Dein Gott ist mein Gott (Rut 1,16-17)

Rut 1,16-17
[16] Rede mir nicht ein, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hin gehst, da will ich auch hin gehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. [17] Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.

Ihr habt beide mit Büchern zu tun, N.N. und N.N., Ihr könnt nicht nur umgehen mit Geschichten, ihr mögt und liebt sie und wisst um ihre Tiefe, ihr Verwobensein miteinander, mit dem Leben derer, die sie lesen, dem Leben der Menschen an sich, … Ihr wisst um die tiefe Weisheit von Geschichten, um ihre Vielschichtigkeit, ihre Bilder, ihren oft verborgenen Witz, den kleinen Wink am Rande, die versteckte Kritik des Bestehenden und ihre zeitlose Gültigkeit. Ihr wusstet und wisst um all das – und habt euch als Geschichte für den Gottesdienst, in dem wir euch trauen und uns an eurer Freundschaft und eurer Liebe freuen, die biblische Geschichte der Ruth und ihrer Schwiegermutter Noomi ausgesucht. "Geschichten gehören nicht denen, die sie schreiben, sondern denen, die sie brauchen!" – ihr braucht heute eine Geschichte … sie soll euch gehören und ihr sollt sie hören können mit allem Gesagten und Ungesagten, mit allem, was anklingt zwischen den Zeilen, auf dem Hintergrund eurer Geschichte, der gelebten und der, die Ihr vor euch habt, euch erhofft und erträumt. Hört einen Teil aus dem ersten Kapitel des Buches Ruth:

[TEXT]

Das Versprechen, ein Leben lang miteinander verbunden zu bleiben … es wird von einer jungen Frau, Ruth, zu einer älteren, Noomi, gesagt. Und gemeint ist nichts anderes – als auch ihr es meint, N.N. und N.N. …. gemeint ist das Versprechen lebenslanger Freundschaft, die sich auch dort bewährt, wo der Weg steinig und die Gegenden fremd werden. Dass diese Geschichte in der Bibel steht, und wie sie erzählt wird, hat euch und uns fasziniert. Dass in dieser Geschichte Gott fast nie ausdrücklich erwähnt wird, sich aber im Leben, in der Beziehung dieser Menschen ständig erweist und ereignet, das hat uns alle – auch in unserem gemeinsamen Traugespräch neulich – sehr beeindruckt, neugierig gemacht und unsere eigene Art zu leben und den Glauben zu leben anschauen lassen. Dieses "Nicht-so-viel-über-Gott-Reden", sondern ihn in der Art, wie wir leben und lieben, erfahrbar werden zu lassen, das ist es, was uns dieses kleine Buch im Alten Testament so kostbar hat werden lassen.

In Bethlehem, im Haus des Brotes, gab es kein Brot mehr: Wegen einer Hungersnot waren Elimelech und Noomi ins fremde Moabiterland gezogen. Ihre Söhne heirateten, entgegen der damaligen Ehegesetze, die moabitischen Frauen Orpa und Ruth. Bald darauf starben Elimelech und die beiden Söhne. Diese leidvolle Familiengeschichte ist Vorgeschichte zum vorhin gehörten Bibeltext … zum Weg der beiden Frauen. Die Witwe Noomi beschließt, in ihre Heimat Bethlehem, dahin wo es Brot gibt, zurückzukehren … eine weite Reise um des Überlebens willen. Die drei Frauen sind bereits auf dem Weg, als Noomi die Schwiegertöchter auffordert, zu ihren Müttern heimzukehren. Die an Jahren und an Leid altgewordene Frau klingt, als wolle sie sagen: "Ich gehe heim, um in Frieden zu sterben." Das Leben liegt hinter ihr, und sie sieht für sich und die beiden Jüngeren einfach keine Zukunft mehr. Orpa verlässt sie unter Tränen und kehrt heim. Ruth aber will sich nicht wegschicken lassen, obwohl das alles doch so einsichtig klingt: heimgehen, dorthin, wo Ruth sich auskennt, einen neuen Mann finden und noch einmal beginnen … Doch Ruth entscheidet sich anders. Sie wählt den Weg ins Ungewisse … einen Weg, von dem sie nicht weiß, was auf sie zukommt. Sie bleibt bei der alten Frau, bestätigt ihre Entscheidung mit den Worten, die auch heute noch sehr bewegen: "Wohin du gehst, dahin gehe auch ich … Dein Volk ist mein Volk … Dein Gott ist mein Gott."

