Das leere Ei

Liebe Gemeinde,

gestern Abend im Fernsehen: Blutüberströmt und fertig gemacht fiel einer um als letzter von allen, das war ein Western. Heute morgen in der Kirche: Blutüberströmt und fertig gemacht stand einer auf als erster von allen, das war Ostern.

Begreifen wir wirklich, was da an Ostern passiert ist. Dazu will ich eine Geschichte erzählen: Jonathan war körperlich und geistig leicht behindert zur Welt gekommen. Als er zwölf Jahre alt war, ging er mit viel jüngeren Kindern zusammen in eine Klasse. Es hatte den Anschein, dass er einfach nicht lernen konnte. Oft brachte er seine Lehrerin Frau Müller schier zur Verzweiflung, wenn er sich auf seinem Stuhl hin und her wand, vor sich hinstarrte und dabei fremde Geräusche von sich gab … Es gab allerdings auch Augenblicke, in denen Jonathan klar und deutlich sprach gerade so, als sei ein Lichtstrahl in die Dunkelheit seines Gehirns gedrungen. Die meiste Zeit jedoch empfand sie es als ausgesprochen unbefriedigend, Jonathan zu unterrichten. Eines Tages rief sie seine Eltern an und bat sie zu einem Gespräch in die Schule. Als das Ehepaar schließlich in dem leeren Klassenzimmer schweigend vor ihr saß, eröffnete sie ihnen: "Jonathan gehört eigentlich in eine Sonderschule. Es ist nicht gerecht ihm gegenüber, dass er immer mit viel jüngeren Kindern zusammensein muss, die zudem keine Lernbehinderung haben. Schließlich ist er drei Jahre älter als seine Mitschüler!"

Seine Mutter weinte leise in ihr Taschentuch, während ihr Mann das Wort ergriff. "Frau Müller", sagte er zögernd, "es gibt hier in der Nähe keine derartige Schule. Für Jonathan wäre es ein furchtbarer Schock, wenn wir ihn aus seiner gewohnten Umgebung herausnehmen müssten. Ich weiß, dass es ihm hier in dieser Schule sehr gut gefällt." Nachdem beide gegangen waren, saß Frau Müller noch lange auf ihrem Platz am Fenster und starrte hinaus auf den neugefallenen Schnee. Seine Kälte schien langsam in ihr Herz hineinzukriechen. Einerseits empfand sie Mitleid mit den Eltern. Schließlich hatten sie nur dieses eine Kind, und das war unheilbar krank. Aber andererseits war es einfach nicht zu verantworten, Jonathan in dieser Klasse zu lassen. Außer ihm hatte sie ja noch vierzehn andere Kinder zu unterrichten, für die seine Anwesenheit nur eine ständige Ablenkung bedeutete. Außerdem er würde sowieso nie lesen und schreiben lernen. Warum also sollte sie sich noch länger abmühen und ihre Zeit an ihn verschwenden? Während sie so über die ganze Situation nachdachte, wurde sie plötzlich von eine starken Schuldgefühl überfallen. "O Gott", sagte sie halblaut, "ich sitze hier und klage, während meine Schwierigkeiten doch gar nichts sind im Vergleich zu denen dieser armen Familie! Bitte hilf mir mehr Geduld mit Jonathan zu haben!" Von nun an gab sie sich all Mühe, Jonathans Geräusche und seine stierenden Blicke einfach nicht zu beachten. Eines Tages humpelte er plötzlich auf ihr Pult zu, wobei er sein lahmes Bein hinter sich her zog. "Ich liebe Sie, Frau Müller!" rief er laut genug, daß die ganze Klasse es hören konnte. Die Kinder kicherten, und sie bekam einen roten Kopf. "Also", stammelte sie, "das ist ja sehr schön, Jonathan. Aber setz dich jetzt bitte wieder auf deinen Platz!"

