Der gute Teil

Von nichts kommt nichts, liebe Gemeinde! Nach diesem Prinzip funktioniert unsere Welt. Das ist, wenn man so will, das Gesetz unseres alltäglichen Lebens.

Ohne Fleiß kein Preis, so könnte man es auch ausdrücken. Wenn ich nichts tue, wenn ich mich nicht bemühe, mein Bestes zu geben – als Mutter, Vater, als Angestellter oder als Chef, als Schüler oder wo immer mich das Leben hingestellt hat – wenn ich meinen mir auferlegten Aufgaben und Pflichten nicht nach komme, dann gibt es auch nichts, wofür ich Anerkennung erwarten kann.

Marta in unserer Geschichte hat das verstanden. Viel hilft viel! denkt sie als der berühmte Gast zu Besuch kommt. Und tut das, was man von einer guten Gastgeberin erwarten darf: Sie ackert und rackert im Haus und in der Küche. Der Gast soll bekommen was ihm zusteht: Eine gastfreundliche Atmosphäre, ein aufgeräumtes Haus und einen gedeckten Tisch. Alles soll perfekt sein, damit Jesus sich wohlfühlt.

Marta ist die Gastgeberin, und sie will eine gute Gastgeberin sein. Und schließlich von ihrem Gast die Anerkennung erfahren, die sie verdient. Alles ganz normal, so funktioniert nun mal die Welt.

Klar, dass sie sich über die Schwester ärgert, die gegen diese Spielregel verstößt und alles vermissen lässt, was sich für eine Gastgeberin gehört.

Maria setzt sich mit provozierender Selbstverständlichkeit zu dem Gast und hört einfach zu, was er zu erzählen hat. Und was vielleicht noch ärgerlicher ist, als das Verhalten der Schwester, ist die Tatsache, dass der Gast sich offensichtlich nicht daran stößt.

Klar auch, dass der Ärger irgendwann so groß wird, dass sie Jesus bittet, er möge ihre Schwester daran erinnern, was ihre Pflichten als Gastgeberin sind. Gastgeberin ist Maria ja schließlich auch. Jesus möge doch bitteschön seine Autorität als Gast nutzen und die Dinge zurechtrücken. Pflicht ist Pflicht! Das gilt nicht nur für sie, Marta. Das gilt auch für Maria.

 

Wir lernen Ines in der Oscar nominierten Komödie „Toni Erdmann“ kennen. Ines arbeitet erfolgreich als Unternehmensberaterin in Bukarest und demnächst Shanghai und schaut nur noch manchmal für einen Kurzbesuch in Aachen bei ihrem Vater vorbei.

Sie verdient viel eigenes Geld, schuftet hart für ihre Karriere und trifft sich abends noch mit Vorständen großer Unternehmen auf einen Drink in der Hoffnung, sie als nächste Kunden für ihre Firma zu gewinnen.

In Ines Welt des unbarmherzigen Konkurrenzkampfes und Erfolgszwanges darf es kein Anzeichen von Schwäche geben: Unbedingter Ehrgeiz und skrupelloses Durchsetzungsvermögen gegenüber Konkurrenten und Kollegen sind gefragt und vor allem Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst. Atempausen gibt es nur wenige und wenn dann nur kurze in Ines Leben.

 

Ines Karriere und Leben sind beispielshaft für eine Welt in der man – wie es in Lewis Carrolls „Alice hinter den Spiegeln“ heißt: «Hierzulande musst du so schnell rennen wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst. Und um woandershin zu kommen, muss man noch mindestens doppelt so schnell laufen.»

Carrolls Buch ist 1872 erschienen, in der Anfangsphase der Industrialisierung, die die landwirtschaftliche und handwerkliche Wirtschaftsweise ablöste und damit eine rasante Beschleunigung des Lebensalltags zur Folge hatte.

Wie schnell wir heute im Zeitalter der allumfassenden Digitalisierung laufen müssen um am gleichen Fleck zu bleiben lässt sich nur erahnen.

