Der Friede ist da

Liebe Gemeinde,

der in Deutschland wichtigste Teil von Weihnachten liegt mit dem Heiligabend schon hinter uns. Die beiden Feiertage bekommen viele Besuch oder besuchen die Familie.
Heute bitten wir für ein verstorbenes Gemeindeglied. Das erinnert uns daran, dass unsere Hoffnung auf Harmonie in der Familie zu Weihnachten immer gefährdet ist. Trauernde empfinden an Weihnachten besonders stark, dass da jemand fehlt, gerade weil man an Weihnachten das Miteinander so stark betont. Weihnachten enthält jedenfalls die Botschaft: alle gehören zusammen – trotz der Spannungen. Und wir leben von einem Frieden, der größer ist als wir ihn uns vorstellen können. Wir leben von einem Frieden, der größer ist als alles, was wir selbst herstellen können.

Weihnachten ist das Fest des Friedens. Manche Menschen fliehen davor, weil sie den Druck als zu groß empfinden. Und es ist ja bekannt, dass es zu Weihnachten viel Streit gibt. Ich habe gelesen, auch mehr Herzinfarkte als sonst. Also: Weihnachten weckt in uns die große Sehnsucht nach Frieden. Und unsere Wirklichkeit enthält immer weniger Frieden als wir uns wünschen. Der Versuch Frieden zu leben ist ein großer Druck.

Liebe Gemeinde, ich habe heute ein Botschaft für Sie: Wir feiern trotzdem Weihnachten. Ich möchte Sie ermutigen, das restliche Weihnachten von ganzem Herzen zu genießen, trotz alledem, was dem entgegensteht, in uns und um uns herum.
Wir feiern Weihnachten trotz Trauer. Wir feiern Weihnachten trotz Streitgefahr. Wir feiern Weihnachten, obwohl die Geschenke ihr Glücksversprechen nicht halten. Wir feiern Weihnachten, obwohl unsere Vorstellung von Weihnachten manchmal kitschig ist.

Beginnen wir mit dem ersten Punkt, der Trauer. Dass unsere Familie verletzt worden ist, dadurch dass ein Mensch von uns gegangen ist, der uns geprägt hat, das ist ein große Infragestellung von Weihnachten. Aber würde es wirklich helfen, nicht Weihnachten zu feiern?

Es ist gut, sich trotz Trauer für die anderen zu öffnen, auch wenn wir uns lieber zurück ziehen würden. Das ist auch wichtig, aber wir können uns ja nach Weihnachten noch zurück ziehen. Weihnachten ist ein Fest, an dem man sich begegnet und etwas miteinander macht. Und gerade die Trauer ist ja dazu da, miteinander bewältigt zu werden. Deshalb gibt es die guten alten Sitten, dass man auf dem Friedhof Beileid wünscht und dass man dann zusammen Kaffee trinkt. Jeder muss zwar auch für sich alleine trauern und das braucht seine Zeit. Aber es gibt eben auch die gemeinsame Aufgabe als Familie, mit Schwierigkeiten umzugehen. Und dazu hilft es, ein Fest wie Weihnachten miteinander zu feiern. Wir feiern trotzdem Weihnachten und das ist gut so. Es fördert die gemeinsame Trauer, miteinander zu begehen, dass da ein Friede ist, viel größer als wir selbst, an dem unsere Herzen schon manchmal Anteil bekommen. Vom Frieden auf Erden haben die Engel gesungen. Und damit sind auch wir gemeint. Wir feiern wir trotzdem Weihnachten, damit die Engelsbotschaft „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ in unsere Herzen dringen kann.

Ein zweiter Punkt, der Weihnachten entgegensteht. Die Streitgefahr. Gerade dann, wenn wir uns besonders Harmonie wünschen, kann das schiefgehen. Viele Paare trennen sich nach Urlauben. Und an Weihnachten, dem Fest des Friedens, gibt es viel Streit. Man feiert ja nicht im Freundeskreis, sondern in der Familie. Da sind sehr verschiedene Menschen in einem Raum. Und in einer Familie kann eine kleine Bemerkung, die von außen betrachtet gar nicht viel bedeutet, viel auslösen. Denn wir haben ja eine gemeinsame Geschichte. Und jede Bemerkung erinnert an etwas von früher. Und früher war auch nicht alles besser. Ich kenne eine Familie, da fühlen sich alle Geschwister von den Eltern benachteiligt. Wir wären keine Menschen, wenn es nicht immer Spannungen geben würde. Und wir wissen es: Kommunikation ist Glücksache. Da sagt jemand etwas. Das war gar nicht Böse gemeint. Aber wenn die Spannung eh schon da ist, wird es auf die Goldwaage gelegt. Und der andere ist beleidigt. Und dann kommt noch der Alkohol dazu, reichlich gutes Essen und zu wenig Sport. Ich glaube, ich muss nicht weiter ausmalen, was das bewirken kann. Im Grunde ist Weihnachten viel zu gefährlich. Sollten wir es nicht lieber lassen?

