Dein Zutrauen möcht ich haben, Jesus!

Liebe Gemeinde,

die schrecklichen Nachrichten von den Folgen des Seebebens in Südostasien erschüttern uns wohl alle. Fragen, die sonst nur von Einzelnen in persönlichen Krisen gestellt werden, schaffen es bis auf die Seite 1 der BILD-Zeitung. Wo warst Du, lieber Gott?

Ich bin nicht Gott, und ich maße mir nicht an, für ihn eine Antwort auf diese Frage zu geben. Die Frage ist nicht neu, sie wird in der Bibel immer wieder von Menschen in Krisen gestellt.

Die Jahreslosung von 2005 hat ihren Ort im Angesicht einer solchen Krise. Es geht bei dieser Krise nicht um eine Naturkatastrophe und um eine so unvorstellbar große Zahl an Opfern. Es geht um nur um einen, der da gestorben ist. Aber auch die Katastrophe heute wird für uns ja erst fassbar und vorstellbar, wenn wir von den Einzelschicksalen hören. Von Kindern, die ihre Eltern in den Fluten verloren haben. Von dem Mann, der seine Frau nicht mehr retten konnte.

Die Geschichte, die ich ihnen erzählen will, löst die Frage nicht, wie Gott so etwas zulassen kann. Aber vielleicht kann uns die Erinnerung an diese alte Geschichte helfen, mit unseren heutigen Geschichten umzugehen.

Da sitzen sie nun, in sicherer Entfernung vom Ort des schrecklichen Geschehens. Da sitzen sie, die Jünger dieses Jesus von Nazareth, den sie ans Kreuz geschlagen haben, und sie fragen sich, wie es weitergehen soll. Sie haben an ihn geglaubt, und nun wurde er gekreuzigt. Wie sollen wir an einen Gott glauben, der so etwas geschehen lässt?? Besonders Petrus plagen die Zweifel. Noch vor ein paar Tagen hatte er groß getönt, dass er Jesus nie im Stich lassen würde. Und dann ist er mit all seinen tollen Sprüchen gescheitert. Er ist gescheitert, und was noch schlimmer ist: Auch Jesus ist scheint gescheitert zu sein.

Petrus denkt zurück an den letzten Abend, den sie alle zusammen verbracht haben. Und ihm fallen die Worte wieder ein, die er damals nicht verstanden hat, die er nicht verstehen wollte. "Ich habe für Dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre." Niemals, hat er damals gedacht, niemals wird mein Glaube aufhören. Und er war ein bisschen enttäuscht von Jesus. Klang doch in diesen Worten auch ein Zweifel an seiner Glaubensstärke mit.

Und jetzt? Unfassbar schnell hatten die Ereignisse sich überschlagen und alles in Frage gestellt, was vorher so sicher erschien. Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre? Er hört auf, lieber Jesus, weil ich das, was da passiert ist, nicht zusammenbringe mit dem, was ich seit Kind auf von Gott gelernt habe und was Du uns immer wieder gesagt hast: Dass er ein Gott ist, der die Menschen liebt. Ich sehe Dich da hängen am Kreuz, ich sehe das Leiden so vieler Menschen in dieser Welt, ich sehe das alles und drohe zu verzweifeln. Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre? Was soll ich mit diesem Glauben in Momenten wie diesem? Was soll ich mit diesem Glauben?

Petrus denkt zurück an die Zeiten, als sie zusammen mit Jesus durchs Land zogen. Damals wusste er, warum er glaubt. Ja, Herr, damals. Damals auf dem See, als wir ohne Dich mit dem Boot losgefahren sind und du uns über den See nachgingst. Damals, da hatte ich Glauben. Da bin ich im Vertrauen auf Dich mitten auf dem See aus dem Boot gestiegen. Ich hab auf Dich gesehen und bin nicht untergegangen. Und selbst als ich mich dann wegen des starken Windes so erschreckt habe und doch beinahe gesunken wäre, hast Du mich an der Hand gepackt und mich gerettet. Ja, lieber Herr Jesus, damals hat mein Glaube mich in Bewegung gesetzt. Ich hab das sichere Boot verlassen und hab mich hinaus auf den See gewagt. Weil ich wusste: Du bist da.