Ladenschlusszeiten waren gestern. Atempausen gibt es keine für den der dabei sein und dran bleiben will an den endlosen Möglichkeiten die sich uns Hierzulande bieten.

Dranbleiben ist alles, Dabeisein ist Pflicht – gerade für die junge Generation. Facebook, WhatsApp, Twitter, Snapchat, Instagram, die Arbeitswelt, Moden und Lifestyles: die digital beschleunigte Lebenswelt erfordert ständige Aufmerksamkeit und sofortige Reaktionen.

 

Maria schließt für einen Moment die Augen und atmet tief durch. Der Besuch ist eine willkommene Unterbrechung im Einerlei der täglichen Arbeit und Mühe in Haus und Garten.

Jesus kommt nicht alle Tage zu ihnen. Eine gute Gelegenheit inne zu halten, mal nur da sein zu können. Sollen und Müssen einfach mal sein zu lassen. Mal einer anderen Stimme zu lauschen als der der täglichen Pflichten und Mühen.

Jesu Gegenwart und Nähe gibt ihr jedes Mal Gelegenheit zu sich zukommen, den Atem der Stille zu spüren, die er mit sich bringt, wohltuend, befreiend.

In solchen Momenten fühlt sie sich erinnert an die wunderbaren Worte, die er einst gesprochen hat: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Mt 11, 28-30)

Sie hört kaum die aufgeregte Stimme ihrer Schwester, die sich über ihre Pflichtvergessenheit beschwert, so tief ist sie versunken in der himmlisch wohltuenden Geborgenheit, die Jesu mit sich bringt.

 

„Die Ära des leeren Geschwätzes ist vorbei!“ versprach der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten in der vergangenen Woche. An die Stelle der angeblich nichtssagenden Worte treten allerdings nicht besänftigende Stimmen. An deren Stelle tritt das laute Gebrüll derjenigen, die Hass gegen Minderheiten und Migranten schüren. Stimmen die zu Krieg aufrufen gegen liberale kritische Medien und andere mäßigenden Kräfte. Die Stimmen derer, die zu nationalistischem Egoismus aufrufen, Ängste schüren und Feindbilder kreieren.

Keine gute Zeit für leise, friedliche, humane ausgleichend menschliche Töne! Eher eine Zeit der Verrohung der Kultur und Enttabuisierung von Gewalt.

Das kann einem schon Angst machen! Und doch will ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass wir nur eine Phase des Übergangs erleben von einer krisenerfüllten Welt in eine Welt, in der schließlich doch die Vernunft des Geistes eines Jesus von Nazareth und vieler seiner Nachfolger und nicht der angeblich gesunde Menschenverstand regiert, der sich im aggressiven Gebrüll der Populisten laut wird.

 

Einer meiner Schüler – und nicht mal einer, der besonders durch die Nähe zu Religion und Kirche aufgefallen wäre – erzählte kürzlich, dass er und seine Familie im Urlaub gerne Kirchen besuchen. Und das nicht wegen der angenehmen Kühle, die dort herrscht, sondern wegen ihrer besonderen Atmosphäre.

Es stellte sich heraus, dass nicht nur er diese besondere Aura von Ruhe und Erhabenheit schätzte, sondern eine ganze Reihe der jungen Menschen, die da vor mir saßen.

Das macht mir Mut: Gottes Stimme, der Geist Jesu, der von Freiheit und Gerechtigkeit Frieden und Liebe kündet – sie scheinen nicht völlig verstummt oder unverständlich zu sein, nicht mal in der jungen Generation, die unsere Zukunft bestimmen wird.

Es braucht nur Menschen, die seine wahrhaft wohltuende Gegenwart und Nähe auch in unserer lauten, geschäftigen Gegenwart als das gute Teil, wie es unsere Geschichte heute morgen ausdrückt, erfahren.

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