Der HERR klopft an.

Hesekiel 34,1-2.10-16.31 (Berlin-Hellersdorf, 18.4.2021)

1 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? … 10 So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. 11 Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. 12 Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. 13 Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande. 14 Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. 15 Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. 16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. … 31 Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.

Immer, wenn ich diesen Textabschnitt aus Hesekiel höre oder lese, fühle ich mich zunächst an einen allen Klischees entsprechenden Stammtisch oder in manche andere Runde versetzt. Was wird da doch oft gewettert über „die da oben“, seien es nun Bürgermeisterin oder Landrat, Parteien oder Regierungen in den Ländern oder im Bund. Und im Internet ist es meistens noch viel schlimmer. Gift und Galle spritzen da aus so vielen Kommentaren, weil „die da oben“ keine Ahnung haben und nicht tun, was für „uns hier unten“ gut und richtig wäre.

Ein ganz zeitgemäßer und aktueller Bibeltext also! So scheint es zumindest. Doch trifft diese Sicht auch das, was der Prophet im Sinn hat? Und was wären dann für uns hier und heute die Schlussfolgerungen aus biblischer, aus christlicher Sicht?

Soviel ist klar, Hesekiel meint wirklich „die da oben“, die Priester und Leviten, die Staatsbeamten und das Königshaus im Staate Juda im 6. Jahrhundert vor Christus. Sie hatten ihr Land in die Katastrophe manövriert, wobei die Leute ihnen offensichtlich zum größten Teil nur zu gern folgten. Und nun hatten sie den „Salat“: die Selbständigkeit endgültig verspielt, Hauptstadt und Tempel in Trümmern und ein großer Teil des Volkes zwangsweise umgesiedelt nach Babylon. Dort saßen sie schließlich ohne Überbrückungsgeld, ohne Aufbauhilfen, ohne verbilligte Kredite, ohne gestundete Mieten und ohne jede irgendwie geartete soziale Absicherung. Ist das unsere Situation? Wohl kaum, auch nicht nach einem Jahr Corona! Und wer dann von Diktatur faselt und sich wie Sophie Scholl im Widerstand wähnt, hat im günstigsten Fall nicht alle Tassen im Schrank, wenn er nicht längst ein gefährlicher Demagoge ist.

Allerdings, das gilt nun doch auch ganz unbestritten, und darauf weist der Bibeltext mit Nachdruck hin: Wer ein Amt bekleidet und also in öffentlicher Verantwortung steht, an den werden besondere Anforderungen gestellt. Einer meiner Freunde, ein Lehrer, beschreibt das immer so: Das ganze Dorf war besoffen, aber nur über den Pfarrer und den Lehrer zerrissen sich die Leute das Maul. Oder in unsere Zeit gebracht: An der Bereitstellung von FFP-2-Masken haben sich viele Apotheken dumm und dämlich verdient. Das kochte kurz hoch, dann war aber auch schon bald wieder Ruhe. Dass da aber Abgeordnete nicht nur ihre Verbindungen genutzt haben, um die Sache schnell ins Laufen zu bringen, sondern überdies noch Provisionen kassierten, das ist ein Riesenskandal und bringt eine ganze Partei und Politiker und Politikerinnen generell ins Strudeln.

Der Prophet Hesekiel entwirft ein Gegenmodell. Nein, das ist nicht ganz richtig gesagt. Hesekiel entwirft nicht. Das würde ja heißen, dass er seine eigenen Ideen entwickelt und darlegt. Gerade das tut er ja nicht. Er plant nicht von sich aus, er entwickelt keine eigenen Ideen für gute Regierungsführung. Hesekiel redet nicht von sich, sondern von Gott. Und da beschreibt er ganz einfach, wie er Gott erlebt und verstanden hat, nämlich als den wahren Hirten, der für die Seinen alles bestens einrichtet.

