Das verlorene Paradies oder der selbstsüchtige Riese nach Oscar Wilde (zu Genesis 3, 1-19.24)

„Wenn die Kinder am Nachmittag aus der Schule kamen, gingen sie für gewöhnlich in den Garten des Riesen, um dort zu spielen. Es war ein großer, wunderschöner Garten mit weichem grünen Gras. Hier und da standen prächtige Blumen sternengleich auf der Wiese, außerdem zwölf Pfirsichbäume, die im Frühjahr zarte Blüten in rosa und perlweiß hervorbrachten und im Herbst reiche Frucht trugen. Die Vögel saßen in den Bäumen und sangen so lieblich, dass die Kinder im Spiel innehielten, um ihnen zuzuhören. „Wie glücklich sind wir doch hier!“, riefen sie einander zu“ Es ist ein Paradies für Kinder, von dem Oscar Wilde in seinem Märchen vom selbstsüchtigen Riesen erzählt. Ein Garten, der erblüht, wenn fröhliches Kinderlachen in ihm erklingt, aber fest in der Hand der winterlichen Todeskälte bleibt, wenn die Fröhlichkeit, Unbeschwertheit und Verspieltheit der Kinder eigensüchtig wie vom Riesen vertrieben wird. Lange Zeit mussten die Kinder um den Garten mit seiner hohen Mauer herumschleichen, er war ihnen verschlossen, unerreichbar fern. Und doch: Ein kleines Kind wird es einmal sein, dass das Herz des Riesens erweicht, den Garten zu neuem Leben erweckt, ein Kind, nach dem er sich dann viele Jahre sehnen wird, weil es ihm nur einmal begegnet ist und keiner diesen Jungen zu kennen scheint, bis er ihm, mit Wundmalen an den Händen und Füßen, Wunden der Liebe, noch einmal begegnet, um den Riesen im Tod mit in seinen Garten, den Paradiesgarten zu nehmen.

Ich kann die Sehnsucht der Kinder nach dem Grün und dem Blühen der Bäume und der Blumen, dem Gesang der Vögel und der unbeschwerten Freude an der Schönheit der Natur so gut verstehen, jetzt wo die Schneeglöckchen blühen, die Krokusse auf den Wiesen schon bunt leuchten, die Knospen und Triebe an den Bäumen vom nahen Frühling erzählen. Die spielende Unbeschwertheit eines warmen Frühlingstages nimmt so viel von der Schwere des Lebens und der Zeit, vertreibt den Winter aus den Gedanken und Herzen. Irgendwie wünsche ich mir, dass so auch Frühling in den Umgang mit uns selbst und den Mitmenschen in unserer Gesellschaft einzieht. Mauern können keine Antwort sein, weder Mauern in den Köpfen, noch in den Herzen und erst recht nicht an den Grenzen. Im Märchen mauern sie den Winter im Garten ein, das Paradies ist in der Bibel hinter Mauern verloren, verloren im Misstrauen und in der Angst, verloren im Übermut und in menschlicher Überheblichkeit.

Der Riese wollte die Schönheit, den Reichtum und die Weite des Gartens für sich und verlor sie für eine lange traurige Zeit. Die Menschen wurden aus dem Paradies vertrieben, weil sie alles selbst in die Hand nehmen wollten, mehr dem ausgestreuten Misstrauen , dem gesäten Zweifel folgten, als der Erfahrung, vom Geber allen Lebens so fürsorglich beschenkt zu sein, dass sie sich keine Sorgen machen mussten. Sie meinten und meinen bis heute, es allein besser zu wissen und zu können. Die Unschuld haben sie verloren, auch die Unmittelbarkeit, mit Gott leben und umgehen zu können, die Selbstverständlichkeit, mit der alles fraglos und richtig ist, den Einklang mit sich, der Welt und Gott. „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, Gott“ – so hat Augustin am Anfang seiner Lebensbeichte, seiner Bekenntnisse, dieses Grundgefühl wunderbar tiefsinnig beschrieben. Die Erinnerung an das Paradies ist uns zumindest nicht verloren gegangen. Die Sehnsucht ist ebenso geblieben, wie die Spuren, die vom verlorenen Paradies erzählen. Jetzt im Frühling gehe ich wieder durch die Dörfer mit ihren Vorgärten und Höfen, über die Felder und Wiesen und die Verheißungen des Sommers sind schon zu erkennen. Ich gehe an den Ufern der Seen vorbei, sehe den Himmel sich im Wasser spiegeln, höre die ersten Rufe der Vögel und lasse mich auf eine Stille ein, die alles umfängt und denke: wie im Paradies.

Und ganz in der Nachbarschaft sind Gärten, die wir, wie einst Gott, angelegt haben als Oasen der Ruhe, aber auch der Begegnung. Ich kann botanisch auf Weltreise gehen, wenn ich die Gärten der Welt in Marzahn besuche oder mich an exotischen Pflanzen im botanischen Garten erfreue. Der Mensch ist ja schöpferisch wie Gott, kunstvoll und liebevoll im Umgang mit der Natur und dann im nächsten Augenblick zerstörerisch, selbstsüchtig und überheblich, wenn er meint, seine heile Welt vor anderen abschotten zu können, den Reichtum und die Vielfalt für sich allein behalten zu dürfen, Gott nicht mehr im Mitmenschen zu entdecken vermag, die Schöpfung nur noch als Ding missbraucht und das Leiden der Kreatur, das Leiden der Schöpfungswelt ignoriert. Ich stehe oft vor einer hohen Mauer, wie die Kinder vor dem Garten des Riesen ,oder fühle mich nackt, hilflos und vertrieben, auf mich zurückgeworfen und überfordert wie Adam und Eva, wie der Mensch von Generation zu Generation – nichts anderes meinen die Namen Adam und Eva und ihre Menschengeschichte seit alter Zeit – und bin unfähig, Welt und Leben wirklich allein verantworten zu können.

