Die Frage nach dem Glück

Liebe Gemeinde,

(gestern haben Sie es durch meine Frau in die Hand bekommen, bzw. sich mitnehmen können). [Affalterthal: Heute bekommen Sie die Lesezeichen mit der Jahreslosung für 2014 in die Hand.] Ein Lesezeichen mit der Jahreslosung für dieses Kalenderjahr 2014. „Gott nahe zu sein ist mein Glück“ heißt es dort nach der katholischen Übersetzung des Psalms 73.

Luther übersetzt ein wenig anders. Dort lesen wir: „Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte.“

Und noch etwas anders ist die wortwörtliche Übersetzung des Hebräischen: Dort heißt es: “Ich aber (sprach): Gott zu nahen ist mir gut.“

Keine Angst, liebe Gemeinde, Sie müssen heute nicht am ersten Tag des Neuen Jahres schwierige Sprachverhältnisse auseinander fuseln. Dennoch wollen wir versuchen, diesen Begriff „Glück“ etwas näher zu fassen. Im November letzten Jahres hatten wir ja wieder die ARD-Themenwoche – ich weiß nicht, ob Sie ab und an geguckt oder auch im Radio gehört haben: Dort ging es ja zum Thema Glück. Deutlich wurde auf lange Sicht zumindest eines: Dass mit „Glück“ nicht etwas Zufälliges gemeint ist. So wie Sie vielleicht Lottospielen und dann Glück haben, wenn Sie drei oder noch mehr richtige Zahlen angegeben haben. Sondern Glück haben meint mehr als Beliebigkeit. Glück haben hat etwas zu tun mit dem Zustand, in dem ich mich befinde. Es geht mehr in die Richtung: „glücklich sein“. Auch das wurde ja in jener Reihe sehr schön bedacht. Wann sind Sie glücklich, liebe Gemeinde? Überlegen Sie einen Augenblick! Könnten Sie die Momente Ihres Lebens benennen, in denen Sie glücklich waren, also nicht bloß Glück hatten? (Hier) In Affalterthal halten Sie die Lesezeichen mit der Jahreslosung in den Händen, auf denen ein kleines Kind neben seinem Vater Hand in Hand läuft: Ist das ein glücklicher Moment? Wird das Kind es später so sagen können: „Ich hatte eine glückliche Kindheit?“. (Hier) In Hiltpoltstein haben wir die Jahreslosung mit dem etwas abstrakteren Bild versehen, auf dem eine Fackel zu erkennen ist: Hier geht ein Licht auf und es leuchtet etwas aus dem Dunkel heraus, wie um eine Richtung, einen Weg zu zeigen. Hat „glücklich sein“ also etwas zu tun, mit dem Gesamt-Sinn meines Lebens?

Die Frage nach dem Glück ist also auch immer zugleich eine philosophische Frage, die davon handelt, wie ich lebe oder wie ich leben will und was ich in meinem Leben tue oder tun soll.

Ein bisschen mehr davon kommt m.E. tatsächlich in der Übersetzung Luthers zu tage: „Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte.“ Ich halte mich zu Gott. Nicht bloß, dass ich ihn zufällig getroffen hätte; wir uns mal quasi an der Ecke nebenan begegnet wären. Sondern mehr aktiv: Ich halte mich an etwas – ich halte mich zu jemanden. Das ist meine Freude, schreibt Luther. Aber auch „Freude“ ist mir fast noch zu wenig. Gibt es nicht aus Situationen, in denen etwas richtig ist, was vielleicht keine Freude macht? Es wäre interessant, hier einmal die Übersetzungen zu vergleichen: Die röm.-kath. Übersetzung spricht fast 100 Mal vom „Glück“, Luther nur 40 Mal. Von Freude spricht Luther 210 Mal, die römische Übersetzung 230 Mal.

Trauen Sie, liebe Gemeinde, der Sprache ruhig sehr viel zu: Sie deutet tatsächlich die Welt.
Gehen wir also noch einen Schritt weiter zurück und sehen uns die wörtliche Übersetzung noch einmal an:

“Ich aber (sprach): Gott zu nahen ist mir gut.“ Hier haben wir die Bewegung drin, die Luther schon mit übersetzte: Etwas Aktives – ein Suchen und Sehnen nach dem, was mir wichtig ist. Und die „Freude“ und das „Glück“ sind gänzlich aufgehoben im dem „gut für mich“. Und hier endlich, liebe Gemeinde, schwingt noch etwas mit von dem, was über mich selbst hinaus geht. Hier ist jemand, der für mich sorgt, mich hält und trägt.

