Der große Besuch (zu Lukas 1, 67-79)

Darüber wird ja nun schon seit Wochen leidenschaftlich diskutiert: wer darf wen unter welchen Umständen und in einer zu verantwortenden Weise, also ohne jemanden zu gefährden, am bevorstehenden Weihnachtsfest besuchen: Kinder ihre Eltern, Großeltern ihre Enkel, Alleinstehende ihre Geschwister oder Nichten und Neffen, Freunde gute Freunde, und Verwandte aus dem Ausland die sonst ferne Verwandtschaft? 

Weihnachten gilt als das Fest der Familie und Einsamkeit tut nie so weh, wie in diesen Tagen.

Dabei ist das mit dem Besuch so eine Sache. Nicht jeder Besucher, jede Besucherin löst gleichermaßen Freude aus.

Da gibt’s die Kinder und die Enkelkinder: lange hat man sie nicht gesehen. Die Vorfreude ist riesengroß, auch die Aufregung. Und es soll so schön wie möglich werden, alle sollen sich wohlfühlen und gerne daran zurückdenken. Dann macht auch die Vorbereitung und all die Arbeit Spaß.

Es gibt aber auch diese Pflichtbesuche. Sie müssen sein. Und alle geben sich Mühe, sie ordentlich über die Bühne zu bekommen, die Form zu wahren, freundlich zu bleiben, um am Ende erleichtert aufzuatmen, dass es für dieses Jahr geschafft ist.

Und dann gibt es die Besuche, bei denen ich mich am liebsten verleugnen oder verleugnen lasse.

Das Jugendamt schaut vorbei, ob es den Kindern gut geht, der Gerichtsvollzieher kommt, um zu schauen, ob es noch etwas zu holen gibt.

Der Vermieter schaut, ob die Wohnung in ordentlichem Zustand übergeben wird.

Und zu guter Letzt: egal wie schön der Besuch auch ist – irgendwann sollte er auch wieder gehen, weil der Alltag dann doch nicht darauf abgestimmt ist, Dauergäste zu haben. Der Volksmund kennt da ja gar nichts und sagt: Mit Besuch ist es wie mit Fisch, nach drei Tagen….

Fazit: Besuch ist schön und wichtig, wenn es der richtige Besuch ist und er in Maßen geschieht. Bleibt er aus, fehlt etwas und Weihnachten ohne Besuch ist nicht wirklich Weihnachten.

Denn das eigentlich gar nicht so heimliche Thema – und manchmal ist es ja ganz gut bei allem Klagen über das, was dieses Jahr anders, daran zu erinnern, worum es eigentlich geht – ist Weihnachten der Besuch.

Allerdings nicht der Besuch der Schwieger- und der Großeltern, sondern der Besuch aus der Höhe, der Besuch Gottes, ein lang ersehnter, aber manchmal auch befürchteter, ein unglaublicher und damit alles verändernder Besuch: so etwas kann und wird es wohl nur einmal im Leben und überhaupt geben.

Zacharias hatte es erst die Sprache verschlagen – kein Wunder, wenn einem auf die alten Tage der lang ersehnte Nachwuchs angekündigt wird, wenn es eigentlich aller Erfahrung nach einem Ding der Unmöglichkeit ist, auch wenn man eine Gotteserscheinung hat.  Da kann man schon vor Ehrfurcht verstummen. Erst recht, wenn dieses Kind nicht einfach nur Kind und Sohn sein soll, sondern einen herausragenden Platz in der Geschichte Gottes mit seinem Volk haben wird. Natürlich geht kein Mensch über diese Erde, der nicht ein wunderbarer Gedanke Gottes ist, aber manche Lebensgeschichten werden eben auch über den engen Familienkreis hinaus erinnert und erzählt: Johannes, Zacharias Sohn soll der Wegbereiter sein, Stimme und Bote Gottes, einer, der alles für den großen Besuch vorbereitet.

Und als Johannes geboren war, da konnte Zacharias nicht mehr an sich halten. Alles in ihm und aus ihm heraus sang: gelobt sei der HERR, der Gott Israels!

Ich erahne diesen Augenblick im Angesicht des Neugeborenen: alles in Zacharias jubelt und singt und weint vor Glück. Da ist egal, wie rauh und unumgänglich dieses Kind einmal vielen erscheinen wird. Das ist halt sein Platz im Leben, ihm von Gott zugewiesen, so wie mir und jedem ja ein Platz im Leben von Gott zugedacht wird.

Es jubelt alles, weil natürlich jedes Kind ein Lichtblick und ein Fingerzeig Gottes ist. Martin Luther wird der Ausspruch zugeschrieben: wenn du ein Kind siehst, hast du Gott auf frischer Tat ertappt.

