Der goldene Faden Gottes (1.Joh 3,18)

1.Joh 3,18
[18] Lasst uns nicht lieben mit Worten
noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.

Lieber N.N., liebe N.N., liebe Hochzeitsgemeinde!

Gestatten Sie mir, dass ich mit einer Definition anfange: Judo ist eine aus Japan stammende Kampfsportart, die vom Jiu-Jitsu abgeleitet wurde. Die Wettkämpfe finden auf einer quadratischen Kampffläche von neun Meter Seitenlänge statt, umgeben von einer Sicherheitszone, die einen Meter breit ist. Da Judo eine Kampfsportart ist, geht es doch wohl darum, sich jemanden vom Leib oder vom Hals zu halten. Kämpfen wird man aber nur gegen jemanden, den man nicht unbedingt in seiner Nähe haben will, der einem gefährlich werden könnte und der einem deswegen nicht zu nahe auf die Pelle rücken soll.

Bei Ihnen beiden hat diese Kampfsportart nun letztendlich das Gegenteil bewirkt: Dieser Kampfsport hat sie nicht voneinander entfernt, sondern hat Sie beide einander näher gebracht. Kennen gelernt haben Sie beide sich in Bückeburg, wo N.N. sich zur Ausbildung aufhielt. Das ist nun schon eine Weile her, aber Sie beide werden die ersten Augenblicke und die ersten Situationen, die Sie zueinander finden ließen, nicht vergessen haben. Indessen – es stimmt, was der Volksmund sagt: Aller Anfang ist schwer. Das gilt nun auch für Sie, denn es bedurfte schon einiger Anläufe bis N.N. endlich gemerkt hatte, dass es neben Judo und neben Berufsausbildung noch andere schöne, ja!: sehr schöne Dinge, auf dieser Welt gibt. Es dauerte schon eine Zeit, in der sich im klaren darüber waren, was es mit Herzschlag und Sehnsucht auf sich hat! Sie beiden gehören seit gestern zusammen. Und obwohl Sie in Lübeck schon seit 1997 zusammen wohnen und leben, wird sich Ihr Zusammensein ändern, denn es ist ein Unterschied, ob man eine mehr oder weniger lose Bindung hat, oder ob man in dem Rahmen, den Gesetze bieten, zusammen ist.

Ihre Zeit des Kennenlernens hatte oftmals mit räumlichen Entfernungen zu tun und hat Sie beide gelehrt, die Sehnsucht nach dem anderen zu entdecken, unter dieser Sehnsucht zu leiden, aber sie auch zu genießen. Das alles ist weit mehr als ich zu erzählen in der Lage bin und das Wichtigste ist sicherlich, dass Sie beide zusammen sind und dass sie beide auch füreinander geschaffen sind. Ich hatte nun durchaus den Eindruck, dass Sie sich gut ergänzen und auf Ergänzungen kommt es an, auch in einer Ehe. Wenn wir uns nun den Trauspruch ansehen, den Sie beide sich ausgesucht haben, so werden wir in die Nähe dessen geführt, was für Ihr Zusammensein wichtig sein wird: "Lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit
der Wahrheit."

Hier wird in aller Kürze ausgesagt, was unter anderem für eine Ehe gut ist. Eine Ehe lebt davon, dass Eheleute miteinander reden, denn nur wenn ich mich dem anderen mitteile, kann meinem Gegenüber deutlich werden, was in mir vor sich geht und was ich will und was ich nicht will. Nun kommt es darauf an, wie das vonstatten geht: Ich kenne Eheleute, bei denen die Rollen klar verteilt sind: Sie redet und er muss tun, was sie will. Und wenn es nicht auf Anhieb klappt, dann wird gequält und gemosert. Das geht nun schon einige Jahre so, Mann hat sich dran gewöhnt, tut, was sie will und hat denn doch seine Ruhe. Ich muss nicht unbedingt sagen, dass das auch in umgekehrter Konstellation so laufen kann. Das ist nun eine Art der Ehe, die nicht unbedingt nachahmenswert, aber doch weit verbreitet ist. Wie soll es aber gehen, was ist zu tun, denn Taten fordert ja der Trautext von Ihnen beiden. Vielleicht kann eine Geschichte weiterhelfen:

Es war einmal ein weiser Mann, der immer zur rechten Zeit die rechten Ratschläge gab. Darum wurde er auch viel befragt und genoss hohes Ansehen in der Bevölkerung. Das ärgerte die Oberen des Landes und sie überlegten, wie sie dem Mann eine Falle stellen könnten. Nach langen Überlegungen hatten sie eine Idee: Einer von ihnen sollte mit einer Maus in der geschlossenen Hand vor den weisen Mann treten und fragen, was er in der Hand trage. Sollte der weise Mann wider Erwarten die Maus benennen, so könnte durch die Zusatzfrage, ob das, was sich in der Hand befinde, lebend oder tot sei, der weise Mann bloßgestellt werden. Lautete die Antwort „tot“, würde die Hand mit der lebenden Maus geöffnet. Lautete die Antwort aber „lebendig“, so könnte die Maus durch schnelles Zudrücken mit der Hand getötet werden. Die Oberen des Landes gingen also zu dem weisen Mann und einer fragte: Was ist in meiner Hand? Der weise Mann antwortete: Ein Maus. Die nächste Frage kam sogleich: Ist das, was in meiner Hand ist, lebendig oder tot? Da antwortete der weise Mann: Ob das, was in eurer Hand ist lebendig oder tot ist – das liegt in euerer Hand.

Ich denke, lieber N.N. und liebe N.N., ihr habt diese Geschichte verstanden. Es ist eine Geschichte für Euch und für Eure Ehe und für die Zukunft Eurer Ehe und es ist ja auch wohl eine Geschichte für alle Eheleute:
Ob ihr alt und glücklich miteinander werdet – liegt in Eurer Hand. Ob denn eure Ehe belastbar wird und bleibt und auch biegsam – liegt in Eurer Hand. Ob Eure Kinder Euch einmal lieben oder ob sie Euch nicht lieben werden – das liegt in Eurer Hand. Ob Eure Tage voller Phantasie sein oder ob sie von Tristesse geprägt sein werden – das liegt in Eurer Hand. Ob Harmonie oder gähnende Öde Eure Ehe kennzeichnen wird – liegt in Eurer Hand. Letztlich: Ob Eure Ehe lebendig ist und bleibt oder ob sie stirbt – das liegt in Eurer Hand.

Wir sehen und spüren es, meine Lieben: Es ist schon ein großes Unternehmen, wenn zwei, die eins werden wollen, am Anfang dieses gemeinsamen Weges stehen. Und weil wir aus eigener Kraft zwar einiges auf den Weg bringen, aber auch nicht alles können, sind wir hier in unserer Kirche versammelt, um Gott, den Allmächtigen um seinen Beistand und Segen zu bitten. Gottes Segen wird Euch begleiten, wenn Ihr es denn glaubt. Gottes Segen wird am Anfang Eurer Ehe dabei sein und wird sich wie ein goldener Faden, den man mal deutlicher und mal undeutlicher sieht, in Eure Ehe einweben. Das ist es, was ich glaube und das ist es, worauf Ihr beide, lieber N.N. und liebe N.N. euch verlassen könnt. Glauben müsst Ihr es allerdings selber. Je mehr Ihr beide es Gott zutraut, dass er Euch begleitet, umso intensiver kann diese Erfahrung mitgehen und zwischen Euch wirksam sein. Dieser Gott, denn wir nicht sehen, der uns aber sieht, hat auch Euer Leben in seiner Hand.

Kommen wir zum Schluss: Judo, damit fing alles an, in Eurer Beziehung und in dieser Ansprache. Judo, dieses japanische Wort heißt übersetzt: „der sanfte Weg“. Möge es in Eurer Ehe viele sanfte Wege geben, die Euch immer wieder zueinander führen, Euch aber auch die nötige Freiheit lassen. Gott segne Euren Anfang.

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