Das Licht in der Nacht

Liebe Weihnachtsgemeinde,

ich freue mich, dass wir heute alle hier in dieser Kirche uns versammelt haben, um miteinander zu singen, zu beten und das Wort Gottes für diese Heilige Nacht zu hören. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, in solchen Nächten, die noch etwas bewahrt haben von der Heiligkeit und dem Geheimnis, um das es dort geht: die Welt, in der wir leben wird für einen Augenblick stiller: Kinos und Kneipen haben nur noch vereinzelt auf, Autos fahren weniger, die Geräusche draußen werden leiser. Ich persönlich habe diese Zeit immer sehr genossen, das Eintauchen in eine Welt voller Weihnachtsglanz und alten Ritualen an den heiligen Abenden, oft im Kreise der Familie oder mit guten Freunden. Für einen Augenblick wirklich selbst stille werden und die Spannung spüren, die in der Luft knistert und ein wenig ahnen, von der Macht und Kraft Gottes, die sich in dieser Krippe zu Bethlehem gezeigt hat. Vielleicht sind Sie, die vielen, die sonst im Kirchenjahr kaum mehr die Zeit finden, den Gottesdienst zu besuchen, ja deswegen heute hier. Und tatsächlich kann diese Nacht etwas durchbrechen von dem, was den Christen so wichtig ist, wenn man sie nicht gleich wieder zudeckt, sondern sich für einen Moment öffnet und sich angreifbar macht: alle schützenden Hüllen seiner Person für einen Augenblick senkt und sich zeigt, wie sich dieses neugeborene Kind in der Krippe gezeigt haben dürfte: schutzlos und angewiesen, aber gerade deswegen ungeheuer beeindruckend. Das wünsche ich Ihnen zumindest, dass sie solche Erfahrungen heute machen können und Sie in der Tiefe Ihres Herzens angerührt werden von dieser Heiligen Nacht. Alles andere soll dann freilich auch noch kommen dürfen: das gute Essen, der gute Tropfen, die Gespräche am Tisch und unter dem Weihnachtsbaum und natürlich auch: die Geschenke. Wer selbst beschenkt worden ist, der kann auch selber weiter schenken: nämlich mit Freude im Herzen.

Das ist aber nur die eine Seite der Nacht – dort am Rande des Dunklen eine Kraft und eine Innigkeit zu verspüren, die wir unserem Gotte zuschreiben wollen. Aber die Nacht ist noch mehr – die Nacht, wie wir sie oft genug erleben und kennen: die Unruhe der Nacht: das Alleinsein – wie viele sind es heute wohl unter Ihnen: allein am Heiligen Abend? Die Traurigkeit, die gerade heute hochkommen will, etwa über den Verlust von geliebten Menschen. Die Verzweiflung, die einen umso stärker drückt, als um einen herum scheinbar doch alle so fröhlich feiern. Auch das, liebe Gemeinde, ist die Nacht und vielleicht ist sie deswegen ein so gutes Bild für die Geburt unseres Gottes, weil sie beides erahnen lässt: die Herrlichkeit und die Niedrigkeit, die Freude und die Angst. In so einer Nacht kam einst ein Mann mit Namen Nikodemus zu Jesus, um mit ihm zu reden. Und Jesus nahm ihn zu sich, in dieser Nacht, und redete mit ihm auf eine Art und Weise, wie es nur einer tun kann, der selbst die Nacht überwunden hat. Dies sind die letzten Worte, mit denen er Nikodemus wieder entlässt, hinaus in seine eigene Nacht. Wir hören sie nach dem Evangelium des Johannes:

[TEXT]