Das Bild des Hirten als das Bild eines Menschen, der sich kümmert, das ist seit Jahrtausenden gängig. Es beschrieb im Alten Orient die Götter, vor allem den obersten Gott, den Götterkönig, und ebenso beschreibt es den Gott Israels. Es ist das Idealbild der Königinnen und Könige bis heute, dem sie mehr oder weniger – viel zu oft weniger – folgen. Und im Grunde hat sich das auch im demokratisch verfassten Staat nicht geändert, wenn wir den Amtseid betrachten, den Ministerinnen und Minister abzulegen haben. Sie versprechen, dem Land und seinen Bewohnern zu dienen. Und wenn dabei dann bislang immer noch viele von ihnen hinzufügen „so wahr mir Gott helfe“, dann stellen sie sich genau in diesen uralten Zusammenhang.

Wie aber geschieht Gottes Hirtendienst an uns, von dem Hesekiel hier so eindrücklich spricht? Fast mutet das, was wir da an Gutem hören, wie Zauberei an. Gott macht einfach alles. Nichts muss sein Volk, nichts müssen wir selber tun. Die alten Chefs haben es vermasselt, nun macht es der oberste Chef, Gott, selber. Wir müssen nichts tun? Wirklich?

Gottes Wirken ist nicht menschlich zu vergleichen, es ist etwas Besonderes. Und wahrscheinlich hat der Künstler, der das Altarbild in einem Berliner Kirchlein gestaltete, das ich aus verschiedenen Gründen recht mag, dabei dieses Wirken Gottes und seines Heilandes sehr treffend eingefangen. Ich meine die Waldkapelle von Hessenwinkel im Südosten Berlins, kurz vor Erkner, nah am Dämeritzsee. Sie trägt den schönen Namen „Waldkapelle zum anklopfenden Christus“. Wenn man die kleine Kirche betritt, so fällt gleich das in hellen und zugleich leuchtenden Farben gehaltene Altarbild ins Auge. Und darauf sehen wir ihn, Christus, in der Art, wie man ihn um die vorige Jahrhundertwende herum gern malte, wie er, hineingestellt in eine märkische Landschaft, mit seinem Stab, dem Hirtenstab, der hier zugleich Wanderstab ist, an eine Tür klopft. Ja, er klopft zart. Er donnert nicht gegen die Tür, er rammelt nicht dran rum. Er klopft und horcht, ob sich drinnen wohl etwas regt, ob da einer kommt und ihm öffnet.

Gottes Wirken ist so, dass es unser Wirken bewirken will. Gott, als der Hirte, Christus als unser guter Hirte, sie zaubern uns nicht ins Schlaraffenland. Gott klopft an, Christus klopft an und wartet, dass wir ihn einlassen, in unser Leben einlassen, dass wir uns auf ihn einlassen. Und da haben wir auch den Unterschied zu den Mächtigen dieser Welt, seien es nun Majestäten oder demokratisch gewählte Funktionsträger. Sie alle haben nicht nur Macht, sie können auch abgesetzt oder abgewählt werden und müssen sich demzufolge sorgen um den Erhalt ihrer Macht. Ganz anders Gott! Gott ist Gott. Er kann warten. Er klopft an und wartet. Wo er aber eingelassen wird, wo wir seinen Weg zu unserem Weg machen, da verheißt er große Freude, da verheißt er Segen.

Der, der uns geleiten will, der gute Hirte, er sagt auch heute: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“ (Offb.3,20)

Und was heißt das für die Amtsführung, von der wir eingangs ja sprachen? Anklopfen, den Dialog fördern, der „Stadt Bestes suchen“, erkennen, dass auch ich eine Verantwortung habe, nicht nur andere, nicht nur „die da oben“. Nicht ohne Grund wird in lutherischer Tradition vom „Priestertum alle Gläubigen“ gesprochen. Und so geht es letzten Endes auch nicht nur um Amtsführung, sondern ganz allgemein um Lebensführung. Wir sind gefragt, jede und jeder, und das jeden Tag, das aber mit der Verheißung: „Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott, der HERR.“ Amen.

(Das beschriebene Altarbild ist u.a. auf Wikipedia unter „Waldkapelle zum anklopfenden Christus“ zu finden.)

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen