Das Maß des Menschlichen (Jahreslosung 2012)

Predigt 2. Korinther 12,9 (Jahreslosung 2012) von Pfarrer Johannes Taig

Paulus schreibt:
1 Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.
2 Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel.
3 Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –,
4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann.
5 Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit.
6 Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.
7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.
8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche.
9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.
10 Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.


Liebe Gemeinde,

der Schriftsteller Botho Strauss erzählt in seinem Buch „Die Fehler des Kopisten“ (Hanser, 1997) von einem Besuch mit seiner Mutter bei der Tante, die von einer Krebskrankheit grausig entstellt im Sterben liegt:

„Freust du dich denn, dass der Junge gekommen ist?“ fragte die Mutter. „Und wie“, antwortete die Tante, ohne eine Regung auf ihr Gesicht zu lassen. Aber es war wohl nicht der Tumor, der eine faziale Lähmung oder dergleichen bewirkt hätte. Es war schon das angehaltene, das Endgesicht, das keine Bewegung der Seele mehr wiedergab. Es war keine Unterhaltung mehr möglich. Den Lippen entschlüpfte hie und da ohne Anlass eine Silbe der Artigkeit … „Ja. Danke.“ Und zuletzt die Frage aller Tage: „Was gibt es denn zu essen?“

Sie war nicht mehr bei Bewusstsein. Aber was mochte sich noch rühren unter der starren Haut, mit der der Tod ihr Gesicht schon überzogen hatte? Ich dachte, welch höllische Einsamkeit muss sie zuletzt vor der Grenze ertragen: keinen Ausdruck mehr zu besitzen, doch alles noch zu hören, zu empfinden – und womöglich zu einer großen Antwort bereit, die sie nicht mehr nach außen bringen kann …

Als ich Tage später auf den Bahnhöfen die schnell bewegten Fleischklumpen sah, da dachte ich wieder an die knochige Schulter der Sterbenden, die unter dem Nachthemd hervorstach. Das ist eine Materie, das ist ein Fleisch, die satten Wülste, die über den Gürtel hängen und dieser spitze Schulterknochen. Der muntere Mensch „bei Bewusstsein“ schien mir indessen weit ärger entstellt als der von Tod und Tumor gezeichnete.“(S. 147f.)

Zum Glück besteht das Buch nicht bloß aus solch traurigen Betrachtungen. Es enthält wundervolle und anrührende Beschreibungen über die ersten gemeinsamen Jahre des Autors mit seinem Sohn. Aber am Ende fasst der Schriftsteller sein Fazit in zwei Sätze: „So viel Vorgeschmack auf die Hölle. So wenig Nachgeschmack vom Paradies.“(S. 107)

Wenn wir unseren heutigen Predigttext betrachten, hätte der Apostel Paulus diese beiden Sätze sofort unterschrieben. Ja, er kennt Momente der Gottseligkeit und des Glücks. Er hat hineingeschaut ins Paradies. Aber er weiß schon gar nicht mehr, ob er das selber war. Verweile Augenblick, du bist so schön! So haben wir selbst vielleicht, oder besser hoffentlich, schon oft in unserem Leben geseufzt unter einem blauen Himmel mit weißen Wolken, den Duft von Frühlingsblumen in der Nase, in den Armen eines geliebten Menschen und vor uns nichts als rosige Zukunft. Aber ach, die Momente des Glücks verweilen nicht. Die Jahre decken sie mit grauem Alltag zu.

Die Nadelstiche des Todes haben auch den Apostel Paulus ein Leben lang begleitet. Er redet von einem Pfahl im Fleisch, als würde ein Engel des Satans ihn mit Fäusten traktieren. Krämpfe, die anfallartig kamen und meistens zur Unzeit, raubten dem Apostel die Kontrolle. Das ist, schreibt Paulus, damit ich, der ich ins Paradies geschaut habe, nicht vergesse, was unser Leben eigentlich ist: Voller Ohnmacht, schwach und zerbrechlich. Etwas, was wir weniger führen, als vielmehr erleiden. Etwas, das weniger dem Aufstieg gleicht, sondern dem Fall.

Wer von uns hält solche Aussichten aus? Fitness, Wellness und Fun ist rund um die Uhr angesagt. Durch die Fernsehwerbung hüpfen lauter junge und gesunde Milchschnitten. Sogar unsere Alten- und Sterbeheime haben schöne Fassaden. Dahinter schaut keiner, wenn er nicht muss. Leben wir heute mehr denn je in einer Gesellschaft, die mit der Wahrheit über das Wesen des Menschen nicht leben will, weil sie es vielleicht gar nicht kann?

Sich der Wahrheit stellen, wie sie der Autor im spitzen Schulterknochen seiner sterbenden Tante erblickt, fällt schwer. Und der Apostel Paulus lässt keinen Zweifel daran, woher ihm die Kraft und die Stärke zuwächst, all dem ins Auge zu sehen. Seine Kraft kommt aus dem Glauben. Sie ist Christuskraft, nicht Menschenkraft. Sie ist nur und ausschließlich Christuskraft. Es ist die Kraft, die in den Schwachen mächtig ist.

Es gehört für mich zu den bewegenden Stellen der Bibel, dass der Christus dem Apostel, der wie kein anderer sein memento mori mit sich herumtrug, ein Wort zukommen lässt, das sich in den Evangelien nicht findet; als ob der Christus nach seiner Himmelfahrt, seinem Evangelium noch etwas hinzufügt. Ein Wort wie ein Integral der ganzen Trostkraft seines Lebens und Sterbens für uns und unsere Welt.

Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Das ist ein Wort von elementarer und existentieller Wucht. Es hebt den Seinsgrund unserer Existenz auf ein neues Fundament. Ganz unten im Abgrund unserer Existenz befindet sich nicht die Erde unseres Grabes, sondern die Schultern des Christus. Und wenn wir fallen, dann nicht Tod und Teufel in die Hände, sondern in die Arme des Christus. Leben ist nicht freier Fall, sondern Heimkehr.

Deshalb schreibt und predigt in die falsche Richtung, wer behauptet, Gott sei immer auf der Seite der Schwachen. Als gäbe es noch die Seite der Starken. Schwachheit, die nur einen Teil der Menschheit betrifft, ist Schwachheit bis auf Weiteres, ein grundsätzlich zu milderndes oder zu beseitigendes Übel. Schwachheit, die zu beheben ist, sollten wir gefälligst beheben. Wer den Gott auf der Seite der Schwachen predigt, der sollte wohl aufpassen, dass er nicht den Zynikern der Macht zuarbeitet, die sagen, wer nichts hat, nichts kann, nichts weiß und nichts ist, der könne ja immer noch in die Kirche gehen und beten. Das gibt Lacher am kalten Büffet.

Hierhin gehört die Kritik an einer Turbogesellschaft, die vom Maß des Menschlichen nichts mehr wissen will und in der ausgebrannte, abgearbeitete und kranke Menschen nichts mehr wert sind. Wie lebenswert ist eine Gesellschaft noch, in der sich der materielle Reichtum ständig mehrt, die aber sozial und menschlich ins Elend fällt? Zurecht hat der bayerische Landesbischof Bedford-Strohm in seiner Weihnachtsbotschaft 2011 mehr sozialen Reichtum angemahnt.

Und vom Theologen Eberhard Jüngel können wir gar nicht oft genug daran erinnert werden: „Kinder und Alte repräsentieren auf natürlichste Weise den unbedingten Vorrang der Person vor ihren Taten. Sie sind ja primär Nehmende und können für ihr Dasein noch nichts oder nichts mehr tun. Nur wenn wir sie als solche, die für ihr Dasein noch nichts oder nichts mehr tun können, als eine Wohltat empfinden, nur wenn wir, statt nach ihrem – auf- oder abwertbaren – Wert zu fragen, ihre Würde respektieren, strahlen unsere Gottesdienste das Evangelium so in den Alltag der Welt aus, dass unsere Leistungsgesellschaft eine menschliche Gesellschaft genannt zu werden verdient. Entsprechendes gilt für unseren Umgang mit Kranken, und zwar nicht nur für unseren privaten Umgang, sondern auch für den sich in der Sozialgesetzgebung ausweisenden gesellschaftlichen Umgang mit den kranken Menschen.“ (Eberhard Jüngel, Das Evangelium von der Rechtfertigung des Gottlosen als Zentrum des Christlichen Glaubens, Mohr, 1999/3, S.229)

Schwachheit, von der der Apostel spricht, ist Grundkondition unseres Menschseins. Wir können diese Wahrheit verdrängen, bis sie uns einholt. Dass sie das wird, ist so sicher, wie das Amen in der Kirche. „Wir alle fallen/ diese Hand da fällt/ und sieh dir andre an/ es ist in allen …“ (R.M. Rilke, Herbst). So viel Vorgeschmack auf die Hölle. So wenig Nachgeschmack vom Paradies.

Im Angesicht dieser Wahrheit dürfen wir mit dem Apostel ein leuchtendes Geheimnis betrachten, das zum Geheimnis unseres Lebens wird. In ihm steckt sogar die Lasskraft, Abschied zu nehmen von unseren verlorenen Paradiesen. In die Hohlform unserer Schwachheit ergießt sich die Kraft des Christus. Wenn unser Zeiger gen Mitternacht wandert, leuchtet sein Licht auf. Mögen Tod und Teufel uns ihren Dorn ins Fleisch rammen! Sie wissen noch nicht, dass es Splitter vom Kreuz Christi sind, mit denen sie uns nur noch mehr mit unserem Herrn verbinden, der zu uns sagt:

Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Da darf es dann aus und vorbei sein mit der verzweifelten Verlustangst, mit der wir die Wahrheit über uns selbst verdrängen und uns unsere Menschlichkeit verstellen und entstellen. Da darf dann Schluss sein, mit all den Überheblichkeiten, mit denen wir uns an uns selbst und unserer Welt überheben. Christuskraft stellt das wahre Maß des Menschlichen her. Es gibt kein Gesicht, das wir zu verlieren hätten, außer seinem. Deshalb dürfen wir die Masken abnehmen, mit denen wir uns voreinander und vor dem Tod verstecken, auch der sterbenden Tante ins Gesicht sehen und bei Rilke fertig lesen:

„Wir alle fallen/ diese Hand da fällt/ und sieh dir andre an/ es ist in allen/ und doch ist einer/ welcher dieses Fallen/ unendlich sanft in seinen Händen hält.“

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