Der Brunnen eines Lebens wurde zugedeckt ( 0,0-0)

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[85jährige Frau]

Liebe Gemeinde,

heute vor einer Woche ist N.N. gestorben. Morgen nachmittag wird sie in L. bei W. beerdigt werden. Das ist zu weit, als dass wir als ihre Gemeinde daran teilnehmen könnten. Aber N.N. war zu wichtig für die M. Gemeinde, um sie einfach mit dem Sterbe- und dem Beerdigungsdatum aus unserer Mitte zu verabschieden. Die Tradition unseres Glaubens hat ihre Wurzeln – vom AT her – in der Erinnerung. Erinnern, immer wieder gegen das Vergessen und das Unwichtig-Werden erinnern, das zieht sich als roter Faden durch alle biblischen Texte. Wir sind eine Gemeinschaft des Erinnerns – und daraus wollen wir auch N.N. nicht entlassen.

Was ist vor einer Woche geschehen? Der Brunnen eines Lebens wurde zugedeckt. An den vielen Lebensdaten bis zum letzten Lebensdatum ist das abzulesen. Geboren wurde N.N. am 24.12.1907 in M. Getauft wurde sie einen Monat später, von 1919 bis 1921 besuchte sie den Kirchlichen Unterricht, und im gleichen Jahr, am 11.12.1921 ließ sie sich als Glied unserer Kirche aufnehmen – 71 Jahre lang Kirchenglied! Am 13.5.1950 heiratete sie N.N., mit dem sie 31 Jahre zusammenlebte, bis er am 16.2.1981 starb. Vergangenen Sonntag, am 10.1.1993 starb auch sie, nach kurzer aber auswegloser Krankheit. Der Brunnen eines Lebens ist zugedeckt.

War das alles? Ich denke, es ist mehr geschehen als nur das: dass da eine 85jährige Frau gestorben ist, alt also, aber eigentlich nichts Außergewöhnliches. Es ist mehr! Vielleicht das, was ich in einem Kindertext gefunden habe, der von solch einem zugedeckten Brunnen handelt:

Über dem zugedeckten Brunnen lege ich mein Ohr auf die Erde.
Da hör ich
Tief drunten
Den Quell rauschen.
Großmutter! ruf ich hinunter.
Großmutter, du murmelst ja noch!
Hast wohl noch immer eine Geschichte für mich!
Singst noch mein Wiegenlied!
Hörst wohl nie auf zu atmen!
Ich lass dich jetzt für ein paar Stunden allein!
Doch morgen – komm ich wieder!

Wenn wir über dem zugedeckten Brunnen des Lebens von N.N. lauschen, dann spüren und hören wir, wieviel da doch noch lebendig und gegenwärtig ist. Und je länger wir hören, desto mehr dringt nach oben: wie sie die Gemeinde getragen hat durch ihre Mitarbeit: in der Kinderbetreuung und der Sonntagsschule – mehr als 6 Jahrzehnte zurück, wie sie selber im Jugendkreis war und dann über unzählige Jahre im Chor, wie wichtig ihr das Zusammenhalten unserer Einen Welt war – ausgedrückt in ihrem Interesse und ihrem Engagement für die Missionsarbeit unserer Kirche, wie unverzichtbar sie war als Bindeglied zwischen unserer Stadt- und Landgemeinde. Wieviel da zu hören ist und aus der Tiefe ans Ohr kommt, wenn wir über dem zugedeckten Brunnen nur lange genug lauschen!

Den Gebetskreis für die Gemeinde mit ihren Hauptamtlichen hat sie mitgetragen. Jahrelang hat sie im Seniorenkreis Tagebuch geführt, zu den Geburtstagen Gedichte geschrieben und vorgetragen und bis vor drei Jahren in einem Laientheaterstück mitgespielt. Die Kreise und Gruppen, in denen sie war, erzählen von ihrem unerschöpflichen Humor und ihrer fröhlich-launigen Art … immer noch ein Murmeln, noch eine Geschichte und noch ein Lied!

Der Brunnen ihres Lebens ist zugedeckt, aber aus der Tiefe dringt Leben – und was wir mit unserem inneren Ohr noch immer hören an Murmeln und Geschichten und Liedern, das macht uns traurig und heiter zugleich. Traurig, weil eine schmerzliche Lücke da ist, die niemand füllen kann und auch nicht soll … Heiter, weil das Bild des Brunnens auch von ihrem und unserem Glauben redet. Ein guter Brunnen war ihr ihr Glaube – mit klarem und frischem Wasser aus der Tiefe, durstlöschend und stärkend. Für uns Anlass genug zum Dank! Unser Gott, der N.N. aus dem Vorrat seiner Liebe vor 85 Jahren das Leben geschenkt hat, sie getragen, festgehalten, und wenn sie fiel wieder aufgerichtet hat, ihr soviel Zeit und Gelegenheit gegeben hat, auf Liebe in Liebe zu antworten: seinen Weg hat er mit dem ihren zusammengetan und sie mitgenommen. Mitgenommen durch das Sterben, durch den Tod – hin zu neuem Leben. Der Brunnen ihres Lebens ist zugedeckt – aber eben nur zugedeckt. In der Tiefe, gespeist von Gottes Barmherzigkeit sprudelt er weiter, jetzt in seiner Gegenwart klarer und kräftiger denn je. Und wenn wir das Erinnern unseres Glaubens nicht vergessen, bleibt für uns manches Murmeln, manche Geschichte und manches Lied. Und wir können sie bei ihrem Gott lassen – und doch immer wieder kommen, um zu lauschen!

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