Wie gerne wäre ich am Abend in der Abendkühle mit Gott im Garten unterwegs, wie mit einem guten Freund, dem Gefährten, der Gefährtin meines Lebens, ohne Fragen und ohne Zweifel, ohne Sorgen um die Zukunft und meines Lebens und meiner Hoffnung gewiss. Wie einfach und unkompliziert wäre dann das Leben. Stattdessen erlebe ich den Fluch nicht nur des Ackers, wenn der Sand und die Trockenheit die Saat eingehen lassen. Ich erlebe den Fluch des Neides und des Hasses, der Menschenleben kostet, ich sehe den Fluch der Gier, der die Welt in Ungerechtigkeit stürzt, und Menschen bewegt oder zwingt zu fliehen, den Verlockungen der vermeintlicher Paradiese zu folgen oder einfach nur auf ein besseres Überleben an anderem Ort zu hoffen. Ich erschrecke angesichts des Fluches menschlichen Einfallsreichtums zu streiten und zu kämpfen. Die Waffen schweigen einfach nicht und die Toten klagen an, die Toten in unserer Vergangenheit, eben kein Vogelschiss, die Toten auf den Schlachtfeldern der Gegenwart nicht nur in Syrien, aber auf im Mittelmeer.

Was mit der harmlosen Frage begann, ob Gott das alles wirklich so gemeint haben sollte, hat bis in die Gegenwart hinein furchtbare Folgen gehabt. Die Mechanismen und Prinzipien sind die Gleichen geblieben.

Wo nicht mehr dem Wort des anderen geglaubt wird, wo der Bruder, die Schwester neidisch angeschaut wird, wo der Mensch Gott von seinem Thron stoßen und dessen Platz einnehmen will, da geht das Paradies verloren, da zieht der Winter ein oder wie es bei Oscar Wilde heißt: so war anhaltender Winter im Garten; und der Nordwind, der Hagel, der Frost und der Schnee tanzten im Wechsel zwischen den Bäume herum. 

Nun haben wir diesmal gar keinen richtigen Winter gehabt, der ja auch paradiesisch schön sein kann, aber wir ahnen, was gemeint ist. Es geht frostig unter uns zu. Liebe, Menschenfreundlichkeit, Neugierde und Offenheit scheinen viele sich nicht mehr leisten zu wollen. Ton und Umgang sind rauh geworden und hinterlassen an Leib und Seele deutliche Spuren und Wunden. Der Garten scheint zur Wüste verkommen oder im ewigen Eis gefangen zu sein. Angst und Gewalt sind mittlerweile Wegbegleiter. 

Mitten in solchem Leiden erzählt die Bibel noch eine andere Gartengeschichte. Der Garten Gethsemane war in der Zeit Jesu schon mit Ölivenbäumen bepflanzt, bot Rückzugsmöglichkeiten, Natur vom Menschen angelegt und gepflegt, dem Menschen zum Nutzen. Man kann ihn heute noch aufsuchen. Jesus betete dort in seiner Angst kurz vor seinem Tod, von Menschen verraten und verkauft, allein, als er hätte Freunde und Wegbegleiter gebrauchen können, und war dennoch Gott  so nah wie nie, in diesen Augenblicken des Gebetes, mitten im Leiden und im Angesicht seines Todes, mitten im Garten Gethsemane. Es ist eine Gegengeschichte zur Paradiesgeschichte, weil sie Gott zurückholt in unser Leben, ihn gerade dann verspricht, wenn alles gegen ihn und seine Nähe zu sprechen scheint, weil sie Mut macht, hinter die Lebens-Dinge zu schauen und nicht nur dem äußeren Anschein im Leben zu glauben, im Leiden Gottesnähe statt Gottesferne zu glauben: was im Winter abgestorben zu sein scheint, wartet doch nur auf den Frühling, auf das neue Leben. Licht und Wärme lassen Schnee und Eis tauen, auch das Eis zwischen Menschen und in einer Gesellschaft. Was wie Tod aussieht, wird einmal nach Leben schmecken, nicht nur einen Augenblick lang, sondern in Ewigkeit.

Wenn einer fragt, was wir denn ausrichten können, als Christen, als kleiner werdende Minderheit, dann können wir doch antworten: es braucht nicht mehr als die Taten der Liebe und das meint Taten aufrichtiger, gegenseitiger Achtung, Respekt vor- und Einsatz füreinander, offene Augen und Ohren für das Leiden der Kreatur und Vertrauen, dass Gott sagt, was er meint (darin unterscheidet er sich von Menschen….). Vertrauen, dass Gott uns nicht allein lässt, dass er sich vom Leiden der Menschen anrühren und bewegen lässt und sich nicht zurückzieht. Es braucht ein kindliches Gemüt, dass Gott Vater und Mutter sein lässt, und die Selbstverständlichkeit sich von Gott in seiner Güte beschenken und fürsorglich begleiten zu lassen. Es braucht ein Lachen und es braucht das ungezwungene absichtslose Spiel der Kinder. Oscar Wilde hat dies in seinem Märchen mit dem Kind und den Wundmalen der Liebe wunderbar bildhaft beschrieben.

Das Kind lächelte am Ende den Riesen an und sagte ihm: du hast mich einst in deinem Garten spielen lassen, heute sollst du mit mir in meinen Garten kommen – das Paradies. Und als die Kinder am Nachmittag in den Garten gelaufen kamen, fanden sie den Riesen tot auf – er lag unter dem Baum und war über und über mit weißen Blüten bedeckt.

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