Die beste Sache der Welt

Predigt Johannes 6,67-69, Konfirmation, Predigtreihe III, von Pfarrer Johannes Taig

67 Da sprach Jesus zu den Zwölfen: Wollt ihr auch weggehen?
68 Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens;
69 und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.


Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

mit einem kleinen Märchen möchte ich beginnen. Es stammt aus Kuba und heißt: Von der besten und der schlechtesten Sache der Welt.

Eines Tages entschloss sich der große Herrscher der Welt, Obatalah, die Herrschaft über die Welt in die Hände eines anderen zu legen. Der erste, an den er dachte, war sein treuer Gehilfe Orula. Doch Orula war noch jung, und Obatalah befürchtete, dass er nicht genügend Erfahrung für eine so schwere Aufgabe haben würde. Und er sagte sich, dass er seine Klugheit auf die Probe stellen werde. Er ließ ihn holen und befahl, dass er ihm die beste Speise bereite, die er bereiten könne.

Orula gehorchte und begab sich auf den Markt. Eine Weile schaute er sich um, was zu kaufen wäre, und schließlich erwarb er eine Rindszunge. Zu Hause kochte er die Zunge schön, würzte sie und brachte sie dann dem großen Herrscher. Obatalah kostete die Zunge und war zufrieden. Noch nie hatte er so etwas Gutes gegessen. Als er zu Ende gegessen hatte, lobte er Orula und sagte zu ihm: „Sag mir, Orula, warum du gerade eine Zunge gewählt hast, als du auf dem Markt einkaufen warst.“

„Großer Herrscher“, antwortete Orula, „eine Zunge ist eine sehr wichtige Sache. Mit der Zunge kannst du eine gute Arbeit loben und jenem danken, der eine gute Tat vollbracht hat. Mit der Zunge kannst du gute Nachrichten verkünden und die Menschen auf den rechten Weg führen. Und mit der Zunge kannst du sogar den Menschen erhöhen und ihn zum Herrscher machen“, fügte Orula lächelnd hinzu. „Alles, was du sagst, stimmt“, sagte Obatalah und dachte sich: Orula ist ja doch ein sehr weiser Mann.

Doch der große Herrscher entschloss sich, Orula noch einmal auf die Probe zu stellen, und er sprach zu ihm: „Du hast mir die beste Speise der Welt bereitet, jetzt wünsche ich, dass du mir die schlechteste Speise bereitest, die du dir ausdenken kannst.“

Orula ging abermals auf den Markt. Ein Weilchen blickte er sich um, was zu kaufen wäre, und dann erwarb er wieder eine Rindszunge. Er brachte sie nach Hause, kochte sie, würzte sie und trug sie zu Obatalah. Als der große Herrscher auf der Schüssel abermals eine Zunge sah, wunderte er sich und sprach: „Zuerst hast du mir eine Zunge als beste Sache der Welt gebracht, jetzt bringst du sie mir als schlechteste Sache der Welt. Wie willst du mir das erklären?“

„Großer Herrscher“, antwortete Orula, „die Zunge ist eine sehr wichtige Sache. Mit der Zunge kannst du den Menschen zur Arbeit antreiben und seinen guten Ruf vernichten. Mit der Zunge kannst du die Menschen ins Verderben stoßen und sie um ihren Lebensunterhalt bringen. Mit der Zunge kannst du deine Heimat verraten und dein Volk in Knechtschaft stürzen.“

Als das Obatalah hörte, sagte er zu Orula: „Alles, was du sagst, ist wahr. Obwohl du jung bist, bist du ein sehr weiser Mann.“ Und er legte die Herrschaft über die Welt in seine Hände. (Vorlesebuch Religion, Band 1, S. 246 f.)

Wirklich ein weiser Mann, dieser Orula. Das Märchen macht deutlich, was jeder von uns jeden Tag erfährt: Worte sind alles andere als Schall und Rauch. Sie haben eine große Macht über unser Leben. Diese Macht ist zwiespältig. Mit Worten kann man uns das Leben vermiesen, ja zur Hölle machen. Wer immer nur gesagt bekommt: Du bist dumm; du gehst mir auf die Nerven, du bist nichts wert; der wird das irgendwann zum Davonlaufen finden. Kein Mensch hält das auf Dauer aus.

Und deshalb sind wir unser ganzes Leben immer wieder auf der Suche nach Freundinnen und Freunden, die mit oder ohne Worte sagen: Ich mag dich, du bist mir wichtig, du wirst gebraucht. Deshalb sucht sich jeder Mensch einen Menschen, der zu ihm sagt: Ich hab dich lieb. Ohne solche Worte können wir nicht leben, als Kind nicht, als Jugendlicher nicht und als Erwachsener auch nicht. Ich hab dich lieb. Das sind Worte, von denen wir im wahrsten Sinne des Wortes leben, denn sie setzen Mut, Hoffnung und Lebensfreude frei. Sie sind wie ein Zuhause, in dem ich mich geborgen fühlen kann.

Ich wünsche deshalb Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, dass Ihr solche Worte niemals vermissen müsst. Ich erinnere Euch liebe Eltern und Großeltern daran, dass mit solchen Worten nicht gespart werden darf. Wir brauchen sie, um erwachsen zu werden und wir brauchen sie um erwachsen zu bleiben.

