Der Messias ist unter euch!

„Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“, liebe Gemeinde: wir feiern dies sinnbildlich mit dem Johannisfeuer, dem Sonnwendfeuer, wie am vorletzten Samstag geschehen. Wenn die Tage wieder kürzer werden, die Nächte wieder länger, dann soll der große Schein dieses Feuers bildlich reichen bis zu der Zeit, wenn das große Licht selbst geboren wird. In der tiefsten Nacht, zur Zeit der Wintersonnwende, wird Christus Jesus geboren: Das Licht der Welt. Johannes der Täufer weist auf dieses Licht hin.

Vielleicht kennen Sie den Isenheimer Altar von Matthias Grünewald als eine der eindrücklichsten Darstellungen dieses Täufers. Dort steht unter dem Kreuz jener Johannes der Täufer, hält in der einen Hand die Schrift und mit der anderen deutet er auf den Gekreuzigten. Ich habe Ihnen diesen Ausschnitt einmal kopiert. „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“, steht in Latein neben ihm geschrieben. Wir wissen relativ wenig über diesen Täufer. Wahrscheinlich aus priesterlichem Geschlecht stammend, sogar verwandt mit Jesus war er ein radikaler Bußprediger, der zur Umkehr aufrief um zum Zeichen dieser Umkehr mit Wasser am Jordan taufte. Auch Jesus war bei ihm – bei seiner Taufe erlebte er seine Berufung. Bis heute gibt es im Iran und im Irak eine Täufergruppe, die sich auf jenen Johannes beruft, die Mandäer.

Johannes hat in unserer Darstellung einen überlangen Finger, mit welchem er auf das Kreuz zeigt. Ein ungewöhnlicher Vorgang, denn man muss dazu von sich selbst weg auf jemand anderen hinweisen und zwar nicht, wie man es sonst so gerne macht, wenn es um eine eigene Schuld geht. „Ich war´s nicht, der war´s!“, sondern wenn – wie hier – es um einen Heilsweg geht, um einen Weg, der einen zum Ziel führen kann. „Wendet euch nicht weiter an mich, sondern wendet euch allein an diesen hier, der am Kreuz hängt.“ Das Altarbild hing in einer Kirche, die v.a. von kranken Menschen aufgesucht wurde, um Trost zu finden. Und diese Menschen werden von der ganzen Komposition her allein verwiesen auf den Menschen am Kreuz: hier findet ihr Heil, hier findet ihr Trost.

Johannes nimmt sich selbst zurück. Er, der er bereits vor Jesus einen Jüngerkreis hatte, sagt: „Ich bin nicht der, auf den alle gewartet haben. Ich gebe euch nur ein Zeichen, an wen ihr euch wenden sollt.“ Der Freund des Bräutigams, der dabei steht und die Stimme des Bräutigams hört, freut sich über diesen.

Wer so von sich weg weisen kann und zugestehen kann, dass alles Heil und alle Freude von einem anderen her kommt, wird in der Gemeinschaft einen anderen Platz einnehmen und die Gemeinschaft als solche kann blühen. Nicht viel anders, denke ich, wird christliche Gemeinde gelingen, die in Christus ihr Haupt erblicken kann. Keiner, der in ihr wichtiger ist, als der andere. Keiner, der an sich näher bei Gott ist, als der andere. Sondern gleichgestellt als Brüder und Schwestern, die in Christus allein ihren Gott und ihr Heil erkennen. Alle Ämter z.B., die wir haben, sind Ämter der Ordnung. Auch das Predigtamt gehört dazu – weil es einen braucht, der die Zeit hat, das Wort auszulegen und es öffentlich zu verkündigen, stellt die Gemeinde einen dazu ab. Auch das Amt des Kirchenvorstehers dient dieser Ordnung. Menschen, die bereit sind, sich für das Wohl der Gemeinde einzusetzen: in allen weltlichen Dingen, aber auch in der Diskussion über Ziele und Ausprägung der Gemeinde. Keiner aber ist dem anderen übergeordnet, keiner ist an sich besser oder schlechter als der Nächste. Sondern wir sind Gemeinde, weil wir ein gemeinsames Gegenüber haben in Christus, der für uns am Kreuze starb. So, wie wir am Tisch des Herrn zusammen stehen, das Brot teilen, aus einem Kelch trinken – in Ausrichtung auf diesen Herrn, so sind wir Gemeinschaft trotz aller Unterschiede, egal ob gebildet oder eher schlicht, egal ob krank oder gesund, egal ob alt oder jung. Eine Einheit werden wir durch den Fingerzeig auf jenen Gott, der am Kreuze hängt und uns somit eine Richtung verleiht.