Da geht es nicht darum, wer den richtigen Gott, den richtigen Weg, die richtige Nationalität hat; da geht es nicht darum, wer Recht hat und auf wessen Seite Wahrheit und Sicherheit tiefer und stärker sind. Da erscheint Gott als Ende und Ziel eines Weges, der nur gegangen werden kann, weil die zwei sich lieben. Ruth stellt uns einen Glauben vor, der provoziert, der die verunsichert, die Gott als ihr Eigen zu wissen glauben, der aber tröstlich ist für alle die, die Gott suchen. Ruth spricht von einem Gott, der sich in allen Völkern finden lässt, der sich zeigt in der Verbundenheit mit denen auf der Schattenseite des Lebens; der sich zeigt in menschlicher Treue als Verlässlichkeit ohne "Wenn und Aber" – da, wo alles ungewiss ist und alle Sicherheit verloren scheint.

Dein Gott ist mein Gott – gegen alle Sicherheit, um des Lebens willen. Was soll daraus bloß werden? Ruth hält nichts in Händen, das ihr Vertrauen erklärt. Sie hat keine Erfahrungen mit dem Gott, dem Volk, dem Land, denen sie sich da verspricht. Sie sichert sich nicht ab mit Fragen nach Details. Die Klarheit und Entschiedenheit ihrer Worte machen deutlich: sie braucht solche Sicherheiten nicht. Das ist so anders als in so vielen Beziehungs- und Zweiergeschichten, die im Laufe der Menschheitsgeschichte geschrieben oder erlebt worden sind … wo Neues unsicher macht … wo Angst andere ausgrenzt: Die einen beschreiben, was jemand wissen und tun muss, um dazu zu gehören, die anderen bleiben außen vor … Begegnung findet nicht statt … keine Solidarität, die sich ereignet … und auch kein Gott, er erfahrbar würde … Da ist Ruths und Noomis Geschichte so anders, Stoff für unsere Hoffnungen und Träume: da bleibt die eine bei der anderen und sagt: Dein Gott ist mein Gott, dein Weg ist mein Weg, dein Schicksal ist auch meines, dein Schmerz ist mein Schmerz, dein Leid ist auch meines, dein Hunger ist mein Hunger und deine Freude ist meine Freude. Das kann die Angst nehmen vor mancher Unsicherheit. Ruth wirkt so souverän in ihrer Ungewissheit. Sie weiß zwar wenig von dem, was auf sie zukommt, aber sie weiß sehr wohl – tief in sich drin – wer sie ist: Geheimnis so mancher funktionierenden Zweierbeziehung. Ruth und Noomis Geschichte findet ein glückliches Ende. Die beiden finden in Noomis Heimat Brot, Land und Familie. Ruth findet einen Mann, sie bekommt ein Kind … Zeichen für eine gesicherte Zukunft, für Neues, das entstehen kann und das noch so offen ist für das, was der weitere Weg dieser Menschen mit sich bringt.

Ein wenig platt? Aber so war das damals. Im Buch Ruth erzählt die Männerwelt eine Frauengeschichte. Es macht neugierig, dass sie das tut. Frauen allein waren damals schutzlos und gefährdet … Frauenleben kannten deutliche Schranken, auferlegt durch Kultur und Zeit … Umso spannender und bemerkenswerter, was Ruth da tut: So einem Menschen Schutz gewähren. So Weggefährtin für jemanden werden. So Freiheit leben, als Freiheit zum Bleiben. So jemanden begleiten, jemandem so nahe sein. So mein Leben teilen. So jemanden annehmen, in dem tiefen Wissen, dass mein Leben von Gott getragen ist. Ungewöhnlich, gesellschaftskritisch, spannend ist die Geschichte, N.N. und N.N., die ihr euch gewählt habt – und sie entbehrt nicht an Witz, an Gewitztheit derer, die das Schwere und die Grenzen im Leben kennen, deren Mut und Selbstbewusstsein und Glaube aber darüber hinaus reichen. Am Ende lächeln und schmunzeln sie und spüren, wie unglaublich Leben gelingen kann. So ist das Kind, das Ruth zur Welt bringt, der Großvater des alttestamentlichen Königs David und der wiederum ein Urahne des Jesus von Nazareth. Keiner dieser großen Männer ohne die Geschichte vom Mut, vom Selbstbewusstsein, von der Treue und Liebe dieser Frauen … Das vermeintliche Ende ist ein neuer Anfang, gehört in eine Kette von Geschichten hinein, die weit in der Vergangenheit begannen und bis heute noch nicht abgeschlossen sind.

"Geschichten gehören nicht denen, die sie schreiben, noch denen, die sie erzählen, sondern denen, die sie brauchen!" Ich hoffe: Ihr könnt sie gebrauchen. Nehmt die Geschichte dieser beiden Frauen, von denen, wie die Bibel ausdrücklich festhält, die eine der anderen mehr wert war als sieben Söhne – mit in euer Leben und verwebt sie mit eurer Geschichte. Das wünsche ich euch, N.N. und N.N., damit euer Leben gelingt. Und das wünsche ich uns allen hier … leben wir weiter, was Ruth und Noomi angefangen haben: "Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe auch ich …"

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