Den rechten Platz finden (Der 12jährige Jesus im Tempel)

Lukas 2,41-52

Natürlich weiß ich das nicht aus eigener Erinnerung, es wurde mir aber oft genug erzählt: Ich war damals keine zwölf Jahre alt, sondern so ungefähr zwei, als ich verloren ging. Die Aufregung muss gewaltig gewesen sein, als die Eltern und der Opa und die Nachbarn ausschwärmten, um den kleinen Volkmar zu suchen. Die Stadt war ja nicht groß, damals nicht und heute auch nicht. Aber mittenhindurch floss die Werra mit kräftiger Strömung. Wenn nun der kleine, neugierige Junge … Nicht auszudenken, was alles hätte passieren können. Der kleine Volkmar blieb wie von der Erde verschluckt, bis jemand auf die Idee kam, zu überlegen, wohin er denn in der letzten Zeit mit einem der Erwachsenen gegangen war. Na klar, das war ein Anhaltspunkt. Und richtig, beim Kaufmann Pflug in der Falkener Straße, da saß der kleine Kerl, fühlte sich offensichtlich wohl und führte große Reden.

Große Erleichterung bei allen Großen, wahrscheinlich mehr Verwunderung bei mir. Schließlich war ich doch nur dorthin gegangen, wohin ich mit Papa oder Opa ja auch schon gelaufen war. Ist doch klar, dass ich das auch alleine kann, werde ich wohl gedacht haben.

Diese Begebenheit fällt mir immer ein, wenn ich mich erinnere, wie unser Andreas in Chemnitz eines Tages fröhlich vom Hof des Pfarrhauses wegmarschierte, ohne dass wir es merkten. Und wohin strebte er? Na zwei Straßen weiter zu dem kleinen HO-Laden, wohin er sonst oft mit Mama ging. Warum sollte er das nicht auch alleine können. Was die Großen nur haben? Naja, er kam nicht ganz bis hin. Eine Frau, die ihn und uns kannte, nahm ihn bei der Hand und brachte ihn zur aufgeregten Mama zurück.

So etwas kommt natürlich alles in Erinnerung beim Lesen oder Hören des heutigen Predigttextes.

41 Und seine (Jesu) Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. 42 Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. 43 Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten’s nicht. 44 Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. 45 Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn. 46 Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. 47 Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. 48 Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. 49 Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? 50 Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. 51 Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen gehorsam. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. 52 Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

Die Aufregung bei Maria und Josef ist mehr als verständlich und ebenso sind es die Vorwürfe, die sie Jesus machen. „Mein Kind, warum hast du uns das getan?“ Ich sehe noch meine Mutter, wie sie mal am Rande des Rodelberges erschien, als ich ewig nicht nach Hause kam und es schon längst dunkel war. Sie brauchte gar nichts weiter zu sagen, ihr vorwurfsvoller Blick reichte.

Es ist ja unter den Evangelisten einzig Lukas, der uns etwas mehr über die Kindheit Jesu berichtet. Nur in den nicht allgemein anerkannten Evangelien, in den Apokryphen also, wird mit allerhand Phantasie davon noch mehr berichtet. Und auch Lukas ist kein Biograph im heutigen Sinn. Bei seinen Erzählungen verfolgt er denn auch weniger biographische, sondern viel mehr theologische Anliegen. Es geht ihm wie auch den zeitlich späteren Apokryphen vor allem darum, die Göttlichkeit schon des Kindes Jesus zu bezeugen. Aber zugleich wird doch deutlich, dass das auch bei Jesus eine ganz normale Kindheit gewesen ist. Das verwundert eigentlich nicht. Denn Jesus ist nach christlicher Überzeugung eben nicht nur wahrer Gott, sondern zugleich und ganz und gar auch wahrer Mensch. Beides geht in unserem Text nahtlos ineinander über. Wir merken es zum Beispiel daran, wie in unserem Text mit dem Wort „Vater“ umgegangen wird.

„Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht“, sagt Maria und redet dabei von Josef. Und Jesus antwortet: „Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ Und damit meint er natürlich Gott. Sie reden aneinander vorbei. Für Lukas ist das aber kein Widerspruch. Es steht für ihn nebeneinander und ist zugleich eng verbunden, denn es heißt weiter von Jesus in Bezug auf Maria und Josef: „Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen gehorsam.“ Der göttliche Vater und der menschliche, sie erscheinen hier nebeneinander, sind also zweierlei. Sie sind aber durch die Erzählung des Lukas zugleich so eng aufeinander bezogen, dass sie nur zusammen gedacht werden können und wohl auch sollen. Im Grunde genommen begegnet uns hier bei Lukas in der Form der Erzählung schon, was die späteren Theologen der Alten Kirche die Zweinaturenlehre genannt haben, dass nämlich Jesus Christus nur zu verstehen sei als ganz und gar Mensch (wahrer Mensch) und zugleich auch als ganz und gar Gott (wahrer Gott) und dass sich diese beiden „Naturen“, wie das die antiken Theologen nennen, hier ungetrennt und unvermischt darstellen.

Bleiben wir aber für heute bei der menschlichen Seite Jesu. Zu dieser menschlichen Seite Jesu gehört, dass auch Jesus eine Entwicklung durchmacht wie jeder andere das auch tut. Offensichtlich war dies eine gute Entwicklung, denn es heißt von ihm bei Lukas: Er „nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.“ Aber zugleich zeigt dieser Satz auch, dass es eine Weile dauerte und einen Prozess der Entwicklung bedeutete, bis aus dem Kind Jesus der Wanderprediger Jesus von Nazareth wurde. Nur rückblickend konnten die Jünger und später die Evangelisten erkennen, wie Gott sich schon von Anfang an in ihm offenbarte.

Es ist schön, dass wir einen solchen Entwicklungs-Text gerade am Anfang des neuen Jahres zu bedenken haben. Die Rückblicke auf 2020 sind noch nicht verklungen, und wir sehen jetzt besser, was das zurückliegende Jahr uns gebracht und was es verwehrt hat. Aber nun geht es in eine neue, geschenkte Zeit hinein. Es muss und es wird sich etwas entwickeln, soviel ist klar. Wird man dann auch von uns sagen können: „Sie nahmen zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.“? Schön wäre es!

Nun gibt es ja verschiedene Formen von Entwicklung. Manchmal kann ein solcher Prozess jedoch mit viel Druck verbunden sein, auch mit frommem Druck, sogar mit Druck, der krank machen kann. Da wird die Ergebnisorientierung gewaltig überzogen. In dem Fall wird es gut sein, sich an die Losung für 2021 zu erinnern, die wir in diesen Tagen vielfach lesen oder hören, dass nämlich Jesus zu uns sagt: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ In diesem Sinne aber sollten wir uns aufmachen, den Ort zu finden und zu bewahren, der so ganz der unsere ist oder es in diesem Jahr sein soll. Als Jesus sagte: „Muss ich nicht sein in dem, was meines Vaters ist?“, da hatte offensichtlich schon der Zwölfjährige genau diesen Platz für sich gefunden. Möge es auch uns gelingen. Amen.

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