Das klingt so einfach und ist doch so schwer. Zuzulassen, dass ich mein Leben nicht selbst in der Hand habe. Wie haben wir es doch kürzlich [Affalterthal: gestern] von Fulbert Steffensky gehört: „In zwei Augenblicken wird wir am allerwenigsten Meister unserer selbst, in der Stunde unserer Geburt und in der Stunde des Todes. Vielleicht sind wir da am dichtesten bei Gott, weil wir am wenigsten bei uns sind und mit uns selber auskommen. Vielleicht sind diese beiden Stunden die eigentlichen Stunden der Gnade, weil wir uns das am wenigsten in den eigenen Händen bergen können.“

Am dichtesten bei Gott, weil wir am wenigsten bei uns sind und mit uns selber auskommen. „Glück“, liebe Gemeinde, heißt dann plötzlich nicht mehr „auf mich fixiert“ oder „in meine Hände gegeben“, sondern genau die andere Richtung: „von mir selbst geheilt“ und „ausgerichtet auf jemand anderen“.

Sogenannte „Gotteserfahrungen“ in der Geschichte der großen Religionen oder auch Philosophien haben darin etwas gemein: Sie weisen den Menschen, der diese Erfahrungen macht, von sich selbst weg und lassen ihn aufgehen in einem größeren Ganzen. In einer Einheit, die dieser Mensch bis dahin nicht kannte.

Der Arzt und Schriftsteller Eckart von Hirschhausen – vielleicht kennen Sie ihn – hat es so formuliert: „Mit tiefer Liebe, Glück und Erleuchtung ist es ohnehin so: Wer es wirklich erfahren hat, hat wenig Lust, viele Worte darüber zu verlieren. Es ist einfach, glücklich zu sein. Schwer ist es nur, einfach zu sein.“

Die Losung für das Kalenderjahr, ebenso wie die Losungen für die Monate und Tage in diesem Jahr wollen uns helfen, in dieser Ausrichtung unseres Lebens. In dieser Unterweisung der „Einfachheit“. Sie wollen uns ein Licht auf diesem Weg sein, so wie die Fackel, die in Hiltpoltstein auf den Lesezeichen ist oder Stütze und Halt wie die Hand des Vaters auf denen in Affalterthal.

Das heißt nicht, dass damit automatisch unser Leben gelingen muss und wir immer nur „Glück“ haben. Manchmal ist es sogar scheinbar völlig umgekehrt. Das werden Sie sehen, wenn Sie sich die Worte des Psalmbeters aus dem 73. Psalm noch weiter anschauen. Dort heißt es u.a.: „Ich sah, dass es den Gottlosen so gut ging. Denn für sie gibt es keine Qualen, gesund und feist ist ihr Leib. Sie sind nicht in Mühsal wie sonst die Leute und werden nicht wie andere Menschen geplagt.“

Interessanterweise, liebe Gemeinde, ist auch diese Erkenntnis: Dass es nämlich scheinbar denen gut geht, die sich nur um sich selber kümmern – verbunden mit der anderen Erkenntnis der Gotteserfahrung. Wer bereit ist, sich ganz auf dieses Gegenüber zu werfen, zu vertrauen, zu bekennen, dass mein Leben nicht in meiner Hand liegt, der wird in dieser Welt tatsächlich oft geprüft und gerüttelt. Der kennt vielfältige Formen des Leides. Vielleicht, liebe Gemeinde, ein Zeichen, dass man tatsächlich an dieser Welt leiden kann, so wie sie ist: An ihren Strukturen der Ungerechtigkeit, in die wir alle bis ins Innerste schuldhaft mit verstrickt sind. Leiden an ihrer Grausamkeit, zu der wir einen sehr großen Teil selber beitragen. Leiden an ihrer Verblendung, der wir selber immer wieder unterworfen sind.

Und dennoch hält der Psalmbeter und die Christenheit mit ihm, daran fest, dass es ein „Glück“, eine „Freude“ oder noch genauer „mir gut ist“, diese Nähe Gottes zu suchen und sie für mich festzuhalten. Oder noch genauer: In diese Nähe Gottes gestellt zu sein und mich ihm ganz hinzugeben. Die Lutherübersetzung fährt deswegen in unserer Jahreslosung fort: „und (ich) meine Zuversicht setze auf Gott den HERRN, dass ich verkündige all dein Tun.“

Ich bin mir gewiss, liebe Gemeinde, dass wir alle, die wir heute hier sind, in solche Situationen des Lebens geführt werden, in denen wir davon etwas erfahren dürfen: „Tiefe Liebe, Glück und Erleuchtung“, wie es Hirschhausen nennt. „Am dichtesten bei Gott und die eigentlichen Stunden der Gnade“, wie es Steffensky beschreibt. An uns liegt es, diese Momente nicht namenlos vorbeiziehen zu lassen, sondern sie zu deuten und zu benennen. Und dann habe ich nicht nur „Glück“, sondern „es ist mir gut“, denn ich richte mein Leben aus an dem, der diese Welt hier übersteigt mit all ihrem Versagen und all ihrem Leid und all ihrem Tod. Und in dieser Ausrichtung, darf ich und kann ich aufgerichtet werden – nicht aus meiner eigenen Kraft, sondern aus der Kraft Gottes. Und dann, liebe Gemeinde, bin ich mehr, als nur ich selbst. Dann bin ich mehr, als ich selbst je sein könnte. Dann habe ich Teil an diesem Leben in und bei Gott. Schon hier und jetzt, wie Jesus seinen Jüngern sagte. Und ich darf: „einfach sein“.

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