Das Weizenkorn muss sterben …

[TEXT: Joh 12,24]

Liebe Gemeinde!

Die ersten warmen Tage dieses Jahres haben vielleicht auch Sie hinausgelockt an die Sonne, in die Frühlingsluft. Der Geruch von Erde steigt in die Nase, vereinzelt der von Blumen. Die Forsythien stehen in voller Blüte und leuchten gelb. Die Bäume schlagen aus und lassen Kirschblüten sehen und Kastanienblätter. Das Leben nach dem langen Winterschlaf ist erwacht, man wird früh wach und lauscht den Vögeln, die Lebensgeister regen sich, man beginnt Pläne zu machen, den Schmutz mit dem Schutzwall des Winters zu entfernen. Häuser werden gestrichen, Zäune geflickt, Wohnung und Garten ausgemistet. Pflanzen zur Nahrung und zur Freude kommen in unseren Sinn, wenn die Erde langsam ergrünt und die Blüten durchbrechen. Wir kaufen Samen im Geschäft oder nehmen welche, die wir im Vorjahr gesammelt haben, stecken sie in die Erde. Dann beginnen wir zu warten. Nichts tut sich. Die Erde bleibt dunkel, wie sie war. Wir gießen, vielleicht werden wir nach einiger Zeit ungeduldig und graben nach, um zu scheuen, was sich tut, was unseren Augen verborgen bleibt. Nach einiger Zeit ist der Samen aufgequollen, dann bohrt sich eine kleine Spitze durch die Haut und streckt sich in den Boden, verwurzelt sich. Oben ist immer noch nichts zu sehen. In die andere Richtung spitzt ein grüner Halm. Der Samen schrumpelt umso mehr, je mehr der Halm wächst, sich durch die Erde zum Licht empor arbeitet, durchbricht. Dann fällt die Hülle ab, ihr Inhalt ist verbraucht, ihre Kraft in den Halm übergegangen. Zwei kleine runde Blättchen sprießen hervor, dann Blätter und Blüten.

Über dieses immer wiederkehrende Wunder staunen wir und freuen uns. Das Aufleben der Blumen ist uns zum Gleichnis für unser Leben geworden. Mit ihnen erwachen unsere Hoffnungen und Träume. Deren Wachsen und Gedeihen kann man genauso wenig forcieren. Wir setzen ein kleines Samenkorn, einen kleinen Anfang und hoffen, dass die Saat aufgeht und gedeiht. Hoffnung ist da leicht zu hegen, wo gute Erfahrung gemacht ist, wo Anfänge schon einmal gute Früchte getragen haben; doch da, wo wir Neuland betreten, fehlt uns oft der Mut, den ersten Schritt zu riskieren. Wir heben den guten Samen auf. Damit bleibt er, was er ist; seine Entfaltungsmöglichkeiten verbleiben ungenutzt. So ein Punkt ist da erreicht, wo wir kein Leben mehr erwarten, wo wir an der Grenze des Todes stehen bleiben, wo wir nur sehen, wie das Samenkorn schrumpft und abfällt. In dieser Situation müssen wir uns tatsächlich überraschen lassen von der Kraft des Lebens. So erzählt Alexander Solschenizyn in seinem Buch "Im Interesse der Sache" von einer Begegnung mit einer Ulme:

"… wir sägten Holz, griffen dabei nach einem Ulmenbalken und schrieen auf. Seit im vorigen Jahr der Stamm gefällt wurde, war er vom Traktor geschleppt und in Teile zersägt worden, man hatte ihn auf Schlepper und Lastwagen geworfen, zu Stapeln gerollt, auf die Erde geworfen – aber der Ulmenbalken hatte sich nicht ergeben! Er hatte einen frischen, Grünen Trieb hervorgebracht – eine ganze künftige Ulme oder einen dichten rauschenden Zweig. Wir hatten den Stamm bereits auf den Bock gelegt, wie auf einen Richtblock; doch wagten wir nicht, mit der Säge sein Holz zu schneiden. Wie hätte man ihn zersägen können? Wie sehr er doch leben will – stärker als wir! …"

Überraschen lassen müssen wir uns und staunen über die Kraft des Lebens. Da wo wir oft das Ende geglaubt haben, ist immer noch ein neuer Anfang möglich. Diese Erfahrung aus unserer täglichen Umgebung ist uns Christen zum Symbol, zum Gleichnis für unser Leben mit Gott geworden. Sein Reich, so erzählt Jesus, wächst wie ein Senfkorn heran, sein Wort fällt wie Samen auf die Erde. Es geht auf, wenn es auf guten Boden fällt. Doch auch Jesus selbst wird mit einem Samenkorn verglichen, – einem Weizenkorn -, um das Geheimnis von Ostern zu verbildlichen. Als man ihn in die Erde bettet zur letzten Ruhe, – nachdem man seinen Leichnam vom Kreuz genommen hatte, – hat niemand je zuvor Erfahrung mit Auferstehung gemacht. Die Freunde und Angehörigen stehen geradeso wie viele von uns am Grab und können sich nicht vorstellen, dass da noch etwas Lebendiges entstehen könnte. Sie gehen fort in ihr Leben, mit traurigen Gedanken zum Fest, zum Gottesdienst. Die Frauen kehren mit Salben und Tüchern zurück um den Rest, der geblieben ist zu konservieren. Doch als sie nachschauen, ist das, was sie suchen nicht mehr da. Sie sind bestürzt, verstört, maßlos überrascht. Da ist in ihrer Abwesenheit etwas geschehen, das sie sich nicht erklären können:

Jesus hat die Leichentücher von sich gerissen, er hat die Tür mit Donner und Blitz aufgebrochen und hat das Grab verlassen. Er hat sich gegen Tod und Grab gestemmt, weil Gott ihn wieder lebendig gemacht hat. Dieses Wunder ist nicht leicht zu fassen, es sprengt unsere Vorstellungen, es sprengt unsere Erfahrungen und eröffnet nie geahnte Möglichkeiten, nie geahntes neues Leben. Die Frauen am Grab mussten darauf erst hingewiesen werden. Ein Engel, ein Überbringer von Gottes Botschaft, sagt: "Sucht Jesus nicht unter den Toten, er ist auferstanden." Gottes Wort erreicht die Frauen, eröffnet ihnen einen neuen Horizont. Ganz erfüllt eilen sie davon. Ihre Enttäuschung ist herb, als sie den Jüngern vom Sieg des Lebens über den Tod von Jesu Auferstehung erzählen. Die glauben ihnen nicht. Sie müssen sich selbst vergewissern, anfassen, sehen, um so etwas zu glauben. Das Wort der anderen berührt sie nicht. Sie bleiben skeptisch. Das Wort Gottes allein reißt sie nicht aus ihrem innerlichen Tod, aus ihrer Hoffnungslosigkeit. Sie wollen mehr.

Auf Unglauben stößt die Osterbotschaft noch heute. Die wildesten Theorien vom Scheintod, abgekartetem Spiel und Lüge, nehmen viele leichter auf, als das Wort von der Auferstehung. Einmal anfassen, einmal selbst dabei sein, dann glauben wir, schließen sie sich den Worten des Apostel Thomas an. Doch "selig ist, wer nicht sieht und dennoch glaubt" sagt Jesus. Es gilt letztlich Gott, Gottes Wort zu vertrauen und die Botschaft der Christen und vor allen der Christinnen der ersten Stunde zu vernehmen und als echte Erfahrung anzunehmen. Das Geheimnis, das uns im Bild des Weizenkornes transportiert wird, zu erspüren. Liebe wächst wie Weizen und der Halm ist grün. So würde grün zur Farbe der Hoffnung, der Farbe des Lebens. Mit Jesus haben wir die Erfahrung, das Wissen, dass der Tod nicht endgültig ist. Nach dem Tod kommt eine Auferstehung, eine Veränderung, der Halm trägt Blätter, Blüten, Früchte, wird größer und schöner als das einfache Korn am Anfang, er wächst Gott entgegen. Auf diese großartige Erfahrung beziehen wir uns, wenn wir unsere verstorbenen Angehörigen Gott anbefehlen und wenn wir uns im Sterben in seine Hände anvertrauen. Es ist wahr, schreibt Paulus, Christus ist erstanden und so wie wir mit ihm gestorben sind, so werden wir mit ihm auferstehen. Wir müssen uns das sagen lassen, zurufen lassen, das Wort Gottes immer wieder weitergeben lassen, wie es die Frauen am leeren Grab empfangen haben. Einmal wird das Wort vielleicht in uns aufgehen: auf dieser Erde verwurzelt, mir der Taufe im Namen des dreieinigen Gottes begossen, mit dem Licht der Osterkerze erhellt und mit der Wärme der Gemeinschaft umgeben.

Dann ist die Osterfreude in unseren Gesichtern lebendig. Dann mögen wir nicht ruhig auf unsren Bänken sitzen, sondern hinausrennen und die frohe Botschaft an alle weitersagen, die uns über den weg laufen: "Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden." Dann können wir unser Herz und unseren Mund nicht zurückhalten, Gott Loblieder zu singen als Ausdruck unserer Freude und unseres Vertrauens. Weizenkorn und Kreuz sind zwei Bilder für ein Geschehen. Wenn wir das eine oder das andere sehen mag es uns an die Botschaft erinnern. Das Licht von Ostern möge in unsere Dunkelheiten hineinleuchten, damit Ostern in uns geschieht und uns zu neuem Leben lebendig macht. Dazu helfe uns Gott, der Ursprung und Quell des Lebens.

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