Der Glaube hat mich in Bewegung gebracht. Ich habe mein bisheriges Leben hinter mir gelassen und bin Dir nachgefolgt. Habe gesehen, wie Du dich von den Menschen hast anrühren lassen. Wie Du dem Leid so vieler etwas entgegen gesetzt hast. Wie Du die Leute heil gemacht hast an Leib und Seele. Das wollte ich auch. Bei Dir hab ich gelernt, dass wir einander beistehen und helfen können und sollen, über alle Grenzen von Religion und Nation hinweg. Du hast mich angesteckt. Wo ich jemand gesehen habe, dem es schlecht geht, habe ich alles daran gesetzt, ihm zu helfen. Früher wäre ich vorbeigegangen und hätte höchstens etwas Mitleid empfunden. Seit ich Dich kennen gelernt habe, Jesus, ist das anders geworden. Ich glaube daran, dass wir etwas gegen Leid tun können, weil Gott etwas gegen Leid tun will. Du hast viel Gutes in diese Welt gebracht, durch dein Handeln und dadurch, dass Du viele andere wie mich zum Handeln gebracht hast. Ist dazu der Glaube da?

Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.

Weißt Du, Herr, das Problem ist doch, dass ich den Glauben gerade in den Momenten besonders nötig habe, wo durch so schlimme Ereignisse wie jetzt alles in Frage gestellt wird. Wenn alles glatt läuft, dann ist das mit dem Glauben zwar keine schlechte Sache, aber so richtig brauchen tu ich ihn dann auch nicht. Bin doch selber stark. Bin Petrus, und das heißt doch: der Fels. Aber dann, wenn das Leben aus den Fugen gerät, dann brauch ich den Glauben. Und gerade dann aber ist es so schwer, zu glauben. Dann ist mein Glaube so klein wie damals auf dem See, als der Wind kam und Du mich festhalten musstest. Jetzt wünsch ich mir auch, dass Du kommst und mich festhältst.

Lange sitzt Petrus schweigend da und denkt über diesen Satz Jesu nach: Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.

Denkt nach über seinen Ärger, als er den Satz zum ersten Mal hörte. Denkt nach über die bittere Wahrheit, die in ihm steckt, dass es Ereignisse und Zeiten gibt, in denen der Glaube abhanden kommen kann. Und er denkt nach über den Anfang des Satzes: Ich habe für Dich gebeten. Wie ist das, Jesus, wenn Du den Vater um etwas bittest? Sollte der seinem Sohn wirklich so etwas abschlagen? So wie früher, mit Dir auf dem See, so wird es nie mehr werden. Aber steckt in diesem ?ich habe für Dich gebeten? neben dem Zweifel an meinen Fähigkeiten nicht auch ein großes Zutrauen in die Fähigkeiten Gottes? Dein Zutrauen, Jesus, dass Gott den Glauben in mir nicht ganz aufhören lässt, dass er einen kleinen Funken am Glühen hält, wenn das große Feuer der eigenen Glaubensstärke von den Fluten des Lebens überschwemmt wurde? Dein Zutrauen, Jesus, dass dein Vater sogar da, wo der Glaube in einem ganz erloschen ist, einen neuen Funken entfachen kann?

Es fällt mir nicht leicht, Jesus, dieses Zutrauen zu teilen. Ja, manchmal fehlt es mir sogar. Weil meine Fragen nicht verstummt sind. Weil ich ihn nicht verstehe, diesen Gott, deinen Vater, unseren Vater, wie wir ihn so oft nennen.

Dein Zutrauen möchte ich haben, Jesus. Bete weiter für mich!

Liebe Gemeinde, ich weiß nicht, ob sie mit diesem Petrus einverstanden sind. Angesichts der Bilder im Fernsehen, aber auch angesichts manch scheinbar kleinerer persönlicher Katastrophen kann ich mir seinen Hader mit Gott gut zu eigen machen. Seine Verzweiflung darüber, dass der Glaube manchmal genau dann so winzig erscheint, wenn man ihn dringend braucht.

Von Dietrich Bonhoeffer stammt der Satz: Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie uns nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.

Einfacher macht es das für mich nicht. Weil ich eben doch gerne alles selbst im Griff haben will. Aber es scheint zu tragen, wenn Bonhoeffer zur Jahreswende 1944 die vielzitierten Worte schreiben kann: Von guten Mächten treu und still umgeben?

Darauf will ich hoffen in 2005: Dass Jesus Recht hatte mit seinem Zutrauen in Gott, dass Gott uns immer wieder den Glauben schenkt, den wir brauchen, damit dieser Glaube uns in Bewegung setzt, uns im Vertrauen auf Gott den Herausforderungen zu stellen, die auch in diesem Jahr auf uns zukommen.

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