Der andere Blick – oder wenn alle sich erinnern

„Was hast du eigentlich an jenem Abend gemacht, woran kannst du dich erinnern?“
Nach 25 Jahren ist solch eine Frage oft gar nicht einfach zu beantworten. Wie soll ich das heute noch wissen!
Und dann frage ich mich: wo war ich eigentlich am 9.November 1989?In meinem Kalender steht etwas von Konfirmandenunterricht am frühen Nachmittag dieses Donnerstags und für den Abend steht da ein Name aus meiner Vikariatsgemeinde. War ich in Berlin-Britz an dem Abend? Sicherlich, wenn es da steht! Für den Freitag ist das Predigerseminar eingetragen und dick durchgestrichen!
Da waren wir Vikare erst beisammen, haben vor dem Fernseher gesessen und die Bilder der Nacht einmal angeschaut und dann sind wir einfach hinaus in diesen Novembertag. Es waren Ausnahmetage wie schon die ganzen Tage und Wochen zuvor: Wendezeit – und so wie einige hier ihre Erinnerungen erzählt haben, können fast alle, die alt genug sind, aus diesen Tagen erzählen.
Es war eben kein Tag und keine Zeit wie andere, deshalb erinnern wir uns. Es hat sich unglaublich viel bewegt. Seit dem Sommer schon Bilder besetzter Botschaften, geöffnete Grenzen in Ungarn, verschlossene Grenzen zur CSSR, Friedensgebete, die immer voller wurden, verordneter Jubel zum 7.Oktober, Lichterketten und Demonstrationen, Rücktritte und Versuche der Staats- und Parteiführung zu retten, was zu retten ist und doch nicht mehr zu retten war, und am Ende eine unbeholfene Pressekonferenz wie so viele mit einer Bemerkung am Rande „…. unverzüglich, ab sofort“ und wieder einmal war die Welt, zumindest unsere kleine, große Welt nicht mehr die, die wir eben noch vorgefunden haben.
„Muss ich euch darüber schreiben?“
Lasst uns lieber davon erzählen, die wir unsere Erinnerungen haben, denn das ist Geschichte, die noch nicht nur in Büchern festgehalten wird, sondern sie ist unser Leben, wir wissen davon und haben unseren je eigenen Blick und unsere eigenen Erinnerungen an diesen einen 9.November.
Es ist eine Erinnerung, die in diesem Jahr besonders groß wird, neben den anderen, von denen man nicht genug schreiben und reden kann:
1918 begann an diesem Tag mit dem Ausrufen der Republik eine Zeit vermeintlichen Friedens und Sicherheit nach dem ersten Weltkrieg. Aber genau zwanzig Jahre später brannten die Synagogen und wurden jüdische Geschäfte geplündert. Da gab es für viele schon lange keinen wirklichen Frieden und keine wirkliche Sicherheit mehr. Eine schweigende, wegschauende oder mitlaufende Mehrheit wiegte sich in trügerischer Sicherheit, wollte oder konnte nichts wahrhaben um des eigenen Friedens willen. „Tag des Herrn, Unheil bricht herein wie Wehen, kein Entrinnen, Finsternis.“
Auch das ist Erinnerung an den 9.November.
Und schieben wir die trügerische Sicherheit einmal beiseite, dann sehen wir die Zeichen und Vorboten,spüren die Wehen, dann ahnen wir schon was droht 1918, 1938.
Ich gebe zu, bis 1989 schien eines sicher: ein Gleichgewicht des Schreckens zwischen Ost und West und das mag die Abwesenheit von Krieg in der Mitte Europas mehr als nur erträglich gemacht haben, versehen mit einem Geschmack von Frieden im Angesicht der Erfahrung wenige Jahre zurück. Aber Frieden war dieses Schweigen der drohenden Waffen noch nicht. Wir lebten irgendwo zwischen Heil und Unheil, zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Feiern und Zittern, wir lebten das Leben, das jeder hatte, und an dem sich so schnell doch wohl auch nichts ändern würde.
Einige waren innerlich frei genug dennoch zu widerstehen. Es wurden mehr im Laufe der Zeit in Ost, manchmal in jeden 80igern auch in West aus Sorgen um Frieden und Sicherheit.
Viele wurden im Schein der Kerzen und von Gebeten und Worten, von Taten und Gesten ermutigt. Es wurden mehr.
Ich frag mich, ob es erlaubt ist, sich so zu erinnern.
Darf ich heute 25 Jahre später die Wochen und Monate seit den Kommunalwahlen im Frühjahr bis zu den Demonstrationen im Herbst mit Paulus erinnern, der von alledem nichts wusste, der vielmehr nicht nur auf das Ende dieser Verhältnisse hoffte, sondern auf das Ende dieser alten, trügerischen, gefährlichen , fried- und lieblosen Welt und sich nur nach Gottes Reich sehnen und ausstrecken konnte, der in dem Tod nichts schreckliches, sondern etwas erlösendes und verwandelndes sehen konnte?
Ich merke, ich kann gar nicht anders an diesem Sonntag, weil ich den Wandel der Zeit genauso erinnere, wie er die Verwandelung der Zeit und Welt beschreibt und weil die Zeiten sich trotz alledem noch nicht wirklich geändert haben.
Ich spüre wieder und wieder die Dankbarkeit, den Herbst 1989 erlebt haben zu dürfen, ich spüre die Dankbarkeit für diesen friedlichen Umbruch und die Vielzahl von Lebensmöglichkeiten, die sich für mich, unzählige Menschen und für Völker aufgetan haben, ich spüre den Jubel, ich spüre die Tränen, die wieder lebendig werden. Ich sehe die Lichter, die in die trüben Novembertage hineinscheinen und noch nicht verloschen sind. Aber ich weiß: es war ein großer Tag, ein Geschenk für unser Volk, ein Wunder, hoffentlich auch ein Segen für Europa, für diese Welt, dass Mauern friedlich gefallen sind und Völker, deren Geschichte von Krieg bestimmt war, zu einem friedlichen Kontinent vereinen konnten und wollten.
Aber es war noch nicht der Tag des Herrn.
Die folgenden 25 Jahre haben Menschen viele Umbrüche zugemutet, die Abwicklung ganzer Industriezweige, Arbeitslosigkeit, die Generationen verband, Abwanderung unzähliger Familien aus den Landschaften ihrer Kindheit und Jugend, Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerder, auch das ist alles Teil dieser Geschichte, die weiterging.
Eben so wie die Städtesanierungen, der Umweltschutz und die vielen kleinen und großen Erfolgsgeschichten des Wiederaufbaus Ost, angefangen mit dem 9.November 1989 über den 3.Oktober 1990 bis in die Gegenwart.
Der Tag des Herrn ist kein Tag unserer Geschichte, so dankbar wir dem Herrn der Geschichte für diesen Tag in unserer Geschichte auch sein können.
Wir spüren in den letzten Wochen und Monaten wie trügerisch immer noch Frieden und Sicherheit sind.
Der Konflikt in der Ukraine ist nicht gelöst, er schwelt mit enormen Bedrohungspotential weiter.
Der IS ist eine konkrete Gefahr – nicht die Muslime, die versuchen mit ihrem Leben Gott wohlgefällig zu sein, sondern die, die Gott missbrauchen für ihre Machtansprüche und Allmachtsphantasien.
Ebola zeigt uns, wie bedroht menschliches Leben auch im 21.Jahrhundert immer noch ist und das Gesundheit keine Frage technischer oder medizinischer Machbarkeit allein, sondern auch ein Geschenk und ein Auftrag zu verantwortlichem Leben ist.
Es wird weiter gestorben, jung und alt, zufrieden oder unruhig, erfüllt oder voller Zorn.
Wer sich das ehrlich und offen eingesteht, der hat aber die Chance zu einer Befreiung, zu seinem ganz persönlichem Fall der Mauer aus Angst und Verzweiflung, auch zu einem befreiten Widerstehen.
Es mag ja auf den ersten Blick nichts fesselndes und ansteckendes an sich haben, wachsam und nüchtern zu leben, aber es hilft die Geister zu unterscheiden und in aller Freiheit sich den wichtigen und großen Dingen des Lebens zuzuwenden. Da zählt für mich das kleine Glück im Alltag der Menschen eben so dazu, wie die Arbeit und das Eintreten für eine Welt, in der Gerechtigkeit so groß geschrieben wird, dass alle gleichermaßen teilhaben dürfen, in der Friede nicht nur Waffenschweigen, sondern Versöhnung bedeutet und in der wir das Seufzen der Kreatur hören und ernst nehmen.
Und wir Christen sind eingeladen unser Leben wachsam und nüchtern zu gestalten, fröhlich und ausgelassen die Wunder zu feiern, die wir erleben, um dann aufmerksam und zugewandt zu sehen, wer noch auf ein Wunder wartet und ausgeschlossen bleibt, einander dann nicht in falscher Sicherheit zu wiegen oder um eines unaufrichtigen Friedens willen wegzuschauen.
Wir sind befreit zu Nüchternheit und Wachsamkeit und darin liegt ein unglaublich kreatives und verantwortungsvolles Potential:
wenn die gefallene Mauer Menschen aus West und Ost zusammenführt, warum schotten wir dann unsere Welt nach außen wieder ab und wollen sie für uns behalten?
Wenn die Sorge um den Frieden und die Freiheit damals so viele Menschen auf die Straße getrieben hat, warum begnügen wir uns heute damit, so zu leben, als gehe alles einfach weiter wie bisher, statt zu beten und zu ringen, dass Friede überall werde?
Wenn Glaube, Liebe, Hoffnung unsere Sprache sind, warum widersprechen wir dann nicht mit ihnen aller Verzweiflung, aller Ohnmacht, aller Trauer und dem Anspruch des Todes, das letzte Wort zu behalten. Menschen leben und Menschen sterben. Sie dürfen dies in Würde tun. Und dies beides zu ermöglichen ist Ausdruck von Glaube,Liebe und Hoffnung.
Es waren Kerzen, die die Menschen bei den Demonstrationen in den Händen hielten und abstellten.
Es sind beleuchtete Ballons, die heute Abend noch die alte Grenze markieren, aber dann in den grenzenlosen Himmel aufsteigen.
Jesus Christus ist unser Licht, dass wir der Welt getrost hinhalten dürfen und der uns ermutigt, aufzustehen, zu widerstehen, auch den Illusionen von Leben, der uns einlädt, erfüllt zu leben und uns in Gottes Hand geborgen zu wissen.
Es ist noch viel zu dunkel, als dass wir uns mit dem Vorhandenen schon zufrieden geben sollten. Amen

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