Der Herr führt uns auf neues Land

Geheimnisse und Geschichten ranken sich um das Abendmahl. Letztes Jahr erzählten Konfirmandeneltern von ihrer Scheu vor diesem Geschehen. Einige waren seit ihrer Konfirmation nicht mehr zum Abendmahl gegangen. In anderen Epochen war es genau umgekehrt: als farmakon aqanasias als Heilmittel der Unsterblichkeit hatte es tägliche Nachfrage, je mehr desto besser. Andere legten und legen Wert auf die Vergebung der Sünden, die zum Abendmahl gehört und feiern es wie der berühmte Kaiser Konstantin auf dem Totenbett. Etwas ganz besonderes geschieht mit Wein und Brot. Wann immer wir gemeinsam feiern und uns vergegenwärtigen, wie Jesus mit seinen Jüngern, aber auch mit Fremden, Menschen am Rand der Gesellschaft, mit Zöllnern, mit Frauen, mit Heiden gefeiert hat, dann ist er auch ganz bei uns. Das hat nichts mit Zaubern zu tun, auch wenn man sagt, das Wort Hokuspokus käme von "hoc est corpus meus"- das ist mein Leib, weil man glaubte der Priester würde Brot in Fleisch verwandeln. In, mit und unter Brot und Wein ist Jesus bei uns. Wer über das Wie nachgrübelt, gerät nur in eine Sackgasse. Das ist das Geheimnis. Bei seinem Abendmahl war Jesus auch selbst anwesend und trotzdem sollten Brot und Wein sein Leib und Blut sein. Auch das ist schwer zu verstehen. Diese Art von Sprache und Ausdruck ist uns fremd. Ein Symbol ist in verschiedenen Zeit- und Bedeutungsebenen gleichzeitig auslegbar und auszulegen. Es drückt eine Realität aus, die wir nur erahnen können. Doch damit haben sich die Menschen nie begnügen können. Die christlichen Konfessionen trennten sich nicht zuletzt über der Frage wie Christus im Abendmahl da ist, leiblich verwandelt, leiblich irgendwie, in der Erinnerung…so ist heute noch die Gemeinschaft aller Christen beim Abendmahl unmöglich- wenn auch in der Diskussion-, die damals mit Jesus eingeführt wurde. Eine Gemeinschaft, die nicht gefragt wurde "bist du auch würdig hier teilzunehmen" Noch während der Vorspeise wird klar, dass in der Gemeinschaft ein Verräter sitzt. Alle Jünger werden fliehen, wenn die Soldaten kommen Jesus festzunehmen, auch der treueste wird ihn verleugnen.

Welch ein Rahmen für ein Fest. Jesus feiert nicht irgendein Abendessen, sondern ein großes Fest, das fest der Befreiung aus Ägypten, von dem es im 2. Buch Mose heißt: "ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben als ein fest für den Herrn". In diesem Fest werden die Speisen als Symbole gedeutet: Erinnerung an die Sklaverei, Erinnerung an die Befreiung, der Blick auf das verheißene Land und auf die Ankunft des Messias, für den ein Gedeck am Tisch steht, gleichzeitig. In diese Deutungen reihen sich die Worte Jesu ein und bekommen so einen farbigen Hintergrund aus der Geschichte Gottes mit Israel, der sich selber so bezeichnet: "Ich bin dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat aus der Knechtschaft, du sollst keine anderen Götter haben neben mir". Diese Geschichte wird weiter gefeiert am Fest der Offenbarung der 10 Gebote, 50 Tage später, dem Wochenfest. Aus diesem Hintergrund wird auch klar, was Jesus meint, wenn er vom Neuen Testament, vom Neuen Bund spricht: Damals hat Gott mit Israel einen Bund geschlossen, Mose war Vermittler und Israel wurde Gottes Volk. In Erinnerung daran schließt Gott einen Neuen Bund mit allen Völkern durch die Fürsprache Jesu. Alle Völker werden zu Gottes Volk, das macht uns das Abendmahl lebendig, ja zum fest der Gemeinschaft mit Gott und untereinander. Ein neuer Anfang ist gemacht. Auch wenn Jesus dem Tod nicht entgehen kann, weil er sich nicht um die Konsequenz seines Handelns drückt. Der Anfang geschieht hier im Abendmahl im Blick auf das Reich Gottes, das Jesus in den Augen und auf der Zunge trägt, das ihm im Herzen eingeschrieben ist. Wie Jesus haben auch wir daran Anteil, wenn wir ihn vor Augen, auf der Zunge und in uns haben, mit, in und unter Brot und Wein. Eines Tages werden wir im Reich Gottes mit ihm feiern. "Wir feiern das Fest der Befreiung, der Herr führt uns auf neues Land, die Träume werden wahr" haben wir vorhin gesungen. Das gilt für alle, die das Pessachfest feiern, wie für die, die das Abendmahl feiern im gleichen Maße, und so möchte ich zum Abschluss noch einmal von dem fest erzählen, an dem beide Feste zusammentrafen: In Jerusalem sind die Straßen und Häuser von Liedern und Gemurmel erfüllt. Menschen sitzen auf den Dächern und in den Höfen. Zum Pessachfest haben sich nach altem Brauch zig-tausende zum feiern versammelt und sind in die Hauptstadt gezogen. Am Nachmittag standen die Menschen in langen Reihen vor dem Tempel: 100000 kamen ihr Lamm schlachten zu lassen. Blut- sagt man- gehört Gott allein- schlachten kann man also nur im Tempel. etzt ist es dunkel. Die Menschen haben sich im Stadtbezirk in ihre Häuser zurückgezogen immer 10 bis 15 Leute pro Lamm zusammen. Die Räume waren vorher hergerichtet: ein paar Polster am Boden, auf dem Tisch Kerzen, ein zugedeckter Korb mit ungesäuertem Brot, eine Schüssel mit grünen Kräutern, Bitterkräutern, Fruchtmus. Am Rand Krüge mit Rotwein – soweit man es sich leisten konnte auf dem Tisch ein oder mehrere Becher. Auf dem Feuer das Lamm.

