe von Kirche:

Beten und das Evangelium verbreiten.

Beten ist wirklich harte Arbeit.

Darum drücken wir uns gerne davor.

Wir – die Christen und wir – die Pfarrer.

Gebet hat bei uns keine Priorität.

Und wenn wir mal beten, dann sind wir so leicht ablenkbar.

Und das Evangelium weitersagen, das ist dann das Andere.

Der Begriff „Evangelium“ kommt aus dem Griechischen und heißt wörtlich übersetzt: „Gute Nachricht.“

Was ist eigentlich eine gute Nachricht?

Nun, eine „Gute Nachricht“ ist die Mitteilung einer Information, dass sich etwas ereignet hat, das bewirkt, dass sich etwas zum Guten verändert hat. Und diese Veränderung hat positive Auswirkungen auf die Zukunft.

Ein (leider erfundenes) Beispiel:

Wenn heute bekannt gegeben wird, dass jemand einen Impfstoff gegen das CORONA-Virus erfunden hat, dann ist das eine gute Nachricht, die die Stimmung und das Verhalten der Menschen auf der ganzen Welt drastisch verändert. Die gute Nachricht wird aber noch Zeit brauchen, bis sie sich ganz auswirkt: Bis der Impfstoff in ausreichender Menge hergestellt werden kann wird Zeit brauchen und es wird auch Zeit brauchen, bis genügend Menschen geimpft worden sind und es wird noch dauern, bis sich das heilsam auf unsere verstörte Gesellschaft und durcheinandergewirbelte Wirtschaft auswirken wird.

Das Evangelium von Jesus Christus ist auch so eine gute Nachricht:

Er ist der Herr der Welt und niemand sonst.

In seinem Tod hat er das Problem von Schuld und Sünde beseitigt.

In seiner Auferstehung hat er den Tod besiegt.

Das ist geschehen und das hat schon jetzt positive Auswirkungen auf alle Menschen, die diese gute Nachricht hören und aufnehmen.

Und nach einiger Zeit – wenn Jesus wiederkommt – wird die ganze heilsame Wirkung dieser guten Nachricht für alle erlebbar.

Übrigens:

Die Tatsache der Erfindung eines Impfstoffes ist völlig unabhängig davon, ob Menschen das hören oder nicht und auch davon, ob sie es für wahr halten oder nicht.

Mit dem Evangelium von Jesus ist es genauso…

Und noch einmal:

Für die Menschen, ihre Sorgen und Nöte da zu sein – das können und tun auch andere.

Für diese Welt Beten, in ihr das Evangelium verkünden und Menschen mit Gott in Berührung bringen – das kann und tut nur die Kirche.

Das ist darum ihre Hauptaufgabe.

Das ist darum UNSERE Hauptaufgabe.

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