Die gute Frucht_Dialog: Dr. Meier + Dr. Meier

Liebe Gemeinde,
im Evangelium hörten wir soeben die Geschichte vom wahren Weinstock.
Diese Erzählung ist auch der heutige Predigttext.

„Bleibt in mir, sagt Jesus. Bleibt in mir, wenn ihr Frucht bringen wollt! Ohne mich könnt ihr nichts tun von dem, was wirklich etwas bedeutet. Mit mir könnt ihr euch an Sachen machen, die euch am Herzen liegen und anderen guttun.“

Liebe Gemeinde, ich möchte ihnen von Dr. Meier dem Älteren und von Dr. Meier dem Jüngeren erzählen. Beide sind Ärzte, Vater und Sohn.
Dr. Meier der Ältere war früher Landarzt, jetzt ist er Rentner. Er lebt und praktizierte in einem Landstädtchen und gab alles für seine Patienten. Er hat sie kommandiert, für sie den Nachtschlaf und manches andere geopfert.

Die Patienten hatten ihn verehrt, aber auch schon mal besoffen gemacht und in der Schubkarre nach Hause gefahren. Die Menschen haben ihn wertgeschätzt, weil er half und heilte. Andererseits stand er ihnen auch bei, wenn er nicht mehr helfen konnte. Er war Arzt mit Leib und Seele.

Sein Sohn wollte von Kindheit an ebenfalls Arzt werden. Er wurde es, aber anders als sein Vater. Dr. Meier der Jüngere entwickelte sich zu einem hervorragenden Chirurgen und machte Karriere an einer berühmten Universitätsklinik. Eine weiße Wolke, aus Pflegern und Ärzten, ging durch Korridore und Krankenzimmer. Dabei achtete er als Arzt auf die Menschen, die Patienten und das medizinische Personal.

Nun hat Meier der Jüngere das Angebot bekommen, ärztlicher Direktor einer großen Privatklinik zu werden. Ehe er das Angebot annimmt, will – nein, muss er sich mit seinem Vater beraten. Der alte Mann ist verblüfft, dass der 50-jährige seinen Rat sucht. Welche Sorgen und Befürchtungen hat der Sohn, die ihn zögern lassen?

Dr. Meier der Jüngere erzählt: „Dort werde ich ganz oben sein. Ich werde viel Geld verdienen. Viele Menschen werden von mir abhängig sein. Ich hingegen bin abhängig von denen, die mich einstellen und bezahlen. Andererseits auch von denen, die mit mir arbeiten.

Ich bin der König. Leute halten sich an mich, ich bin an sie gebunden. Was wird das aus mir machen? Bleibe ich Arzt? Arzt für die Menschen? Das wollte ich immer werden. Bisher war ich es, denke ich. Sonst wäre ich wohl kaum all die Jahre in meinem Beruf zufrieden gewesen, manchmal richtig glücklich. Das möchte ich bleiben.“ Er seufzte tief und schloss mit dem Gedanken: „Wenn ich mein Leben verändern will, sollte ich dann nicht lieber aufs Land gehen? Da ist es leichter, ein richtiger Arzt zu sein.“

Sein Vater hat ernst zugehört. Aber nun zieht ein breites Grinsen über sein Gesicht. „Na klar, in Gummistiefeln in die Nacht hinaus, um ein Kind auf die Welt zu bringen – das hat was! Harter Einsatz und wundersamer Erfolg“, sagte er und fügte hinzu: „ich weiß, dass du das nicht meinst. Du willst dem treu bleiben, was dein Traum ist. Dein guter einfacher Traum vom Menschsein. Dieser Traum hat es schwer, wenn die Wirklichkeit zu schön, zu groß, zu üppig ist oder zu hart, zu teuer, zu kompliziert. Das bekommt auch der Landarzt zu spüren.“

Dr. Meier der Älter erzählte ruhig weiter: „Du weißt ich stamme aus einfachen Verhältnissen. Mein Vater, dein Opa, war Arbeiter. Oft, hatte er keine Arbeit. Und den hat der Himmel mit einem begabten Knaben wie mich gesegnet. Schlau genug für Abitur und Studium und die medizinische Wissenschaft. Besessen von dem Traum, Arzt zu werden. Menschen helfen! Mutter und Vater haben dafür geschuftet und gedarbt. Ich war nicht faul und dann wurde ich es – Arzt. Jede Menge Gelegenheit, für andere da zu sein.

