Der Tempel Gottes, das seid Ihr

Corona bringt uns an Grenzen. Bisher war es selbstverständlich für gute Christen-menschen, dass sie sich um ihre Mitmenschen kümmern. Kranke, Behinderte oder Gefangene besuchen, gehört zu den Werken der Barmherzigkeit. Plötzlich verkünden Politik und Medien, dass man das besser lassen solle, um diese Menschen nicht zu großen Gefahren auszusetzen. Es leuchtet ja ein, angesichts der Gefahren. Die Frage bleibt wohl unbeantwortet wie viele Menschen in dieser Zeit an Vereinsamung verstorben sind.

Deutlich macht diese Krise: Ich muss schon wieder neu herausfinden, was richtig und wichtig ist in meinem Leben. Und ich merke, dass es nicht nur einfach richtige und einfach falsche Antworten auf die Fragen des Alltags gibt. Ich muss meinen Weg finden im Dschungel der verschiedenen Möglichkeiten.

Das allerdings hat Tradition im christlichen Glauben, dass es nie nur einfache Antworten gibt und dass man in jeder Situation neue und passende Antworten suchen muss. Und auch, dass man nicht immer zufrieden sein kann mit den gefundenen Lösungen.

Paulus muss in Korinth Lösungen finden in einer sozial sehr unterschiedlichen Gemeinde. Da gab es einen handfesten Streit um das gemeinsame Mahl, der dadurch gelöst wurde, dass man nicht mehr wirklich die Mahlzeit teilte, sondern nur noch symbolisch das Abendmahl feierte, wie wir das in der Regel heute auch noch tun. Das war nicht zufriedenstellend, aber es stellte wohl den Frieden wieder her. Ob diese Lösung Paulus zufrieden machte, wissen wir nicht. Aber sie war überzeugend und wurde stilbildend.

Zur Begründung seiner Mission und seines Anspruchs, schreibt Paulus:

9 Denn wir sind Gottes Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. 10 Nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe ich den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. 11 Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. 12 Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, 13 so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art ei-nes jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen. 14 Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. 15 Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch. 16 Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? 17 Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig – der seid ihr.

Es gibt Vorurteile, was ChristInnen so tun: Vorm Essen und vorm Schlafen beten sie, sie besuchen regelmäßige Gottesdienste und lesen immerzu in der Bibel. Und manche pflegen diese Vorurteile, vielleicht auch, weil es bequem ist, andere Menschen in Schubladen zu stecken.

Paulus wird grundsätzlicher. Es geht nicht um das, was ein Christenmensch tut, sondern wie er lebt, was Grundlage seines Lebens, seines Bewusstseins ist. Und wie sich das in alltäglichen Lebensvollzügen, in menschlichem Miteinander auswirkt.

Für ihn ist klar: Grundlage jeder Entscheidung, Fundament jedes Lebensentwurfes ist Jesus Christus. An ihm, an seiner Botschaft und an seiner Liebe muss sich alles messen lassen, was ich tu und was ich lasse. Vor ihn darf ich auch meine Fehlentscheidungen, meine Irrwege bringen. 

Darum hält sich hier Paulus auch nicht mit Urteilen über seine Gegner auf. Es gab sie zahlreich in Korinth, Menschen, die ihn ablehnten, gegen ihn hetzten. Aber über die lohnt sich nicht zu reden. Lass sie bauen und machen. Gott selber wird sein Urteil sprechen. Das reicht. 

Viel wichtiger ist die Gemeinde Gottes. Dass in ihr gelebt und gebaut wird. Dass die Liebe blüht und das Wort Gottes lebt. Es gibt ein Fundament: Jesus Christus. In dessen Namen hat er ein Fundament in Korinth gelegt. Auf dem dürfen Menschen aufbauen. 

Dieses Bild von der Gemeinde, in der immer weitergebaut werden muss, taucht öfter in der Bibel und in der Geschichte der Kirche auf. Ich finde es ist ein schönes Bild. Gerade im Saarland, dem Land der kleinen Bergmannshäuser, sehe ich immer wieder Häuser, die früher ganz klein waren und trotzdem Platz boten für eine große Familie mit vielen Kindern, für eine Ziege und Hühner. An diesen Häusern wurde immer wieder auf- und umgebaut, neue Zimmer wurden nötig, eine Garage, man wollte einen Balkon, ein großes Wohnzimmer. Aus Ziegenstall und Hühnerhaus wurde ein Anbau für die Tochter, die heiraten und Familie gründen wollte. Es wurde immer größer. Ob es dabei besser wurde, mögen die Menschen entscheiden. Manche stöhnen heute über ein Haus, das sie übernommen haben, verwinkelt, verbaut und viel zu groß. Aber wir dürfen niemandem Vorwürfe machen, wir dürfen weiter-bauen. 

Wir dürfen auch in Gemeinde und Gesellschaft weiterbauen. Auch da werden wir manche Dinge machen, weil wir meinen, dass wir sie jetzt brauchen. Solange wir das mit Liebe und im Hören auf Gottes Willen machen, dürfen wir getrost weiter bauen und ihm das Urteil überlassen. Nur wer nichts tut macht keine Fehler. Das Haus Gottes erträgt manche seltsame Konstruktion. 

Mir fallen mache schöne Beispiele ein von jungen Menschen, die Älteren ihre Hilfe angeboten haben beim Einkaufen oder Besorgungen, von Mitarbeitenden in Wohn- und Pflegeeinrichtungen, die Tablets besorgt haben, dass Alte oder Behinderte so Kontakt mit ihren Nächsten halten konnten.

Mit solchen und ganz anderen Ideen haben Menschen gebaut am Haus Gottes, haben mitgewirkt, dass die Liebe lebt. Und es können sich immer wieder neu Menschen finden, die diese Liebe leben und Wirklichkeit werden lassen.

Paulus ist da sehr großzügig: auch die, die nicht seiner Meinung sind, nicht in seiner Spur laufen, sind Dienerinnen und Diener Gottes, wenn sie nur seine Liebe leben. Es gibt wohl nicht die eine, die richtige Antwort auf die Herausforderungen des Alltags, weder in Sachen Corona noch im Aufbau der Gemeinde. 

Es ist typisch evangelisch: Es gibt keine Instanz, die mir sagt, was eindeutig richtig oder falsch ist, weil das Leben nun mal nicht so einfach ist. Es gibt das Wort Gottes und es gibt mein Gewissen, die mir helfen, den Weg zu finden, der weiterbringt. 

Ein Kriterium bei der Suche nach richtigen Wegen kann sein: Dient das, was geschieht dem Aufbau der Gemeinde, dem Miteinander unter dem Wort, der Gemeinschaft im Heiligen Geist oder dient es nur einem Ego, das sich selbst in den Mittelpunkt stellen will. Die Antwort muss ich immer neu selbst finden. 

Und am Ende hat Paulus einen Trost parat: Der Tempel Gottes, das seid Ihr.

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