Der Friedensengel

Liebe Gemeinde!

Die Christnacht ist den Boten des Himmels vorbehalten. Sie sind die Verkündiger der neuen Botschaft. Für uns medienerfahrene Christen der Moderne klingt dieser Satz wie eine Randnotiz in dem Erinnerungsalbum der Weltgeschichte. Die eher geringe Beachtung für diesen theologischen Hinweis dürfte dem Umstand geschuldet sein, dass wir den Bezug zu dem wirklich epochemachenden Ereignis verloren zu haben scheinen. Es gibt nicht viele Daten der Weltgeschichte, die die Menschheit so nachhaltig beeinflusst und verändert haben. Religionsgeschichtlich fallen einem dazu nur Übergabe der Gebote durch Mose und die Lehrpredigten Siddarthas ein, mit denen der Buddhismus entstand. Man erinnert sich an tausend Jahre später, an die Verkündigungen Mohammeds in Medina. In der Neuzeit müßte man vermutlich an die Reformation und die Aufklärung denken. Wenn wir diesen Vergleich im Blick haben, dann erahnen wir vielleicht die Dimension der Nacht über der einfachen Herberge in Bethlehem.

In unseren Herzen haben wir die Erinnerung an dieses Ereignis möglicherweise tiefer bewahrt als in unserem Verstand. Denn während unsere Rationalität die Existenz himmlischer Wesen oft milde belächelt, weiß sich unser Herz doch meist eng verbunden mit dem Schutzengel an unserer Seite. Die Boten des Himmels tragen auf geheimnisvolle Weise Sorge um unser Leben. Und wenn wir die Kühle der Rationalität durch die Wärme des Lebenssinns ersetzen, merken wir, dass wir zumindest in den Weihnachtstagen ein wenig offener werden für die Zwischenwelten in unserem irdischen Dasein.

Ich möchte an dem diesjährigen Christfest gerne an Predigten der letztjährigen Weihnachtstage anschließen und Ihnen wieder einen Engel vorstellen. Er hat keinen Namen. Vielleicht geben Sie ihm nachher einen schönen Namen? Das Bild des Engels findet man auf einem Gemälde von Barna de Siena ‚Die geheimnisvolle Heirat der Heiligen Catherina’ (~ 1350). (Bildvorlage: <A HREF="http://www.danploy.com/barna_da_siena.htm" TARGET="_blank">http://www.danploy.com/barna_da_siena.htm</A>)

Die uns gemeinhin bekannten Engel gehören in Kategorien wie Schutzmacht, Verkündigung oder militärische Helfer. Dieser Engel hat einen ganz anderen Auftrag: er hilft zwei verfeindeten Parteien zum Friedensschluss. Seine weit ausgebreiteten Flügel umgeben die Kontrahenten mit einem großen Schutzschirm. Unter seinen breiten Flügeln finden die zerstrittenen Menschen Geborgenheit und den Raum für Versöhnung. Seine Arme scheinen den beiden Kriegern den Rücken zu stärken – oder führen sie die beiden gar mit sanftem Druck zueinander: ähnlich wie wir unsere Kinder nach einem Streit liebevoll ermuntern, wieder aufeinander zuzugehen und sich zu verzeihen …

Bei der Betrachtung der Streitenden ist Ihnen sicher aufgefallen, daß in der Bekleidung des Einen Farben aus der Bekleidung des anderen zu sehen sind. Das könnte ein Hinweis sein, dass wir Menschen eigentlich sehr viel Ähnlichkeit mit einander haben: auch wenn wir in Religion, Kultur und Sprache verschieden sind – wir sollten uns erinnern: wir gehören der gleichen Gattung an und glauben daran, dass wir von Gott Geliebte sind. Warum zerstreiten wir Menschen uns dann nur so oft und bekämpfen uns bis aufs Messer? Warum müssen Menschen, wenn Sie es miteinander in der Ehe nicht mehr schaffen – das mag ja vorkommen, dass es nicht mehr zusammen weitergeht und dann ist eine Trennung der richtige Weg – aber warum muss man sich dann noch mit den fiesesten Tricks der Anwälte bekämpfen und dem ehemals geliebten Partner das Leben schwer machen? War nur ein Beispiel. Aus dem Alltag eines Pfarrers. Die großen Beispiele von dem Unsinn von Kriegseinsätzen lasse ich heute Nacht besser Außen vor.

