Dem Guten in der Welt Raum geben

Liebe Gemeinde,
so eine Jahreslosung will mehr sein, als nur ein frommer Spruch. Sie will zum Nachsinnen anregen, Ja, sie will bestenfalls sogar ein Lebensmotto sein für das kommende Neue Jahr.

Und ich denke, dieser Satz des Apostels Paulus aus dem Römerbrief, den sie auch als Lesezeichen heute in ihren Händen halten, eignet sich ganz besonders dazu.

Wir fassen uns vielleicht wieder zum Jahreswechsel gute Vorsätze, nehmen uns vor vielleicht gesünder zu leben, weniger zu arbeiten oder mehr Zeit mit der Familie zu verbringen, auf jeden Fall endlich mal das Gewicht zu reduzieren, und was man sich sonst noch so alles vornimmt, aber ich denke, auch dies könnte ein guter Vorsatz sein für unser ganz privates Leben:

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten.

Dieser Satz klingt eigentlich wie ein Sinnspruch für das Poesiealbum, wie ein Satz aus einem Wandkalender, aber er ist natürlich auch eine echte Herausforderung für jeden Einzelnen von uns, liebe Gemeinde.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden.
Wir wissen auch, so läuft der Hase nicht in der Leistungsgesellschaft. Lass dir bloß nichts gefallen. Wehr dich! Mit solchen und ähnliche Maximen, werden nicht selten schon Kinder von ihren Eltern auf den harten Schulalltag vorbereitet. Schließlich lernt man ja nicht für die Schule, sondern für das Leben.

Das Böse mit dem Guten überwinden zu wollen, das scheint erst einmal nur ein frommer Gedanke zu sein, der nichts mit unserer Weltwirklichkeit zu tun hat, oder nur eine Maxime für solche Menschen, die nichts mit der sogenannten knallharten Wirtschaft und dem stressigen Arbeitsleben zu tun haben, vielleicht auch noch für solche weltfremden Menschen, die immer noch an das Gute im Menschen glauben.

So sah es, liebe Gemeinde, jedenfalls der Philosoph Friedrich Nietzsche ein, der in seinem Werk: „Jenseits von Gut und Böse“, beschrieb, dass starke Menschen, Übermenschen, wie er sie nannte, sich nicht durch solch ethische Kriterien einengen und bestimmen lassen. Für ihn war Moral etwas für Schwächlinge. Die Starken leben ihrem Instinkt nach, sagte er, leben nicht nach ethischen Kriterien, leben Jenseits von Gut und Böse und sind eben darum stärker. Und manchmal scheint es ja tatsächlich so zu sein, als ob sich unsere Machthaber immer mehr von ihrem Machtinstinkt, von ihrem politischen Kalkül leiten lassen, dass ethische Kriterien im Banken und Versicherungskreisen nicht sonderlich gefragt sind und dass sie längst schon Jenseits von Gut und Böse sind.

Gut und Böse. Gibt es das überhaupt? Mir fällt die Paradiesgeschichte ein. War es dem Menschen nicht ausdrücklich verboten vom Baum der Erkenntnis zu essen, vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen? (1.Mose 2.17)

Warum eigentlich, war es verboten? Ich denke , der Mensch sollte Gut und Böse nicht erkennen, von diesem Baum der Erkenntnis nicht essen, weil Gott weiß, wie verführbar wir durch das Böse sind.

Lass dich nicht durch das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten.

Mir fällt die Geschichte vom reichen Jüngling ein.
Der kommt zu Jesus und fragt: „ Meister, was muss ich Gutes tun, damit ich das ewige Leben habe“. Und dann fragt Jesus ihn zurück: „Was fragst du mich denn über das aus, was gut ist? Gut ist nur Einer, Gott.“

Und ich beginne zu verstehen, es geht bei diesem Satz nicht um die ein oder andere gute Tat, es geht nicht um die ein oder andere Sünde, es geht um eine prinzipielle Lebensentscheidung, auf welcher Seite des Lebens wir leben möchten.

Die Bibel, liebe Gemeinde, beschreibt die Welt sehr dualistisch, wie Theologen sich ausdrucken. Es gibt Gut und es gibt Böse und wenn ihnen diese Begrifflichkeit eingängiger ist, es gibt Gott und es gibt den Teufel, es gibt den Tod und es gibt das ewige Leben, es gibt die Dunkelheit dieser Welt, die Finsternis, und es gibt das Licht, das in diese Welt kommt. Und die Finsternis hat es eben nicht begriffen.

In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht ergriffen. (Johannes 1.4)

So beschreibt das Johannesevangelium in seinen ersten Worten, im sogenannten Prolog, also im Vorwort, den Dualismus, der zum Weltbild der Bibel gehört.
Und nun ist die Frage, wie kann ich mich nicht vom Bösen überwinden lassen? Um es mal mit der österreichischen Band „Erste Allgemeine Verunsicherung“ zu sagen, die in ihrem Lied „Banküberfall“ sangen: „Das Böse ist immer und überall.“ Wie kann ich mich vom Bösen nicht überwinden lassen? Die Antwort ist natürlich einfacher als man gemeinhin denkt: Gut ist nur Einer und zwar Gott. Glaube an ihn und vertraue ihm.

„Mensch es ist dir gesagt was gut ist,“ heißt es beim Propheten Micha, „ Gottes Wort halten, Liebevoll leben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6.8)

Das ist natürlich etwas ganz anderes als das alttestamentliche „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ , denn die Jahreslosung aus dem Römerbrief ist sehr eng mit dem Gebot der Feindesliebe verbunden. „Liebet Eure Feinde, segnet, die euch verfluchen, tut Gutes, denen, die euch hassen“

Ja es ist manchmal schwierig, denn der Herr lässt nun einmal die Sonne auf gehen über Gute und Böse, über Ungerechte und Gerechte, wie es in der Bergpredigt heißt (Mt.5.43-47), aber sicher ist auch, dass Christinnen und Christen dazu ermutigt werden, dem Bösen in der Welt zu widerstehen, nicht Teil dieser Logik des Bösen zu werden, nach der erlaubt ist, was dem Erfolg dient, nach der sich eben nur der Starke durchsetzt, diese Logik, die es anderen heimzahlen möchte, die auf Gewalt mit Gewalt antwortet und darum eigentlich nichts anderes tut als Öl ins Feuer zu schütten, als den Teufel mit Beelzebub auszutreiben.

Dadurch wird die Welt definitiv nicht besser. Ich konnte das Anfang Dezember immer wieder im Nahen Osten hören, im Gespräch mit Flüchtlingen aus dem Irak, Mitgliedern der vielleicht ältesten christlichen Kirche, der syrisch orthodoxen Kirche des Ostens, die vor dem Einmarsch der Amerikaner, vor dem selbstbezeichnenden Kreuzzug, noch etwa 1.5 Millionen Mitglieder hatte und die nun auf etwas unter 10.000 Menschen geschrumpft ist, denn sie hatten letztlich die Rechnung zu bezahlen dafür, dass selbst ernannte Christen das Böse mit Bösem aus der Welt schaffen wollten.

Aber wir brauchen eigentlich nicht nur auf die große und manchmal so ärgerliche Politik schauen. Das gibt es ja auch in unserem Privatleben, wo wir in einer Familiensache so richtig mal aufräumen wollen, damit auch jeder kapiert, dass man so nicht mit uns umgehen kann. Das gibt es ja auch bei uns, dass wir das mit dem ethischen Verhalten nicht ganz so genau nehmen, dass wir für uns selbst Lebensbereiche finden, in denen wir selbst „Jenseits von Gut und Böse“ handeln.

Zwei Dinge sind mit heute Abend wichtig, liebe Gemeinde.

1. Dass wir uns alle als eine große Gemeinschaft verstehen, die sich für das Gute entschieden haben. Was fragst du mich nach dem Guten, nur einer ist gut, Gott allein. Dass wir also verstehen und für uns annehmen, dass Gott Menschen beruft, die nach wie vor und unablässig und ohne Selbstgerechtigkeit versuchen, dem Guten in dieser Welt Raum zu geben.

Und 2., dass wir dieses Gebot nicht als eine überirdische und nicht erreichbare Forderung Gottes erkennen, sondern gerade im kommenden Jahr, als einen Maßstab, als ein Kriterium, an dem wir unser eigenes Leben ausrichten wollen.

Die Logik der Starken, dieses Leben Jenseits von Gut und Böse ist manchmal recht verführerisch, aber Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Darum lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten.

Ich wünsche ihnen ein auch in diesem Sinne frohes und gesegnetes Neues Jahr.

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