Aber ich war auch ein „Herr“ Doktor. Die Patienten brachten mir von ihrem geschlachteten Schwein. Der „Herr“ Apotheker brachte mir das Rotweintrinken bei. Der „Herr“ Fabrikdirektor ließ mich seine Zigarren rauchen. Das stieg mir zu Kopf. Ich suchte und fand die Zigarren meiner eigenen Wahl und genoss es, dass der Fabrikbesitzer zu meiner Marke überging. Es war schön, „Herr Doktor“ zu heißen. Arzt-Sein war nicht mehr ganz so wichtig. Da staunste!“, lacht der Vater. Der Sohn sieht wirklich verdutzt aus.

„Aber ich war nicht allein auf der Welt“, fährt der Ältere fort. „Ich hatte ja eine Frau, deine Mutter. Energisch und vernünftig, immer bereit, um die zu kämpfen, die sie liebte. Sie sah wie der Mann, den sie geheiratet hatte, sich immer mehr veränderte. Perfekt gebügelte weiße Kittel wurden mir wichtiger als die Frau, die sie bügelte. Eines Tages brachte ich es fertig, deine Mutter deswegen anzuschnauzen.

„Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst“, sagte sie ganz entschieden. „Das weißt du doch! Ich habe dich aber im Verdacht, du liebst dich selber mehr. Oder das Bild vom Fabrikbesitzer, dem du ähnlich werden willst. Du kommst voran, aber ich bezweifle, dass das der Fortschritt ist den du einmal wolltest.“ Ich war gewaltig erschrocken und habe zutiefst um Entschuldigung gebeten. Aber deine Mutter hatte mich weiter ins Gebet genommen und mir empfohlen, mir andere Vorbilder zu suchen. Ich wusste was sie meinte. So bin ich wieder öfter in die Kirche gegangen. Das hat mich zu meinem ursprünglichen Traum zurückgeführt. Ja, es war wirklich so einfach. Ohne den großen Träumer Jesus wäre mein Traum den Bach runter gegangen.“

Meier der Ältere lacht erneut. „Guck nicht so verwundert“, sagt er zu seinem Sohn. Der kann es nicht fassen, dass sein Vater so etwas sagt – so ein offenes Bekenntnis. Der Vater redet weiter: „Jesus der Träumer. Er träumte von uns Menschen, dass wir uns selber lieben können und den Nächsten genauso. Er träumte, das Liebe Platz hat in der Welt und in der Zeit, die wir auf dieser Welt haben. Er träumte nicht nur, er machte es. Er gab und gibt uns seine Liebe.“

Zwischendurch sollte ich vielleicht noch erwähnen, dass die beiden Männer während des Gespräches Wein getrunken haben. Männer reden mit kleiner alkoholischer Unterstützung leichter über Herzensangelegenheiten. „Im Wein ist Wahrheit.“ „Deshalb“, sagt Vater Meier voller Schwung, „ist mein Traum bei ihm gut aufgehoben. Ich träume, was er träumt. Er lebte und lebt, was ich träume. Und so konnte ich es leben, als es ganz schlecht stand um die Welt, um die Leute und um mich. Ich habe dem großen Träumer Jesus immer wieder ins Gesicht gesehen und dann die Arbeit getan, die zu tun war. Und wenn ich mal weggucken wollte, z. B. sonntags länger schlafen, hatte deine Mutter mich rechtzeitig aus dem Bett geschmissen, damit ich pünktlich in der Kirche war.“

„Bleibt bei mir“, sagte Jesus. Wenn ihr aus eurem Leben etwas Sinnvolles machen wollt – und jede und jeder will oder ahnt oder weiß oder glaubt das Hilfsbereitschaft und Menschenfreundlichkeit, Barmherzigkeit und Geduld das Sinnvollste sind, was wir unter die Leute bringen können. „Dann bleibt bei mir“, sagt Jesus.

Dr. Meier, Vater und Sohn; lassen sich einladen, laden uns ein. Zum Gottesdienst und zum Handeln. Es spricht alles dafür, dass wir dieser Einladung mit großer Freude Folge leisten.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Karl-Heinz Weber.)

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