So können nur Menschen miteinander sprechen, die schon lange im Gespräch sind und wir, die wir nur hineinhören in dieses Gespräch, brauchen nicht alle Wendungen und Sätze zu erfassen. Aber eines bleibt uns doch in dieser Nacht: Jesus spricht vom Licht, das die Nacht erhellt und zu den Menschen kommt. Lichter, wie wir sie heute auch haben: am Baum etwa oder an den Fenstern; Lichter, die angeben, welche Hoffnung der Menschheit sich dahinter verbirgt, nämlich die Nacht der Angst und der Finsternis endgültig zu überwinden. Nikodemus ist auf der Suche nach einer Antwort, wie das sein kann: diese Dinge der Nacht zu überwinden, den Zweifel, die Angst, die Einsamkeit, ja selbst das Leid und den Tod. Und er kommt in der Nacht zu Jesus mit all seinen Fragen, vielleicht, weil die Nacht ihn durchlässiger gemacht hat und empfänglicher. Manchmal, liebe Gemeinde, ertappe ich mich dabei, dass ich selbst gar nicht mehr suche, gar nicht mehr frage, weil ich als einziges Mittel gegen die Dunkelheit der Nacht nur noch die Gewohnheit und das Alltägliche setzen kann: mich einzuspuren auf das, was scheinbar alle machen, seinen Trott zu gehen und das Denken und Fragen einzustellen. Gleichzeitig aber bleibt eine Sehnsucht ungestillt – nämlich mehr zu finden, mehr zu spüren, mehr zu wissen, von dem, was mich und mein Leben eigentlich ausmacht, mich trägt oder mich sendet. Etwas näher an das zu kommen, was mich umtreibt. Vielleicht war dieser Nikodemus ganz ähnlich gestrickt, denn äußerlich ging es ihm sehr gut – so wie den meisten von uns hier. Aber innerlich muss etwas gewesen sein, was ihn nächtens zu Jesus trieb, um seine Fragen beantwortet zu bekommen. Ich glaube, dass dies einer der Wege ist, wie sich Gott uns offenbaren will: in diesem Kleinen, in diesen Dingen, an denen wir oft schwer zu kauen haben, an den Rändern unseres Lebens. Die Nächte der Angst und der Einsamkeit tragen in sich ein Hoffnungszeichen für jeden, der bereit ist, es anzunehmen. Sie tragen einen Hinweis in sich, genauso wie unser Leid und unser Schmerz.

Einen Hinweis auf das Licht, das in der Nacht zu finden ist und strahlt wie ein Stern, der uns einen Weg weisen möchte. Sind das nicht die Worte, die Jesus verwendet: "Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet werden; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet."? Wer in seiner Nacht sich den Weg zur Krippe zeigen lässt und die Wärme und den Glanz unseres Gottes dort zu spüren bereit ist, der ist bereits dabei, seine Nacht zu überwinden. Nikodemus war einer von denen, die sich aufgemacht haben in der Nacht. Genauso wie die Heiligen Drei Könige, wie wir sie nennen, die Sterndeuter dem hellen Nachtstern nachgefolgt sind. Genauso wie die Hirten sich aufgemacht haben in der dunklen und kalten Nacht, um zu Gott zu gelangen. "Wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet." Wer sich kein Licht zeigen lässt, weil es sein Intellekt nicht zulässt, wer sich sicher ist, alles nur alleine lösen zu können, wer die Nacht der Welt als Dauerzustand hingenommen hat, der wird sein Haupt nicht heben, um den Stern sehen zu können, der wird sich vom Lichtglanz der Verkündigungsengel nicht anstahlen lassen, weil er ihn gar nicht sehen kann. Unser Licht, liebe Gemeinde, welches in die Nacht der Welt kommt, ist das Licht Christi. Es kommt, wie Christus selbst gekommen ist: klein, schutzlos, arm und schwach. Es findet sich im Kranken, im Leiden, an den Rändern des Lebens: so wie Jesu Leben selber war. Und dennoch: das ist das Wunder von Weihnachten, es ist das Wunder unseres Glaubens: dennoch besitzt es eine Kraft und eine Macht, eine Stärke und einen Glanz, dem ich persönlich gegenüber nichts Größeres und Kräftigeres, nichts Stärkeres und Machtvolleres erfahren habe. "Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben."

So lade ich Sie ein, liebe Gemeinde, sich heute Nacht wieder aufs Neue beschenken zu lassen von dieser Botschaft, die Gott mit seinem Sohn in die Welt gesandt hat. Wenn Sie sich öffnen und die Nacht an sich heranlassen und Sie etwas spüren von der echten Heiligkeit, die diese Geburt noch heute haben kann, dann blicken Sie auf und sehen den Stern und das Licht, das Gott in diese Welt gebracht hat und Sie werden es erleben, wie auch in Ihren normalen Nächten, in den Nächten des Alltags und des Leides und in den Nächten der Angst Ihnen eine Hilfe zukommt, die Ihr Leben wandeln und tragen kann, so dass sie schließlich zu denen gehören, denen versprochen wurde: "Ihr werdet nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben."

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