Johannes ist ein besonderes Kind und ein Fingerzeig auf ein noch größeres Ereignis:  Besuch aus der Höhe. „Seht, die gute Zeit ist nah, Gott kommt auf die Erden, kommt und ist für alle da, kommt, dass Friede werde“

Für Zacharias ist klar, dass dieser Besuch aus der Höhe nur Freude, aber keine Sorge und keine Angst auslösen kann.

Er singt von Rettung.  Wir merken gerade, dass es Situationen gibt, aus denen wir uns nicht allein befreien können. Wir sind fest in der Hand eines kleinen Virus, benötigen alle Kunst medizinischer Forschung und können doch nicht alle Leben retten.

Unsicherheit und Unmut macht sich breit, ob alle getroffenen Maßnahmen die richtigen sind, nicht alle können und wollen alles verstehen und nicht immer können Ängste und Widerstände mit Argumenten und Zuversicht überwunden werden.

Die Wahrheit und die Gerechtigkeit haben es schwer in einer Welt, in der so viele Meldungen unterwegs sind, dass es schwierig ist zu prüfen, abzuwägen, die Lüge von der Wahrheit zu unterscheiden.

Reichtum und Armut sind so ungleichmäßig verteilt, dass wir von der Gerechtigkeit und gleichwertigen Lebensbedingungen aller, die doch alle gleich sind, weit entfernt sind.

In den Konflikten dieser Welt dominieren immer noch der Wunsch nach Vorherrschaft und Misstrauen, so dass Friede auf Erden Wunschtraum zu bleiben scheint.

Aber auf den Spuren dieses Kindes, das da geboren werden soll, auf den der neugeborene Johannes weisen wird, über den Zacharias schon jubelt, auf den Spuren des Kindes von Bethlehem, werden wir entdecken können, was Menschen heil macht, Frieden bringt und wo die Rettung liegt: In Aufmerksamkeit, Fürsorge, Zuwendung für Körper, Seele und Geist, Ein- statt Ausgrenzung, Vergebung statt Verurteilung, Wahrheit statt Lüge, Menschenwürde statt Menschenverachtung, Natur- und Schöpfungsschutz statt Ausbeutung.

All das ist genauso notwendig, wie der ersehnte Impfstoff gegen das Virus, und steht uns längst erprobt und ohne Nebenwirkung als Heilmittel zur Verfügung.

Besuch aus der Höhe: eine Karte, die ich aus der Ferne schreibe, ein Telefongespräch, das ich führe, ein Lied, das ich für mich und andere anstimme, eine winkende Hand auf der anderen Straßenseite Krankenhäuser und Altenheime, die es möglich machen, dass unter Einhaltung aller Schutzmaßnahmen besuche möglich bleiben, eine Andacht zum Mitnehmen, ein Wort für den Tag aus dem Radio, eine Adventskalendertür im Internet.

Um nicht missverstanden zu werden: wenn all dies bloß ein erneuter moralischer Appell an den Gutmenschen in uns sein soll, dann wäre es gut, wenn dieser Besuch, der all das im Gepäck hat, bald weiterzieht.

Aber es ist nicht Moral, sondern es sind die Lebensmittel, die ich wie täglich Brot brauche, und die ich mit Gott und bei Gott finde und deshalb mit anderen teile, wie z.B.: 

  • Aufmerksamkeit:  denn Gott sieht mich und hört mich!
  • Fürsorge: denn mit meiner Not finde ich bei ihm ein offenes Ohr und egal, was kommt, am Ende umfängt mich seine liebende Hand.
  • Zuwendung erfahre ich als Zeichen der Nähe und Gnade Gottes in all den Möglichkeiten, die Medizin, Pflege und Gebete einer sorgenden Gemeinde, bieten.
  • Aus der Vergebung lebe ich und entdecke jeden Tag als eine neue Chance, anzufangen und es noch einmal zu wagen. Bis zum letzten Atemzug gibt es kein zu spät und dann hoffentlich immer noch Gottes Barmherzigkeit.
  • Menschen an meiner Seite, egal woher sie kommen und egal wie sie leben, sind Fingerzeige, Hinweise, Liebesbeweise Gottes auf meinem Weg.
  • Dieser Glaube hilft mir Wahrheit und Lüge zu unterscheiden, der Wahrheit zu trauen und für sie einzutreten, also der Lüge entgegenzutreten.

Und dieser Glaube ist wie ein Licht in dunkler Nacht und gegen die Ängste, die mich dabei befallen. Er hilft in der Zeit und in der Welt mein Leben als Geschenk zu begreifen und zu gestalten und es als ein Vorgeschmack auf Gottes Ewigkeit zu begreifen. Ich lebe und liebe in dieser und in der kommenden Welt!

Wenn der Besuch aus der Höhe all das mit sich bringt (der Heil und Leben mit sich bringt, derhalben jauchzt mit Freuden singt…): gelobt sei der HERR, der Gott Israels, de

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