Der schreiende Christus

Liebe Gemeinde,

Ja: Er trug unsere Schuld, unsere Krankheit, unseren Tod und war unansehnlich. Starb am Kreuz. Was in der Lesung erinnert wurde und der zweite Jesaja gesehen hat, das ist geschehen – es ist Karfreitag und wir denken daran, wie unser Herr zu Tode gekommen ist.

Der Karfreitag und das Kreuz. Weil das, was da geschah, so unfassbar zu viel für den Verstand ist, versuchen Menschen immer wieder, sich ein Bild zu machen vom Kreuz.

Diese Kreuzesbilder, sie begegnen uns: An Wegkreuzen, in Klassenzimmern, Herrgottswinkel gibt es nicht nur in Bayern und nicht nur bei Katholiken – auch wenn wir andere Namen fürs Gleiche suchen -, im Kunstgewerbe, manchmal kitschig, manchmal richtig schön – vielleicht zu schön?

Kreuze gibt es viele. Einige habe ich in diesen Gottesdienst mitgebracht:

(1) Ein Wegkreuz irgendwo, vielleicht ganz nah?
(2) Ein Kreuz wie in den Fresken auf der Reichenau.
(3) Im evangelischen Kloster Kirchberg zwischen Horb und Hechingen auf dem Friedhof solche Kreuze mit den Enden ausgebildet wie die Blätter des Lebensbaums.
(4) Ein Kreuz aus dem Museum für Völkerkunde.
(5) Ein Kreuz aus der modernen Kunst.
(6) Gustav Klimt hat das Kreuz im Bauerngarten gemalt. Schade, dass es nur schwarz-weiß zu sehen ist.
(7) Kreuze sind mitunter begehrt. Dieses wurde aus einer alten Kirche im Mansfeld gestohlen. Das Bild von einer Seite der Kriminalpolizei.

Kreuze. Verschiedene Kreuze. Verschiedene Menschen wurden vom Karfreitag angesprochen, ganz verschieden angesprochen und das, was sie sich zum Bild geschaffen haben wirkt ganz verschieden auf jede und jeden von uns.

Kreuze auch in den Religionsbüchern Ihrer, unserer Kinder. Hier in den Lebenszeichen für die Klassenstufen 7 und 8. Und darin ein Kreuz, bei dem ich etwas beobachtet habe: Wannimmer die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler nachließ, blätterten sie ein wenig im Buch – vorwärts, rückwärts. Und so oft schon habe ich gesehen, wie sie an einer Seite hängenblieben, sich gegenseitig anstupften, mit dem Finger darauf zeigten. Ein außergewöhnliches Kreuz, ein außergewöhnlicher Christus. Ich will ihn vergrößert aufhängen:

Hässlich, mich friert’s, wenn ich’s nur anschaue. Schlimm. Obszön. Ein grausames Kreuz. Nein, das halte ich nicht aus – das waren Reaktionen auf dieses Bild. – Es ist schwer auszuhalten. Es ist schlimm, obszön, hässlich, es kann einen dabei frieren. Aber: Ist es deswegen falsch?

Dieser Christus schreit. Er schreit seinen Schmerz heraus. Seinen Schmerz? Nein – das weiß der Künstler, dass er seinen Schmerz ausgelitten, herausgeschrieen hat "Mein Gott, mein Gott – warum hast Du mich verlassen." Nur: Wozu schreit er dann noch, wenn er doch seinen Frieden gefunden hat?

Er schreit stellvertretend für die geschlagene Kreatur Gottes. Die menschliche, die nicht menschliche. Er schreit stellvertretend für die Arten, die nicht geschützt dem Aussterben preisgegeben sind. Er schreit stellvertretend für die Mutter im Grenzstreifen zwischen Äthiopien und Eritrea ihn Kind auf dem Arm hält – wir sahen es in der vergangenen Woche im Südkurier: konnten Sies vergessen? Ob es noch lebt? Und wie viele andere sind inzwischen gestorben. Er schreit stellvertretend für die Christen, Schwestern und Brüder, die von intoleranter Staatsgewalt im Sudan bedrängt werden. Er schreit stellvertretend für die Frauen, die in den Lagern Bosnien – Herzegowinas Opfer von Vergewaltigungen wurden und deren Trauma allein deswegen, weil die Waffen ruhiger geworden sind noch längst nicht beendet ist. Er schreit stellvertretend für die Folterer, die, wenn auch nur ein Hauch Menschsein in ihnen blieb, in ihren Träumen von ihren Erinnerungen eingeholt werden. Er schreit stellvertretend für den Schüler, der von seinen Mitschülern fertig gemacht wird.
Er schreit stellvertretend für die junge Frau, die den Mut hat, ihr Kind auszutragen und nun die Hölle auf Erden erlebt. Er schreit stellvertretend für die, die unter sich selbst leiden, dem Mangel an – Gesundheit, Schlagfertigkeit, Humor, Kraft, suchen Sie sich’s aus, oder dem Druck von Vielzuviel an Arbeit – oder keine Arbeit, nutzlos, vergiss es … Er schreit stellvertretend für die, die abgestumpft sind, weil sie diese Wirklichkeit und diese Welt nicht mehr aushalten wollen. Krank an Depression, krank an Angst, krank an Hornhaut auf der Seele, krank an dieser Welt. Er schreit weil so viel zum Schreien ist.

Aber – was schreit er? Ich habe die Schülerinnen und Schüler Sprechblasen malen lassen, um sie auf das Bild zu legen: "Hört doch endlich auf!" – "Warum?" – "Wie lange soll das noch so gehen?" – "Wozu das alles?" – "Habt Ihr denn immer noch nicht verstanden?" – Was würden Sie in eine Sprechblase schreiben?

Das könnte auch darin stehen: "Was Ihr diesen, meinen geringsten Schwestern und Brüdern getan habt, zählt für mich so als hättet ihrs mir getan." Oder das: "Kehrt doch endlich um und traut der versöhnenden Liebe Gottes. Lebt sie und seid, was Ihr seid: Salz der Erde, Licht der Welt, Trost- und Hoffnungszeichen dort, wo ihr lebt. Tragt einander die Lasten, fragt danach, kümmert Euch, schwesterlich, brüderlich – und lebt auf."

Ob das die Botschaft vom Kreuz ist? Jedenfalls eine der Botschaften vom Kreuz.

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