Das Wahrheitsfest

Liebe Gemeinde,

gibt es etwas, das für Sie unabdingbar wahr ist? Gibt es etwas, das Ihnen heilig und unverbrüchlich ist? Haben Sie eine Gewissheit, die Ihnen als Fundament Ihres Lebens gilt?

Keine Sorge, wir werden dies heute Abend nicht abfragen und Sie müssen sich heute auch nicht öffentlich dazu äußern. Möglicherweise denken Sie aber über die Grundfrage diese Tage auch einmal nach. Heute Abend will ich Ihnen das Weihnachtsfest, welches ja durch den Heiligen Abend eingeleitet wird, als ein solches Fest ans Herz legen. Das Weihnachtsfest als ein Wahrheitsfest. Dabei heißt Wahrheit aber nicht, dass ich an etwas glauben muss, also z.B. bestimmte Glaubensätze oder Vorstellungen, die wir uns so machen. Sondern Wahrheit heißt, dass ich an jemanden glaube, an eine Person, an ein Gegenüber. Und wenn Sie nun das Wort „glauben“ durch „vertrauen“ ersetzen, wird der Satz noch verständlicher: Wahrheit bedeutet an diesem Abend: „Ganz gewiss jemanden zu vertrauen“.

Wer Kinder großgezogen hat, kennt solch ein Vertrauen. Ich meine: Der Mensch kommt damit erst einmal zur Welt, mit solch einem Urvertrauen. Und was erwarten diese Kinder nicht ganz selbstverständlich von ihren Eltern: Liebe, Geborgenheit, Nahrung, Schutz, Wärme. Es muss schon ganz viel an schlechtem Elternhandeln geben, um dieses Vertrauen zu zerstören.

Wird der Mensch erwachsen, schwindet dieses Urvertrauen, Verletzungen brennen sich in die Seele ein und der erwachsene Mensch zeichnet sich dadurch aus, dass er auf sich guckt, auf sich vertraut und misstrauisch bleibt dem anderen gegenüber.

Und nun kommt einmal im Jahr Weihnachten, ein Fest, welches den Blick ganz und gar richtet auf dieses kleine Kind in der Krippe und damit auf eine unübertroffene Weise von diesem Vertrauen spricht. Denn ist es nicht so, dass scheinbar alles Äußere diesem Wahrheitsanspruch entgegen steht: Ein ärmliches Umfeld, ein Kind von unklarer Herkunft, eine erdrückende Besatzermacht als politisches Umfeld? Wie soll ich da Hoffnung haben, wie soll ich da glauben und vertrauen können? Und dennoch ruft uns Jesus im heutigen Predigtwort für den Heiligen Abend aus dem Johannesevangelium folgende Worte zu! Ich lese sie aus dem siebten Kapitel:
[TEXT]

Ein Wahrhaftiger, liebe Gemeinde, hat dieses Kind gesandt. Einer, dem zu vertrauen ist. Einer, an dem man sich festmachen kann für sein Leben.

Sie wissen, liebe Gemeinde, wie viel ich auch an der Art und Weise, wie wir die Vorweihnachtszeit gestalten oder besser vielleicht: Wie diese uns gestaltet, zu kritisieren habe: Hektisch ist es, viel Stress, viele Unfreiheiten und Zwänge, kaum Zeit zum Nachdenken usw. Und dennoch sind die alten Bilder und Momente dieser weihnachtlichen Zeit nicht gänzlich verschwunden oder überdeckt worden. Der Wunsch, die Sehnsucht nach diesem Frieden mit und in der Welt ist immer noch spürbar, immer noch zu greifen oft in den kleinen Momenten jenseits all unserer Planung und all unseres Werkelns. Ich hoffe, Sie erleben diese Momente auch für sich: Ein Text, der Sie anrührt, ein Lied, das in Ihnen singt. Ein Leuchten in den Augen des geliebten Gegenübers. Merken Sie diese Momente am Heiligen Fest? Das sind die Momente der Wahrheit, Momente des Friedens und des Vertrauens. Sie werden auch merken, liebe Gemeinde, dass diese Erfahrungen wertvoller sind, als jedes materielle Geschenk. Oder lassen Sie es mich anders ausdrücken: Sie können diese Momente weder erzwingen noch erkaufen – sie werden Ihnen geschenkt.

So scheint durch unseren Trubel und durch unsere Sattheit jenes kleine Licht hindurch, das damals seinen Anfang nahm und uns von diesem Gott, der Vater genannt werden will, erzählt.

Denn ein lebendiger Glaube ist ja nicht das Auswendigwissen von Lernstoff, sondern Glaube ist eine Lebenshaltung, eine Grundeinstellung. Etwas, das mein Leben prägt.

