Dennoch und trotzdem (Ps 73,24-28)

Ps 73,24-28
[24] Du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. [25] Wenn ich nur dich habe,
so frage ich nichts nach Himmel und Erde. [26] Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil. [27] Denn siehe, die von dir weichen, werden umkommen; du bringst um alle, die dir die Treue brechen. [28] Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte / und meine Zuversicht setze auf Gott, den HERRN, dass ich verkündige all dein Tun.

[Tod nach schwerer Krankheit]

Wir sind hier zusammengekommen, um von N.N. Abschied zu nehmen. In unsere Trauer hinein wollen Worte der Heiligen Schrift sprechen, wie sie aufgeschrieben sind im 73. Psalm (V. 24-28):

[TEXT]

Liebe Angehörige, liebe Trauergemeinde, zum Freuen ist heute keinem von uns zumute sondern zum Weinen und Klagen. Schwer hat Frau N.N. auf ihrem letzten Weg gelitten. Unerträglich waren die Schmerzen. Und da haben Sie nicht nur einmal gedacht: Warum trifft es Sie, unsere Mutter. Es fällt Ihnen auch jetzt noch schwer, dieses Schicksal zu begreifen. Um so mehr, als Sie sie noch vor sich sehen, noch meinen ihre Stimme zu hören. Sie war der ruhende Pol, der Mittelpunkt ihrer Familie. Sie hat Ihnen immer wieder ein Beispiel gegeben, wie man auch schwere Lebenslagen meistert. Mit Disziplin und scharfem Verstand. Alles das, was Sie an ihr geliebt und gemocht haben soll nun für immer Vergangenheit sein. Das ist bitter.

Und da wäre es verständlich, wenn Sie heute auch von Gott nichts mehr wissen möchten. Herr wärst du hier gewesen, unsere Mutter wäre nicht gestorben: Aber trotz all unserer Gebete, du warst nicht hier. So wie Martha könnten wir heute mit Gott reden und ihm den Rücken kehren (vgl. Johannes 11/17,20-27).

Der Mann, der den 73. Psalm geschrieben hat, würde das verstehen. Denn auch er hat Erfahrungen machen müssen, die gegen so ziemlich alles sprechen, was er sich von Gott erhofft und erwartet hat. Auch er ist aus Gott nicht schlau geworden. Und er weiß, dass Gott uns für das Leid, das den einen trifft und am anderen vorbei geht, keine Erklärung gibt. Dass es von der Erfahrung des Leids oft keine Brücke der Einsicht gibt, die zu neuem Vertrauen auf Gott führt. Und deshalb bricht der Psalmbeter mit der Betrachtung seines Leids unvermittelt ab, und beginnt seine Worte an uns nicht mit einer Erklärung, sondern mit dem Wort: Dennoch, trotzdem!

Der Glaube trotzt der Erfahrung des Leids und des Todes. Nicht aus ohnmächtiger Wut, sondern aus gutem Grund. Der Glaube beruft sich dabei auf den Gott, der sich in seinem Wort zu erkennen gibt, als der Gott, der dem Leid trotzt.

Gott geht dabei selbst seltsame und leidvolle Wege. Er wird ein Mensch wie wir und geht in Jesus Christus selbst den Weg unerklärlichen und ungerechten Leids bis in einen frühen Tod. Seinen Jüngern ging es damals nicht anders, als Ihnen heute, als sie unter dem Kreuz ihres Herrn standen, voller Bitterkeit und gottverlassen. Keine Brücke der Einsicht und der Hoffnung führt vom Karfreitag zum Ostersonntag, vom Tod zur Auferstehung.

Aber Gott trotzt dem Tod. An Ostern zeigt er unserer Welt, dass er Jesus trotzdem an seiner rechten Hand hält und mit Ehren und herrlich hinausführt, was in Gottverlassenheit und Verzweiflung zu Ende schien.

Auf diesen Jesus Christus ist Frau N.N. getauft. Und das gibt uns die begründete Hoffnung, dass Gott auch mit ihr tun wird, was er mit Jesus getan hat, dass er auch ihrem Tod trotzt, wie er dem Tod seines Sohnes getrotzt hat.

Das ist der gute Grund, warum wir heute am Sarg von Frau N.N. sagen und glauben dürfen: Trotzdem bleibe ich stets an Dir, denn Du hältst mich an meiner rechten Hand. Gott leitet uns nach seinem Rat, einem Rat, der oft auf schmerzliche Weise höher ist, als alle unsere Vernunft und Einsicht. Aber eins steht fest: Du nimmst mich am Ende mit Ehren an. Was der Tod auch mit uns anstellen mag; wie klein und hilflos er uns macht; wie mächtig er uns von allem trennen will, was uns auf dieser Welt lieb und wertvoll war – Gott hat die Hand nach allen ausgestreckt, über die der Tod gern das letzte Wort haben will. Du nimmst mich am Ende mit Ehren an.

Aber sie sind zurückgeblieben. Und Ihnen geht es vielleicht genau so, wie der Psalmbeter sagt. Himmel und Erde, sie sind nicht mehr so wie da, als Frau N.N. noch lebte. Heute sehen Sie die Welt mit anderen Augen. Da kann es Sie nicht trösten, dass heute die Sonne scheint. Da hilft es nichts nach Himmel und Erde zu fragen. Da lautet die Frage. Wer geht mit mir, auf dem Weg durch die Zeit der Trauer? Wer geht mit mir durch eine Zeit, in der oft Leib und Seele zu verschmachten drohen, wie es im Psalm heißt. Bin ich da nicht einsam und verlassen?

Auch diesem Gedanken darf der Glaube trotzen. Denn er richtet sich ja nicht auf einen unnahbaren Gott. Der 73. Psalm sagt, dass man Gott haben kann, wie man einen Menschen haben kann, der immer um mich ist, der sie versteht, all die unbewältigten Gedanken und Gefühle, dem ich nicht lästig falle mit meinem Weinen und Klagen. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachten, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.

Ja noch näher, als ein Mensch Ihnen nahe sein könnte, will Gott selbst Ihnen nahe sein. Denn er versteht selbst dann noch unser Herz, wenn der Schmerz uns den Mund verschließt. er ist selbst dann noch unser Teil, wenn die Trauer uns unfähig macht, unsere gewohnten Kontakte zu anderen Menschen zu halten.

Aber das heißt nicht, dass Sie alle, die Sie durch den Tod von Frau N.N. betroffen sind, nicht auch gegenseitig helfen könne und sollen. Trauernde sollen nicht alleine bleiben und sich gegenseitig nicht alleine lassen. Wenn Sie so in den kommenden Wochen und Monaten einander begleiten, einander zuhören, ja auch miteinander weinen, dann geben Sie sich gegenseitig ein Bild dafür wie auch Gott Ihnen nahe ist.

Ein schwerer Weg liegt vor Ihnen. Aber wenn Sie ihn gemeinsam gehen und sich trotzdem zu Gott und seinem Wort halten, sich in der Trauer auch immer wieder dem Leben zuwenden, dann bin ich sicher, dass Tage kommen werden, an denen Sie auch den letzten Satz des 73. Psalms wieder mitsprechen können: Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte, und meine Zuversicht setze auf Gott den Herrn. Dennoch und trotzdem. Und dann wird sich auch Frau N.N. in der Ewigkeit mit Ihnen freuen.

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