Der Frühling kam, und die Kinder unterhielten sich angeregt über das bevorstehende Osterfest. Sie erzählte ihnen die Geschichte von der Auferstehung Jesu, und um den Gedanken des hervorkeimenden neuen Lebens zu unterstreichen, gab sie abschließend jedem Kind ein großes Plastikei. "Hört zu", sagte sie, "ihr sollt das Ei mit nach Hause nehmen und es morgen wieder mitbringen mit etwas darin, das neues Leben zeigt. Habt ihr mich verstanden?" "Na klar, Frau Müller!" riefen die Kinder begeistert alle außer Jonathan. Er hörte aufmerksam zu, seine Augen unverwandt auf ihr Gesicht geheftet. Nicht einmal seine merkwürdigen Geräusche waren zu hören. Ob er wohl begriffen hatte, was sie über den Tod und die Auferstehung Jesu gesagt hatte! Und verstand er, welche Aufgabe sie den Kindern gestellt hatte! Vielleicht sollte sie lieber seine Eltern anrufen und es ihnen erklären. Als Sie am späten Nachmittag nach Hause kam, stellte sie fest, dass der Abfluss in ihrer Küche verstopft war. Sie rief den Vermieter an und wartete dann eine volle Stunde, bis er endlich kam und die Sache in Ordnung brachte. Anschließend musste sie noch einkaufen, bügeln und einen Vokabeltest für den nächsten Tag vorbereiten. So kam es, dass sie den Anruf bei Jonathans Eltern völlig vergaß …

Am folgenden Morgen stürmten ihre fünfzehn Kinder aufgeregt in den Klassenraum, um den großen Weidenkorb auf dem Tisch ihrer Lehrerin mit den mitgebrachten Plastikeiern zu füllen. Aber erst nach der Mathematikstunde durften die Eier geöffnet werden. Im ersten Ei befand sich eine Blume. "O ja", sagte Doris, "eine Blume ist wirklich ein Zeichen neuen Lebens. Wenn die ersten grünen Spitzen aus der Erde ragen, wissen wird, dass es Frühling wird." Ein kleines Mädchen in der ersten Reihe winkte heftig mir der Hand. "Das ist mein Ei, Frau Müller", das ist meins!" rief sie dabei laut. Das nächste Ei enthielt einen Plastik-Schmetterling, der richtig lebendig aussah. Sie hielt ihn in die Höhe. "Wir wissen alle, dass aus einer hässlichen Raupe ein wunderschöner Schmetterling wird. Ja, auch das ist ein Zeichen für neues Leben." Die kleine Judith lächelte stolz und sagte: "Das ist von mir, Frau Müller. Als nächstes fand sie einen Stein, mit Moos bewachsen. Sie erklärte der Klasse, dass Moos ebenfalls ein Beweis für Leben sei. Willi aus der letzten Reihe meldete sich zu Wort: "Mein Papa hat mir beim Suchen geholfen!" verkündete er strahlend. Sie öffnete nun das vierte Ei, es war merkwürdig leicht und holte tief Luft: Das Ei war leer! "Das ist bestimmt Jonathans", dachte sie. "Natürlich hat er nicht verstanden, was er damit machen sollte. Hätte ich doch bloß nicht vergessen, seine Eltern anzurufen!" Und weil sie ihn nicht in Verlegenheit bringen wollte, legte sie dieses Ei, ohne ein Wort zu sagen, beiseite und griff nach dem nächsten. Da meldete sich plötzlich Jonathan. "Frau Müller", sagte er, "wollen Sie denn nicht über mein Ei sprechen!" Verwirrt gab sie zurück: "Aber Jonathan dein Ei ist ja leer!" Er sah ihr offen in die Augen und meinte leise: "Ja, aber das Grab Jesu war doch auch leer!"

Eine ganz Weile sprach niemand ein Wort. Als die Lehrerin sich endlich wieder gefangen hatte, fragte sie: "Jonathan, weißt du denn, warum das Grab leer war?" "O, ja", gab er zur Antwort. "Jesus wurde getötet und ins Grab gelegt. Aber dann hat ihn sein Vater wieder lebendig gemacht!" Die Pausenglocke schellte. Während die Kinder aufgeregt nach draußen auf den Schulhof stürmten, saß sie wie betäubt da und hatte Tränen in den Augen. Das Eis, das sich noch in ihrem Herzen befand begann zu schmelzen. Dieser zurückgebliebene, rätselhafte Junge hatte die Wahrheit der Auferstehung besser verstanden als alle anderen Kinder. Drei Monate später war Jonathan tot. Die Leute, die in die Friedhofskapelle kamen, um von dem toten Kind Abschied zu nehmen, wunderten sich nicht wenig: Oben auf dem Sarg waren fünfzehn leere Eierschalen zu sehen. So weit diese Geschichte, das ist Ostern.