Hören Sie dazu eine Geschichte:

„Ein berühmtes Kloster war in große Schwierigkeiten geraten. Waren die vielen Gebäude früher voller Mönche gewesen, schleppte sich jetzt nur eine Handvoll alter Mönche durch die Kreuzgänge und pries Gott mit schwerem Herzen.

In der Nähe hatte ein alter Rabbi eine kleine Hütte gebaut, um von Zeit zu Zeit dort zu fasten und zu beten. Solange er dort weilte, fühlten sich die Mönche von seiner betenden Gegenwart mitgetragen.

Eines Tages suchte der Abt des Klosters den Rabbi auf. In der Tür umarmten sie sich herzlich und schauten einander lächelnd an. Sie setzten sich an einen Tisch, auf dem die Heilige Schrift geöffnet lag. Sie saßen nicht lange, da bedeckte der Abt sein Gesicht mit den Händen und weinte – weinte wie ein verlassenes Kind.

"Du und deine Brüder", begann der Rabbi, "ihr dient dem Herrn nur mit schwerem Herzen. Ich will dir eine Weisung geben, die du aber nur einmal wiederholen darfst. Danach darf niemand sie je wieder aussprechen." Der Rabbi schwieg eine Weile. Dann sagte er: "Die Weisung lautet: Der Messias ist unter euch!"

Am nächsten Morgen rief der Abt seine Mönche zusammen und erzählte ihnen von seiner Begegnung mit dem Rabbi und auch davon, dass dessen Weisung nie wieder laut ausgesprochen werden dürfe. Dann schaute er die Brüder der Reihe nach an und sagte: "Die Weisung lautet: In einem von uns ist der Messias!"

Die Mönche reagierten bestürzt: Wer ist es? Bruder Johannes oder Pater Markus? Oder Bruder Thomas?

Seitdem gingen die Mönche ganz anders miteinander um: ehrlicher; herzlicher; freundlicher; ehrfürchtiger. Sie lebten jetzt zusammen wie Menschen, die endlich etwas gefunden haben. Die gelegentlichen Besucher zeigten sich betroffen und angesprochen von diesem Geist, der jetzt von den Mönchen ausging.

Und es dauerte nicht lange, da kamen die Menschen von nah und fern, und auch die Chorstühle füllten sich wieder.“

So, liebe Gemeinde, könnte Gemeinschaft gelingen. Nicht dass wir einen Superstar unter uns haben, den es braucht, um eine Gemeinschaft um sich herum zu scharen. Keinen Guru, keinen Sektenführer. Aber auch keinen, an dem man persönlich messen können müsste, ob er tatsächlich näher bei Gott ist, als alle anderen. Sondern wir brauchen mehr die deutenden Finger, wie Johannes einen hatte: in meinem Bruder und in meiner Schwester begegnet mir Christus. In meinem Nächsten, der auf mich angewiesen ist und ich auf ihn. Erst in dieser Gemeinschaft sind wir eine Einheit. Erst in dieser Beziehung zu ihm und zu ihr, finde ich zu mir selbst. „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ Wer sich so einbringen wird, wer sich so einbringen kann, der bereichert die Gemeinschaft und ermöglicht tatsächlich „Gemeinde“. Dann kann ein Geben und Nehmen geschehen ohne Neid und Missgunst, ohne Aufrechnen, wer am meisten und am intensivsten gearbeitet und getan hat. Dann kann es eine Gemeinschaft geben, die aus einer inneren Kraft heraus lebt, die unabhängig ist von den Einzeltaten ihrer Glieder. Sondern die um das Verbindende weiß, welches in Gott ihr gegeben ist.

Wer etwa Fernsehen sieht, wird z.Zt. ständig mit Superlativen bombadiert: DSDS, Topmodel, Tanz-Queen, Gewinner und Superhelden überall. Aber lassen Sie sich, liebe Gemeinde, davon nicht verwirren und auch nicht verführen. Es kommt nicht darauf an, ein Superheld zu sein. Es kommt nicht darauf an, im Rampenlicht zu stehen, damit mein Leben einen Sinn bekommt. Sondern es kommt darauf an, den richtigen Fingerzeig zu haben und damit zu wissen, wer mein Leben tatsächlich in der Hand hält, wer es befreit hat und wer mich befähigt hat als wahrer Mensch zu leben.
Johannes hat es uns vorgemacht: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“

Und der Friede Gottes, der größer ist, als ich es je werden könnte, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen