Denn also hat Gott die Welt geliebt

Liebe Gemeinde,

als Fritz ein Jahr alt war, nannten ihn alle Fritzle; und Fritzle wusste noch nicht, warum man Weihnachten feiert. Er hatte trotzdem seinen Spaß, als er vor Weihnachten den Inhalt der Geschenkpäckchen erforschte und mit der Christbaumkugel Ball spielte. Dieses Weihnachtsfest ging in die ungeschriebene Familienchronik ein. Fritzle wurde älter. Mit fünf Jahren wusste er, warum er Weihnachten gern hatte. Da gab es mehr Geschenke als sonst ‑ das fand er gut. Mit zehn Jahren spätestens dann hatte man ihm beigebracht: Weihnachten ist auch das Fest der Liebe. "Sei doch wenig­stens an Weihnachten ein lieber Junge", so sagten Mama, Papa, Oma und Opa und auch Lehrer Freundsam. Mit fünfzehn kamen ihm die ersten schweren Zweifel. Warum die Erwachsenen an all den Weihnachtstraditionen festhalten, verstand er nicht ‑ für ihn, für Fritz, wie seine Freunde ihn nannten, war Weihnachten gestorben. Kirche war out und den ollen Kram mit Geschenken, Geschichtchen, Kerzchen lies er links liegen. Und Weihnachtslieder singen ‑ zum Glück war er ja gerade seit zwei Jahren im Stimmbruch.

Viele Jahre‑später, mit 45, fragte er wieder warum eigent­lich Weihnachten. All die Jahre hatte er Weihnachten ge­feiert, der Kinder wegen, als Fest der Geschenke und als Fest der ‑ Liebe. Aber jetzt waren die Kinder größer. Die ganze Schenkerei bestand aus einem phantasie‑ und lieblosen Tausch von fünfzig Euroscheinen. Heiner war froh über jeden, der fragte, ob man sich denn dieses Jahr einmal nichts schenken solle, und spielte nun wieder ‑ aber diesmal ganz ernsthaft und nicht im jugend­lichen Eifer ‑ mit dem Gedanken, Weihnachten für sich aus Ermangelung eines tieferen Sinns abzuschaffen. Wenn er andere fragte, hörte viele Klagen über all den Stress vor‑ Weihnachten; trotzdem sagten die meisten ‑ Weih­nachten gehört einfach dazu ‑ es ist das Fest der Liebe, der Freude, des Friedens ‑ und jeder muss dazu helfen, dass es in der Familie und in der Welt weihnachtlich wird ‑ zumindest an den Weihnachtstagen.

An dem Weihnachten und dem Jesus, wie ihn Fritz erlebt hat und wie er in dem Weihnachtsgeschäft „verkauft" und „vermarktet" wird, sollen und dürfen wir nicht glauben. Der ist nur zuständig für drei Monate gutes Geschäft, für die Kaufleute und für vier Wochen gutes Gefühl in der Familie. Der wird im Oktober/November vom Boden oder Keller geholt, wird abgestaubt und muss herhalten für Geschäft und Gefühle. Dieser Teilzeit-Jesus ist aus Watte oder aus Plastik aus Taiwan. Der Jesus, der in der Bibel vorgestellt wird, ist aus Fleisch und Blut. Er ist zuständig für das ganze Jahr und nicht nur für Augenblicke der Freude, sondern auch des Leids, des Ärgers, der Frustration. Der Weihnachts-Jesus vernebelt meine Sicht, lullt ein, der Alltags-Jesus macht mich wach, verschafft mir eine klare Sicht für mich, meine Situation und diese Welt. Deshalb: Glauben wir ja nicht an Jesus, so wie er uns zur Weihnachtszeit »verkauft« wird!

Denn die Anfragen an unser Weihnachtsfest, die sind echt. Und auf echte Fragen brauchen wir echte Antworten. Die Frage nach dem Warum steht jedes Jahr zwischen den Zeilen der Weihnachtsbotschaften. Sie liegt in der Luft, wie der Geruch nach Glühwein beim Weihnachtsmarkt. Sie flammt auf, wie die Kerzen am‑ Adventskranz. Diese Frage ist nicht klein zu kriegen und hartnäckig wie die vielen weihnachtlichen Bräuche. Doch auch die Antwort liegt sozusagen in der Luft ‑, jeder kennt sie ‑ auch Fritz, nur hat Fritz die Worte nicht verstanden, vielleicht nie recht verstehen können, weil sie ihm keiner richtig erklärt hat. Weihnachten ist und bleibt das Fest der Liebe und des Friedens und der Freude. Darum feiern wir dieses Fest ‑ als solches, als Fest der Liebe, des Friedens, der Freude feiern wir es zu Recht. Aber warum hatte Fritz dann solche Probleme? Er war keineswegs dagegen, dass sich Menschen lieben und achten. Wenngleich er kein Pazifist war, so fand er die Kriege auf der Welt schrecklich und den Kleinkrieg mit dem Nachbarn im Grunde auch. Auch Freude hätte er gerne noch mehr gehabt. Trotz allen diesen guten Vorsätzen und Lebenseinstellungen musste er an Weihnachten scheitern, weil er eine Sache nicht verstanden hatte. Er dachte ‑ und so sagten es ja Mama, Papa, Oma, Opa und der Herr Lehrer Freundsam ‑ er dachte es wird erst richtig Weihnachten, wenn wir schön lieb, friedlich und freudig sind. Dadurch wurde Weihnachten für ihn zu einer absoluten Überforderung‑, sein Fest der Liebe, des Friedens und der Freude scheiterte regelmäßig an ihm selber. Einmal dachte er, dieses Jahr geht alles gut, ohne Ehe­krach, ohne Streit mit den Schwiegereltern, dafür mit freudestrahlenden Kindern. Doch dann starb überraschend Onkel Erwin und die Fröhlichkeit musste auf ein angemessenes Maß reduziert werden. Leid, Unfrieden, Lieblosigkeit scheinen regelmäßig unser Weihnachtsfest zu zerstören. In Wahrheit jedoch ist gerade darum Weihnachten geschehen, weil wir Menschen einander wehtun, weil wir all zu oft unzufrieden und lieblos sind.

Wäre das nicht so, könnten wir Weihnachten tatsächlich abschaffen. Könnten wir selber dieses Fest tatsächlich vollkommen gestalten‑ als Fest der Liebe, der Freude und des Friedens, so hätten wir damit gleichzeitig dieses Fest überflüssig gemacht. Denn wer alles hat, braucht keine Geschenke mehr. Wer Liebe, Frieden und Freude hat oder gestalten oder in einem Fest herstellen kann ‑ für den gibt es keinen Grund mehr an Weihnachten zu denken. Weihnachten ist geschehen, weil wir Menschen nicht alles haben. Man könnte auch sagen, diese Nacht musste in die Weltgeschichte eingehen, weil unser Leben je länger je mehr sich der Nullmarke nähert. Weihnachten ist das Fest der Liebe, weil wir diese Liebe nicht besitzen. Weihnachten ist das Fest des Friedens, weil wir wahnsinnige Angst davor haben, dass wir zu kurz kommen. Weihnachten ist das Fest der Freude, weil wir zu unserer Fröhlichkeit viel zu sehr den Schaden anderer brauchen.

Warum feiern wir Weihnachten? Weil Gott es hat Weihnachten werden lassen. Weil er uns schenken musste, was wir nicht haben: weil wir verloren haben, was wir sein sollten: weil wir darum selber verloren waren, nicht nur an Weihnachten ohne Liebe, Friede, Freude ‑ sondern für immer und ewig. Weihnachten ist das Fest der Liebe Gottes, des Friedens Gottes, der Freude Gottes. Weil er uns beschenkt hat, erinnern wir uns und feiern diesen Tag. Gottes Liebe gilt einer verlorenen Welt. Diese Liebe ist so großartig, weil Gott sie sich etwas kosten lies. Er gab sich selber preis in seinem Sohn Jesus Christus. Diese Liebe ist einmalig, weil sie allen gilt. Der ganzen Welt, das heißt auch jedem einzelnen, dir und mir. Einfach jedem. Gottes Frieden macht einen Strich unter die Ungerechtigkeit der Vergangenheit. Jesus kam nicht um zu richten, um seine Recht mit Gewalt durchzusetzen ‑ er kam um zu retten. Gottes Freude bricht dort an, wo wir diese Weihnachtsbot­schaft hören und annehmen. Wer sich von Jesus gerettet weiß, der wird sich zu Recht über dieses Weihnachtsgeschenk freuen. Gottes Weihnachtensgabe schenkt er ohne Vorbedingungen, gratis und frei Haus. Trotzdem gehen Menschen verloren. Verlieren sich in ihren selbstgemachten Weihnachtsfesten.

Gottes Weihnachten ‑ sein Fest der Liebe, des Friedens und der Freude bleibt eben an eine Person gebunden. Ohne Jesus Christus können wir Weihnachten nicht haben. Wer ihn nicht glaubend annimmt, wird nicht gerettet, gewinnt keinen Anteil am Leben mit Gott. Wer ohne Jesus Christus feiert, bleibt alleine mit seinen Illusionen und mit seinen Sehnsüchten nach liebevoller Gemeinschaft, nach herzlicher Freude und nach dem weihnachtlichen Familienfrie­den. Mehr als sich selber konnte Gott uns nicht schenken ‑ denn mit Jesus Christus gab er uns alles geben, was wir zum Leben in Gemeinschaft mit Gott und miteinander brauchen? Bloß gut, dass Weihnachten schon geschehen ist und wir dieses Fest der Liebe, des Friedens und der Freude nicht selber machen müssen. Frohe Weihnachten.

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