Folgendes Beispiel, liebe Gemeinde, leuchtet unmittelbar ein: Wenn ich glaube, dass immer nur der Stärkste gewinnt, dann werde ich mein Leben entsprechend leben. Ich werde mich meinem Gegenüber entsprechend verhalten und selber danach trachten, dass ich zu diesen Stärkeren gehören. Das, worauf ich vertraue – woran ich glaube – prägt mein Handeln und mein Denken.

Wenn ich aber mit diesem Kind in der Krippe vertrauen kann auf ein Gegenüber, das mich liebt und mich behütet wie ein Vater und eine Mutter seine Kinder, dann kann ich anders leben. Ich meine: frei und aufrecht, meinem Nächsten in Liebe zugewandt.

Im Weihnachtsfest können Sie diese Wahrheit für Ihr Leben entdecken – sie ist hier beschrieben, in der Krippe und später im Kreuz und in der Auferstehung jenes Menschen, an dessen Geburt wir heute denken.

Ergreifen Sie diese Wahrheit für Ihr eigenes Leben – oder: Lassen Sie sich ergreifen und vertrauen Sie diesem Vater im Himmel.

Jesus nennt ihn den Wahrhaftigen – wir erkennen daran, dass Jesus selbst sein ganzes Vertrauen in dieses Gegenüber gesetzt hat. So wird Jesus dann sein Leben gestalten und Dinge tun und denken, die die Welt für verrückt und gefährlich hält. Er wird verkünden, dass Gewalt durch Liebe zu überwinden ist. Dass der Ausweg aus Hass und Streit nicht das Recht-Haben und Siegen ist, sondern Demut und die Bereitschaft, zu Verzeihen. Er wird die Menschen lehren, dass jeder Mensch vor Gott ein geliebtes Kind ist, und dass es keine Opfer und keine Zugangsbeschränkungen gibt. Das alles, liebe Gemeinde, macht dieses Kind in der Krippe für die Welt so gefährlich. Weil es die Macht der Welt in Frage stellt. Weil es an den Priestern, den Reichen und Gewaltigen vorbei den Zugang für alle Menschen zu diesem Gott proklamiert. Deswegen wird dieser Jesus von Nazareth später sterben müssen. Weil er die Macht der Welt in Frage stellte und stattdessen von dem einen sprach, auf den zu vertrauen allein das Leben tragen kann.

Alles, was wir tun in diesen Tagen dient dazu, uns daran zu erinnern. Ja, uns hinzuweisen auf diese Wahrheit unseres eigenen Lebens. Die Wahrheit, die, wenn wir sie erkennen, benennen und zulassen uns verändern wird in unserem Denken und Handeln.

Dieses Kind in der Krippe wird später zu den Menschen vom Reich Gottes sprechen. Damit, liebe Gemeinde, meint es keinen Ort, zu dem man reisen könnte, so wie wir in Urlaub oder zu Besuch zu jemandem fahren. Das Reich Gottes entsteht vielmehr dort, wo diese Liebe, die Jesus verkündigt und gelebt hat, geschieht. Wo Menschen sich begegnen, einander verzeihen und neu beginnen. Wo Tod und Gewalt und Hass und Krieg nicht mehr das Sagen haben, sondern der Wille zum Neubeginn und zur Versöhnung. Wo Menschen aufgerichtet und geheilt werden, anstatt sie klein zu machen und jeder nur versucht, den anderen zu brechen.

Diese Wahrheit, liebe Gemeinde, liegt an Weihnachten in der Krippe und alle unsere Symbole sollen an sie erinnern. Das Grün des Baumes als Zeichen für den Lebensbaum im Paradies. Die Kerzen mit ihrem Licht: Sie haben das Dunkel überwunden. Die Kugeln in Erinnerung daran, dass wir teilen sollen von dem Reichtum, den wir haben. Der Stern als Angabe, wo mein Leben zu leuchten beginnen kann.

Das Weihnachtsfest als Wahrheitsfest. Lassen Sie sich heute und die kommenden Tage erneut berühren von dieser Wahrheit, die Ihre eigene Wahrheit – Ihr Fundament für die Gestaltung Ihres Lebens sein will. Lassen Sie sich anrühren von dieser Macht der Liebe Gottes, die so anders ist, als alle weltliche Macht. Und setzten Sie Ihr Vertrauen in diesen Weg, den Christus uns gezeigt hat. Dann kann auch für die Welt Weihnachten werden.

Und der Friede Gottes, der uns umfängt und behütet, wie es nichts anderes vermag, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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