Dem Wunder eine Chance geben

Lukas 8, 4-8 (Berlin-Hellersdorf, 7.2.2021)

4 Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus jeder Stadt zu ihm eilten, sprach er durch ein Gleichnis: 5 Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf. 6 Und anderes fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. 7 Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s. 8 Und anderes fiel auf das gute Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Da er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Eine Sache anfangen, aber nicht wissen, wozu das gut sein soll und wie die Sache ausgeht, natürlich kommt das auch bei uns vor. Wir kennen das alle. Aber tun wir so etwas gerne? Ich denke, wohl eher nicht. Es soll doch etwas dabei herauskommen, wenn wir uns anstrengen. Arbeit, so eine der gängigen Definitionen, ist eine zielgerichtete Tätigkeit.

Der Sämann im Gleichnis Jesu passt ins Bild. Er macht sich an die Arbeit. Er sät aus und will am Ende natürlich eine gute Ernte einbringen. Er scheint aber doch ein schlechter Arbeiter zu sein, denn er streut den wertvollen Samen völlig wahllos aus, so dass dieser nicht nur auf guten Boden fällt. Drei Viertel gehen verloren. Das ist pure Schlamperei.

Nun kann man zur Entlastung dieses Sämanns anführen, dass im Palästina der Zeit Jesu und erst recht in den Bergen Galiläas exakt abgegrenzte Felder unüblich weil einfach unmöglich waren. Das gab der mit so vielen Steinen durchsetzte Boden einfach nicht her. Und wenn Ludwig Uhland in seinem Gedicht vom „Kaiser Rotbart lobesam“, der „ins Heilge Land gezogen kam“, die Zeile schreibt „viel Steine gab’s und wenig Brot“, dann trifft er damit die Sache ganz genau. Aber ein bisschen genauer hätte der Sämann schon hinsehen können. Wege sind auch in der felsigen Landschaft um den See Genezareth herum gut erkennbar. Und guten und schlechten Boden sollte ein Landwirt doch unterscheiden können. Das gehört zum Mindesten, was man erwarten kann.

Allerdings dürfen wir in einem Gleichnis Jesu wohl kaum mit landwirtschaftlichem Unterricht rechnen. Worum geht’s also dann in der Geschichte?

Es ist mal wieder typisch Jesus. Er setzt bei Alltäglichem, bei Bekanntem ein, krempelt die Sache dann aber gewaltig um, damit unser Denken aus den gewohnten Bahnen herauskommt. Dafür will er unsere Aufmerksamkeit wecken. „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ Das ist der m.E. wichtigste Satz. Will heißen: Macht euch Gedanken und zieht eure Schlüsse. Damit beendet Jesus seine Gleichniserzählung.

Doch was möchte Jesus mit seinen Gleichnissen erreichen, nicht nur mit diesem? Vielfach will er damit das Handeln Gottes verständlich machen. „Das Himmelreich ist gleich …“, so beginnen darum nicht wenige dieser Geschichten. Oder Jesus gibt mit seinem Gleichnis Impulse zum Handeln. Die Geschichte vom „Barmherzigen Samariter“ ist ein bekanntes Beispiel dafür.

Und unser Gleichnis vom Sämann? Ich würde es eine Mutmachgeschichte nennen. Sie will Mut machen, etwas zu wagen. Sie will Mut machen, ruhig etwas verrückt zu sein, denn eigentlich ist dieses Gleichnis durch und durch eine verrückte Geschichte. So unbekümmert nämlich, wie dieser Sämann arbeitet, das ist schon ein wenig neben der Spur, also verrückt. Und verrückt ist am Ende auch das Ergebnis. Nicht das, was da auf dem Wege, am Felsen oder unter den Dornen geschieht ist verrückt. Das war so erwartbar, dass da nichts kommt. Aber die Frucht am Ende auf dem guten Land, von dem der Sämann offensichtlich gar nicht weiß, wo es sich genau befindet, weshalb er ja seinen Samen überall hinstreut, dieses Ergebnis einer unerwarteten, hundertfältigen Frucht, das ist verrückt. Das gibt’s nämlich gar nicht, in der damaligen Landwirtschaft keinesfalls, und auch heute ist das selbst mit Genmanipulation nicht hinzukriegen. Das Ergebnis sprengt die Normen. Irre!

Jesus macht Mut, auf Hoffnung hin Grenzen zu überschreiten, um dem Wunder eine Chance zu geben. Er redet nicht der Schlamperei das Wort. Die traditionelle Auslegung, die sich an die bei Lukas folgenden Erklärungen Jesu anschließt, stellt zu Recht die Frage, was alles zu tun ist, damit der Same des Gotteswortes auf gutes Land fällt, bei uns und anderen. Welches sind die Vögel, die wegpicken, die Nebensächlichkeiten, die verdrängen, was an guten Gedanken vor unsere Füße fiel? Wo wird unser Herz zum Fels, unsere Gewohnheit zur Mauer, so dass nichts Neues mehr Wurzelgrund und Raum findet. Wo erstickt der Alltag den Blick in die Zukunft? Da gibt es sicher eine Menge zu tun, bei dem einen mehr hier, bei der anderen mehr da. Doch sollten wir dabei nicht die faszinierende Figur des Sämanns aus den Augen verlieren.

Der Sämann, er kann nach Lage der Dinge nicht genau wissen, wo etwas aufgehen und gedeihen kann. Darum gibt er allem eine Chance, er streut aus, reichlich und überall hin, und hofft auf das Wunder der hundertfältigen Frucht. Ist das nicht die Weise, wie wir Kinder aufs Leben vorbereiten, also erziehen sollten? Ist das nicht die Weise, wie wir uns immer wieder unseren Mitmenschen nähern sollten? Ist das nicht die Weise, wie wir Gemeindearbeit gestalten sollten? Überall da können wir doch nicht wirklich planen, was am Ende herauskommt. Manchmal erleben wir leider auch unser „blaues Wunder“ und werden bitter enttäuscht. Aber zuweilen gibt’s auch wirklich ein Wunder.

Ich erinnere mich an eine Taufe, um die ich gebeten wurde, und wo es bis zum Schluss manche Fragen gab. Ich habe getauft und mich in den Folgejahren manchmal gefragt, ob’s denn recht war. Und dann bekomme ich ganz unvermittelt eine Nachricht über Facebook: Ach Volkmar, ich denke immer wieder daran, wie du mich damals getauft hast, und bin bis heute glücklich darüber….

Ich halte sehr viel von Ordnung, auch von der kirchlichen, und das nicht nur wegen meiner als Juristen tätigen Vorfahren. Wir brauchen Ordnungen, weil eine Gemeinde immer mehr als ein einzelner ist und deswegen eine Struktur braucht. Wir brauchen die Ordnungen aber vor allem auch, um auf ihrer Basis tolerant und großzügig sein zu können, dass wir wie jener Sämann dem Wunder eine Chance geben.

Deswegen kann am Ende unseres Nachdenkens zum Gleichnis Jesu vom Sämann oder vom viererlei Acker nur ein doppeltes Gebet stehen, einmal die Zeile aus Benjamin Schmolcks altem Kirchenlied: „Mache mich zum guten Lande, wenn dein Samkorn auf mich fällt.“ Und dazu der neuere Text von Eugen Eckert: „Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich. Wandle sie in Weite. Herr, erbarme dich.“ Amen.

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