Also: warum bekriegen sich die Völker? Der Engel scheint etwas gegen diese dummen Angewohnheiten der Menschen zu haben. Er bringt sie dazu, ihre Waffen fallen zu lassen und sich zu umarmen. Die Krieger haben durch die Hilfe des Engels erkannt, dass das Feindbild immer zuerst im eigenen Herzen entsteht.

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass bitter verfeindete Völker nach jahrelangen Kriegen einige Jahrzehnte später die besten Freunde geworden sind? Für die meisten Länder Europas trifft diese Einsicht zu. Und selbst in dem fernen Afghanistan beginnen sich die Politiker und Militärs auf eine Zeit nach der Intervention vorzubereiten. Woran erkennt man also Erfolge eines Krieges? Sagte ich: Erfolge? Nein! Folgen? Unzählige. Negative. Und daher ist es vermutlich kaum verwunderlich, wenn die Engel zu Weihnachten den Menschen FRIEDEN verkünden. Wie bescheuert müssen eigentlich Menschen sein, wenn man den Kriegsfronten von ‚Kriegsweihnacht’ spricht, wenn man an Heilig Abend mit dem Feind zusammensitzt, erzählt, eine Flasche Wein kreisen läßt und eine Zigarette zusammen raucht – nur um nach der Waffenpause wieder mit Raketen aufeinander loszugehen?

Gott hat schon ganz genau gewusst, warum er sich mit der Engelsbotschaft in die Angelegenheiten der Militärs weltweit und für alle Zeiten angelegt hat. Man muß es uns Menschen wohl immer und immer wieder in die Ohren flüstern, schreien, rufen, in die Köpfe einhämmern: F R I E D E N braucht die Welt. Nur im Frieden können Verständnis, Fürsorge und gegenseitige Hilfe gedeihen. Und Jahrzehnte später weiß der Urenkel gar nicht mehr, dass seine Urgroßmutter einmal aus einem ehemals verfeindeten Nachbarland eingeheiratet hat. Im Frieden vergeht im Laufe der Jahre der Hass.

Im persönlichen Umfeld ist es ähnlich. Auch wenn es in einer Beziehung zu erbittertem Streit gekommen ist – wenn man sich eine angemessene Zeit aus dem Weg gehen würde, wenn man die Verletzungen in einem Anflug von geistiger Desorientierung nicht weiter pflegen würde, wenn man den anderen und sich als von Gott „Friedensbewünschte“ ansehen und respektieren würde – dann gäbe es nach einiger Zeit gute Aussichten auf ein versöhntes Weiterleben. Mag sein, daß es manchmal auch notwenig ist, von einem Engel zu einem Friedenskuss gedrängt zu werden. Gottes Liebe kann auch fordernd sein. Aber das muss wohl so sein, denn wir Menschenkinder bleiben auf der emotionalen Ebene leider oft auf dem Stand eines Kleinkindes. Das ist an und für sich ja nichts Schlimmes – nur sollten wir dann auch den energischen Hinweis des Engels für unsere kindliche Gemütsverfassung zulassen.

Weihnachten: das Fest des Aufseufzens: ich gebe gerne zu: es ist anstrengend, neue Wege einzuschlagen; es ist schwer, liebgewordene Zerrbilder aufzugeben; es ist eine Herausforderung, die inneren Verletzungen mit dem Wundbalsam der gütigen Gelassenheit heilen zu lassen; es ist eine Aufgabe über den eigenen Schatten zu springen und dem anderen die Hand der Versöhnung zu reichen. Gott ermuntert uns dazu. Sein Engel legt seine Arme segnend auf unsere Schultern.

Wir können es schaffen. Wenn Sie es gerne ganz modern und neurowissenschaftlich erklärt haben möchten: Versöhnung und Vergebung schaffen eine neue Lebensqualität. Der Stress nimmt ab, man lernt wieder befreit zu atmen und auch zu einmal wieder lachen.

Mir ist es gleich, welchen Grund Sie für Ihr persönliches Weihnachten wählen, um etwas Neues auszuprobieren. Nur tun sollten Sie es. Hören Sie auf die Stimme Ihres Engels! Frohe Weihnachten für Sie! Möge Frieden in unsere Herzen einziehen.

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