In einem Raum am Rand der Stadt ist noch dunkel. Im Vorraum hört man Stimmen: "Wir haben keinen Sklaven- wer soll uns die Füße waschen- etwa ich? 13 Männer sind versammelt und schauen erstaunt als einer von ihnen ein Tuch nimmt, die Wasserschüssel, und sich vor die anderen hinkniet um ihnen die Füße zu waschen. "Du doch nicht, Meister" sagt einer, "wenn du dich nicht waschen lässt, hast du nicht Anteil an mir", ist die Antwort". Als alle gewaschen sind betreten sie den Raum. Die Kerzen werden angezündet, dann nehmen sie Platz. Der Mann, der den anderen die Füße gewaschen hatte- Jesus, erhob seine Weinbecher, den er aus einem Krug gefüllt hatte und sprach das Gebet: "Gepriesen bist du Herr, unser Gott, König des Weltalls, denn du hast die Frucht des Weinstocks geschaffen." Er trinkt daraus und reicht ihn den anderen weiter. Die Feststimmung ist eigenartig gedämpft. Einige denken wohl noch an die Fußwaschung, irgend eine Spannung liegt noch im Raum. Jesus greift in die Schüssel und taucht grüne Kräuter in Salzwasser mit dem Lobpreis. "Gepriesen bist du Herr unser Gott, König des Himmels und der Erden, der du die Früchte der Erde geschaffen hast." Und während die anderen auch in die Schüssel langen, sagt er "einer von euch wird mich verraten". Unverständnis steht auf ihren Stirnen, Nachdenklichkeit, auch Erstaunen und sie fragen: "Bin Ich’s" So ganz sicher sind sie nicht. "Ja ich werde sterben und einer von euch 12 wird mich dazu verraten, wehe ihm!" Der zweite Weinbecher wird eingeschüttet. Während der folgenden Zeremonie bleibt den Menschen im Raum ein komisches Gefühl im Magen. Doch der Ablauf, den sie immer gefeiert haben nimmt sie schließlich gefangen: "wodurch unterscheidet sich diese Nacht von den anderen Nächten.." fragt der Jüngste in der Runde. Das ist das Stichwort von der Befreiung aus Ägypten zu erzählen, jeder fügt zu, an was er sich erinnert von der Fronarbeit erzählen sie, den Ziegeln, die die Vorfahren in Ägypten brennen sollten- immer mehr, von der Weigerung des Pharao dem Volk Gelegenheit zum Gottesdienst zu geben, von den Plagen, dem blutigen Nilwasser über die Naturkatastrophen bis zum Sterben der erstgeborenen als Antwort Gottes, und endlich vom Auszug in der Nacht, jede Haustür der Israeliten mit Blut bestrichen, in Eile ungesäuerter Teig zusammengeknetet, das Lamm, dessen Blut verstrichen wurde in Eile gebraten und gegessen und fort in die Wüste … Jetzt spricht Jesus: "Einst waren wir Sklaven in Ägypten, hätte Gott unsere Väter nicht aus Ägypten geführt, wahrlich wir, unsere Kinder und Enkel hätte auf ewig in Ägypten dienstbar bleiben müssen… wiederholte Wohltaten hat er uns erwiesen: Er hat uns aus Ägypten geführt…hat uns das Meer gespalten, hat für unseren Unterhalt in der Wüste 40 Jahre lang gesorgt und uns mit Manna gespeist, hat uns die Tora gegeben, uns ins gelobte Land gebracht und einen Tempel gebaut um alle unsere Sünden zu sühnen Betrachtet euch, als wäret ihr selbst aus Ägypten geführt worden". "Was bedeutet Pessach" fragen alle. "Es ist ein Überschreitungsopfer, wir verbeugen uns, weil Gott unsere Häuser in Ägypten verschont hat" "Was bedeutet das Brot" fragen sie wieder "es war ungesäuert, weil keine Zeit für einen Sauerteig blieb. In der Zukunft haben wir Essen die Fülle." "Was bedeuten die bitteren Kräuter" "sie erinnern uns an die Fronarbeit, die unseren Vätern das Leben bitter machten.. auf dass wir den Herrn preisen, weil er unsere Väter aus der Knechtschaft in die Freiheit aus dem Kummer in die Freude, aus der Dunkelheit in’s Licht geführt hat" Zusammen stimmen sie einige Psalmen an und singen, dann trinken sie den 2. Becher.