Vielleicht verstehen wir Petrus jetzt besser, der selbst große Worte in den Mund nimmt, um auszudrücken, was die Worte Jesu ihm bedeuten: Herr, du hast Worte des Lebens. Worte die Mut, Hoffnung und Lebensfreude freisetzten. Ewig sagt Petrus sogar. Du hast Worte des ewigen Lebens, Worte in denen ich Zuhause sein kann im Leben und sogar im Sterben.

Ich erinnere Euch an die Worte, die Jesus jedem von Euch bei der Taufe zugesagt hat: Siehe, ich bin bei Dir alle Tage, bis ans Ende der Welt. Gottes Wort hört niemals auf gutes Wort für uns zu sein. Daher ist es gut, immer wieder auf die Bedeutung guter Worte, auf die Bedeutung der Worte Gottes für uns aufmerksam zu werden. Und sie gegen Bedrohungen zur Geltung bringen.

Dazu gehört die Meinung, dass der Mensch eben doch vom Brot allein lebt. Niemand kann bestreiten, dass Arbeit, Broterwerb und das Geld, das man damit verdient, wichtige Güter unseres Lebens sind, die allen zustehen. Aber wir müssen hellhörig werden, wenn sie ganz oben am Altare stehen. Wir müssen hellhörig werden, wenn diskutiert wird, auf diesem Altar Sonn- und Feiertage zu opfern, an denen wir mit Luther gesprochen die Möglichkeit wahrnehmen sollen, Gottes Wort gerne zu hören und zu lernen. Wir können nicht zustimmen, dass Arbeit zum höchsten Zweck unseres Lebens erklärt wird. So frisst Arbeit die auf, die eine haben und die auf, die keine haben.

Man muss nicht viel Phantasie haben, um sich den Vater vorstellen, der Abends völlig fertig nach Hause kommt und die Seinen nur noch anbrüllt, weil seine Arbeit ihm jede Kraft und jedes gute Wort genommen hat. Und wir stellen uns den Vater vor, der die Seinen nur noch anbrüllt, weil ihm seine Arbeitslosigkeit jedes Selbstwertgefühl und jedes gute Wort genommen hat. Dann ist es Zeit, dass wir uns daran erinnern, dass der Mensch nicht nur vom Brot allein lebt, sondern von einem jeden guten Wort, das aus dem Mund Gottes kommt. (Matthäus 4/4) Wer für sich selbst kein gutes Wort mehr hört, kann es auch anderen nicht mehr sagen.

Für gute Worte braucht man Zeit und Ort. Es ist ein Problem, dass uns für gute Worte oft die Zeit fehlt, genauer, die gemeinsame Zeit. Wann und wie lange sind Menschen, die zusammengehören und eine Familie sind, heute an einem Tisch – wenigstens einmal am Tag zum Essen – versammelt, um sich etwas zu sagen? Am Kühlschrank hängt ein Zettel: Essen ist in der Mikrowelle. Acht Minuten redet ein durchschnittliches deutsches Ehepaar am Tag wirklich miteinander, haben Wissenschaftler herausgefunden.

Ein noch größere Problem ist, dass unsere Worte ihren Ort verloren haben. Denn jedes Wort hat nämlich seinen Ort. Liebeserklärungen macht man sich nicht an Orten, an denen es so laut ist, dass man sein eigenes Wort nicht versteht oder an Orten, wo alle Welt zuschaut und mithört. Deshalb gehört eben nicht alles ins Fernsehen oder in die Zeitung oder auf Facebook, Twitter, Snapchat und Co., sondern in ein Gespräch unter vier Augen. Worte, die ihren Ort nicht mehr kennen, sind im besten Fall belanglos, im schlimmsten Fall zerstörerisch. Und es wird immer schwerer, die guten Worte zu finden im Heuhaufen des allgemeinen Geschwätzes.

Gute Worte brauchen Ort und Zeit. Beim Thema Kirche hatten wir im Konfirmandenunterricht eine lebhafte Diskussion zur Frage, ob man denn nicht aus der Kirche austreten und trotzdem an Gott glauben kann. Ja sicher, beten kann man überall. An Gott denken auch. Ja sicher, Glauben ist etwas sehr Persönliches, aber ist er deshalb auch privat? Sind wir durch Glauben und Taufe nicht Mitglied einer großen Familie geworden, der Familie Gottes? Muss die sich nicht auch dann und wann um den Tisch ihres Herrn versammeln und sich seine guten Worte sagen lassen? Darf sie sich nicht an der Gemeinschaft freuen, in der einer dem anderen hilft?

Wollt ihr auch weggehen?, fragt Jesus seine Jünger. Und Petrus antwortet, nein, wir sind doch nicht blöd. Wir wollen uns deine guten Worte auf keinen Fall entgehen lassen. Wenn jemand zu uns sagt: Ich bleibe gern bei dir!, dann sagen wir: Und ich auch bei dir! Um nichts anderes geht es heute bei Eurer Konfirmation. Nichts anderes sagt ihr, wenn Ihr dann antwortet: Ja, mit Gottes Hilfe. Und wir alle sprechen dieses Ja im Stillen mit. Denn auch wir leben gern von den guten Worten Gottes und lassen uns gern seine Liebe und Gnade gefallen. Ihn als Herrn zu haben, ist die beste Sache der Welt.

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