Der blühende Mandelzweig ( 0,0-0)

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[74jährigen Tante nach langer Krankheit]

Liebe Trauergemeinde,

mit unseren Tanten beerdigen wir ein Stück Frauengeschichte. Eine Institution fraulicher Solidarität in der männerlosen Zeit des Kriegs und danach. Die Kinder brauchen Brot zum Essen, aber auch eine stetige liebende Zuwendung. So half die Tante da zu ergänzen, wo die Mutter allein gelassen war. Solche Solidarität würde ich mir oft auch für heute wünschen.

Doch wie wird man so eine Tante? N.N. war noch ein Teenager, als der Krieg begann. Alle Träume im Kopf, was das Leben bringen sollte. Als man Schwestern für das Rote Kreuz suchte, um den Verwundeten an der Front zu helfen, war sie sicher mit aller Kraft und Begeisterung dabei.

Der weitere Weg sollte eine Wanderung durch das finstere Tal sein. Täglich umgeben von Verstümmelten und Toten, an vorderster Front selbst vom Tod bedroht, mangelnde Versorgung und hygienische Verhältnisse, hinterlassen tiefe Narben an Seele und Körper. War für die meisten das Kriegsende eine Zeit zum Aufatmen, ging ihr Leidensweg weiter. Eine junge Frau von 27 Jahren gerät in russische Kriegsgefangenschaft. 2 ½ Jahre all die Qual, Demütigung und Schändung, die die Frauen an ihren Ort alle erlitten, das wäre Grunds genug am Leben zu verzweifeln. Dennoch hält G.R. an der Hoffnung fest. So schreibt sie in ihrem Tagebuch: Ich glaube, dass man einen Gott oder eine höhere Macht über sich hat, die einem immer wieder hilft, oft gerade an einem Augenblick, wo man fast verzweifeln könnte. „Dein Stecken und Stab trösten mich.“

Nach der Gefangenschaft stand sie aber nicht gleich vor einem gedeckten Tisch, sondern vor Trümmern. Trümmern ihrer Heimat und Trümmern ihrer selbst, krank kam sie heraus. Ihre Familie traf sie, nachdem die Heimat Ostpreußen. verloren war, glücklicherweise in Bayern an, bei einem Verwandten, den sie auf gut Glück gesucht hatte. Keiner kann sich vorstellen, was dieses Wiedersehen bedeutete.

Ein Lied von Schalom Ben Chorin fällt mir ein, wenn ich an das weitere Leben ihren Tante N.N. denke:

„Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,
ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt.
Dass das Leben nicht verging, soviel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.
Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.
Freunde dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt,
bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt.“

(S. Ben-Chorin/F. Baltruweit, Das Zeichen, zu finden in: Mein Liederbuch für heute und morgen, Düsseldorf B127)

Tante N.N. begann mit 30 noch einmal neu zu leben. Die Spuren blieben – einen Mann wollte sie nicht mehr – doch es ging weiter. Sie wurde selbständig in ihrem Beruf und leitete eine Reinigung. Für die wiedergefundene Familie wurde sie zur Institution, zur Anlaufstelle für jedermann in jeder Situation. Ihre Arme reichten bis nach Amerika. Sie hatte ein offenes Ohr und ein offenes Herz.

Von ihrem Leben gab sie auch etwas anderes lebendiges weiter: ihre Liebe zu Blumen. Schalen in Harmonie gepflanzt, vielleicht ein Abbild von der Erfahrung der Geborgenheit und Rettung aus dem finstern Tal in eine grüne Au. Über 40 Jahre lang. So konnte sie auch ihr Leben ruhig in Gottes Hand zurückgeben, als sie nach langen Jahren der Krankheit zum letzten Mal ins Krankenhaus gehen sollte. In der Vorahnung des Todes hatte sie ihre Angelegenheiten schon geregelt und sie konnte loslassen, als sie ihre ganze Familie um sich wusste.

Nun wird sie wohnen im Hause des Herren immerdar. Dort wird Gott alle Tränen abwischen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz; so ist es uns von Gott verheißen.

Sie mögen auf Ihren Trauerwegen die zahlreichen Bilder im Herzen bewegen, die Ihnen neben allem, was Ihnen Ihre Tante beigebracht und geschenkt hat, als Erinnerung bleiben. Vielleicht begleitet Sie dabei das Lied von Schalom Ben Chorin. „Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt.“

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