Darauf bringen sie das Lamm auf den Tisch. Jesus greift nach dem Brot, bricht’s und spricht: "Gepriesen bist du Herr unser Gott, König des Himmels und der Erde" dann gibt er es an die anderen weiter. Doch er sagt noch etwas dazu: "Nehmt, das ist mein Leib!" Die anderen nehmen vom Brot und geben es weiter, eher zögernd und auch während des Essens sind sie eher still. "Wird Jesus tatsächlich sterben, zerrissen wie das Brot? Hat Gott durch Jesus für uns gesorgt, wie damals für Israel in der wüste? Verspricht uns Jesus, dass in ihm die Fülle der Zukunft zu finden ist?" Sie überlegen und denken an die tage zurück, die sie mit Jesus verbracht hatten. Auch Jesus ist still und auch der, der ihn verraten wird "er will’s doch nicht anders". Jesus schenkt den dritten Becher ein, hebt ich zum Lobpreis und sie trinken daraus; Die Mahlzeit schließt mit weiteren Psalmen, die gesungen werden, wie "danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich", vielleicht ein wenig lauter als vorher um die Gedanken zu übertönen. Und wieder wird Wein eingeschenkt.. Jesus hebt den Becher: "Gelobt seist du Ewiger unser Gott, Weltregent, für den Weinstock und für das Land, das du uns gegeben hast, erbarme dich über dein Volk Israel, über deine Stadt Jerusalem, über Zion, über deinem Tempel. Wir wollen dir danken, Ewiger." Er trinkt, gibt ihn weiter an die anderen und wieder werden sie aus dem üblichen gerissen. " Das ist mein Blut des Neuen Bundes, das für die Völker vergossen wird. Ich werde nicht mehr vom Gewächs des Weinstocks trinken bis auf den Tag, da ich’s neu trinken werde im Reich Gottes" und er stimmt den Schlussgesang an, den man auch in den Nachbarhäusern etwas zeitversetzt hört, auch noch als die Männer das Haus verlassen und an den Ölberg hinausgehen. Die Männer sind auf dem weg noch beschäftigt mit ihren Gedanken. "Er will’s so" sagt sich der eine und verschwindet im Dunkel. Einige sind traurig. Andere erinnern sich an das Gleichnis vom großen Fest bei Gott und daran wie Jesus vom Reich Gottes gesprochen hatte, vom Senfkorn, vom Schatz, vom fest. Mitternacht ist weit überschritten… "Wenn heute Gemeinde zusammenkommt, wird das Mahl zum Zeichen der Hoffnung: wer von ihm ißt und von ihm trinkt, der hat das Leben der Zukunft. Der Herr führt uns auf neues Land, die Träume werden wahr", so endet das Lied, das wir vorhin gesungen haben. Daran mögen wir denken, wenn wir nachher eingeladen sind, das Mahl des Herrn zu feiern. Alle sind eingeladen zu neuem Leben mit Gott und Jesus Christus ist unter uns, und eines Tages werden wir zusammen mit allen Generationen im Reich Gottes feiern, die hier seit Anbeginn Brot und Wein geteilt haben und den vielen anderen zu denen auch wir gehören durch Gott den Herrn.

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