Nein, wir sollten trotzdem Weihnachten feiern. Familien gehören zusammen. Manchmal trifft man sich nur noch zu Weihnachten und Beerdigungen. Aber es gibt die eben eine sehr alte Verbindung. Und die ist auch gut. Und wenn Familien so zerstritten sind, dass sie nicht mehr miteinander feiern, dann ist die Sache damit ja nicht erledigt. Das nagt an allen Beteiligten. Da ist etwas Unerledigtes, das wirkt.

Deshalb sollten wir trotzdem Weihnachten feiern, solange es geht. Der Friede, den Gott für uns bereit hält, ist größer als unser Herz. Größer als unsere persönliche Geschichte und unsere Familiengeschichte. Der Friede, den Gott für uns bereit hält ist wie ein Schutzmantel, in den wir hineinschlüpfen dürfen – immer wieder und besonders an Weihnachten.

Vielleicht bleibt manchmal nur die Hoffnung, dass der Friede, den wir nicht machen können, in unsere Friedlosigkeit kommt und uns trotzdem freundlich berührt. Dass der Friede unsere Friedlosigkeit sanft und liebevoll umhüllt. Und uns schon jetzt so zu leben ermöglicht, wie es sein sollte – eigentlich.

Der nächste Punkt, der Weihnachten entgegensteht: die Geschenke, so voller Geheimnis und Erwartung, wenn sie unter dem Weihnachtsbaum liegen, entpuppen sich in den folgenden Wochen als Gegenstände – als einfache Konsumartikel, die die großen Glücksversprechen nicht halten können. Weihnachten ist ein großes Konsumfest geworden. Es lohnt sich sicher, über unseren Lebensstil nachzudenken und darüber, wie wir so leben können, dass es für die Umwelt und uns selbst und für unsere Nachkommen langfristig gut ist. Und auch, wie man gut als Familie Weihnachten feiern kann, dass es nicht so übertrieben ist. Aber in den großen Erwartungen an die Geschenke, die vor allem Kinder haben, steckt die Hoffnung auf ein gelingendes Leben – auf ein Leben aus der Fülle Gottes. Und diese Hoffnung bringt uns auf den richtigen Weg. Weihnachten heißt: Gott schenkt uns sehr viel. Gott schenkt uns sich selbst. Gott schenkt uns seine überfließende Liebe. Aus der Fülle Gottes haben wir genommen Gnade um Gnade. Weihnachten mit den Geschenken für die Kinder ist eine schöne Form, das zu begehen. Wir sind Beschenkte. Weihnachten hilft uns, das zu verstehen. Deshalb feiern wir trotzdem Weihnachten. Auch wenn die geheimnisvollen Geschenke irgendwann nur noch Gegenstände sind. Auch Gegenstände können uns das Leben leichter und schöner machen. Und wir dürfen das annehmen und das Leben genießen. So preisen wir den Gott, aus dessen Fülle wir Gnade um Gnade genommen haben und täglich neu nehmen dürfen.

Noch ein letzter Punkt, der gegen Weihnachten spricht. Sind die Erwartungen, die durch viele Weihnachtsfilme und Weihnachtsgeschichten geweckt werden, nicht kitschig? Ist die große Versöhnung, um die es da geht, nicht oberflächlich? Sind das wirklich normale Menschen, nicht eher Karikaturen, denen irgendetwas sehr Rührseliges passiert?

Das ist wie mit den Erwartungen, die Kinder an Geschenke haben: die Hoffnung dahinter ist stark. Die Hoffnung dahinter bringt uns auf den Weg. Und das, worauf die Hoffnung gerichtet ist, der göttliche Friede, das ist kein Klischee. Der Friede ist eben nur größer, als wir es uns vorstellen können. Auch größer, als die anspruchsvollste Kunst es sich vorstellen kann. Vom Standpunkt der Ewigkeit aus betrachtet ist der Unterschied zwischen Kitsch und Kunst sehr klein. Also, liebe Gemeinde, feiern wir trotzdem Weihnachten. Und wenn Sie Freude an gefühlvollen Geschichten haben, dann genießen Sie sie ohne schlechtes Gewissen. Denn Weihnachten ist dazu da, ohne schlechtes Gewissen gefeiert zu werden – mit einer großen Hoffnungskraft, die sagt: trotzdem. Trotzdem feiern wir Weihnachten. Und der Friede, um den es geht, der ist da. Wir müssen nur die Herzen öffnen, damit er bei uns wirken kann.

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