Die Botschaft der Auferstehung enthält eine gute und eine schlechte Nachricht: die gute besteht darin, dass der Tod überwunden ist, besiegt wird und nicht mehr das letzte Wort hat. Aber auch die schlechte Nachricht darf nicht überhört werden: Auferstehung aller Menschen bedeutet auch, dass der Tod keine Zuflucht mehr darstellt, die vor Gott oder der Verantwortung des Lebens in ihm Zuflucht suchen. Es ist das Ende der Hoffnung, es gäbe ein endgültiges Aus, ein Ende. Das könnte manchem so passen, dass es keine Auferstehung gäbe, dass dieses Leben alles wäre und danach nur die Ruhe, das Ende, das Aus. Und es gibt viele Menschen, die glauben, mit dem Tod ist alles aus. Stellvertretend für viele möchte ich ein Interview mit dem Schriftsteller Johannes Mario Simmel im Spiegel zum Thema Tod und Sterben zitieren:

Spiegel: "Wie möchten Sie aus diesem Leben scheiden?"
Simmel: "Nach einem glücklichen Erlebnis. Man muss ja praktisch jeden Moment damit rechnen, dass sich aus tiefer Dunkelheit eine Stimme erhebt und spricht: ‚Herr Simmel, Sie befinden sich mit einem schweren Herzinfarkt auf der Intensivstation.‘ Darum lege ich immer großen Wert auf stets frisch geschnittene Fußnägel und saubere Unterwäsche. Ich möchte eigentlich aber noch eine Weile am Leben bleiben, um zu sehen, bis zu welchem Wahnsinn die Menschheit es treibt."
Spiegel: "Wenn jedoch Freund Hein endgültig zur letzten Ruhe einwinkt – wem möchten Sie um keinen Preis im Jenseits begegnen?"
Simmel: "Was soll denn das heißen, im Jenseits? Wollen Sie mich in Panik versetzen? Wenn ich tot bin, muss Schluss sein, sonst sterbe ich nicht! Die 70 Prozent Wasser, aus denen der Körper besteht, gehen zum Himmel rauf und kommen als Regen zurück; von den verbliebenen anorganischen Salzen sollen Blumen und Bäume blühen. Das ist ewiges Leben, wie ich es mir wünsche."

Das könnte dem Herr Simmel so passen, sich klammheimlich aus der Verantwortung zu stehlen. Er wird auferstehen und sein Leben im Gericht vor Gott verantworten müssen. Die Christen wären nach Paulus die bedauernswertesten unter den Menschen, wenn es keine Auferstehung gäbe, nicht die Materialisten, Genussmenschen oder Atheisten. Ohne Auferstehung von den Toten blieben die Opfer von Unrecht und Gewalt die elendesten Menschen, nicht die Täter. Viele Menschen verstehen die Botschaft von der Auferstehung selbst schon als reine Heilsbotschaft. Die danach folgende Bemerkung vom Gericht wird gerne überhört. Gerettet wird nur, wer zu Jesus Christus gehört.

Oft hört man in Gesprächen mit Trauernden die Meinung, der Tod habe den schweren Kampf gegen die Krankheit beendet, er sei das Ende der Schmerzen und des Kampfes und damit so etwas wie Erlösung vom schweren Sterben. Nicht den Tod fürchten die meisten Menschen, sondern das Sterben, die Schmerzen, den Kampf vor dem Tod. Diese Sichtweise verharmlost den Tod. Das Osterevangelium demaskiert den Tod und zeigt ihn als den, der er ist, als den letzten Feind. Der Tod ist ja nicht das Ende des Sterbens und der Krankheit. Umgekehrt: die Krankheit ist ein Vorbote des Todes, der verlängerte Arm des Todes, der in das Leben eines bis dahin gesunden Menschen hineingreift. Die Schmerzen, die das Sterben so qualvoll machen können, sind ja Vorboten und Vorkämpfer des Todes, der im Sterben den endgültigen Sieg über das Leben davonträgt. Wenn der Tod am noch lebenden und gegen ihn kämpfenden Menschen solche Zerstörungs- und Vernichtungskräfte entfaltet, wie viel mehr dann, wenn er den Sieg über das Leben errungen hat!? Wir können das Sterben nicht vom Tod trennen. Sterben ist das langsame oder schnelle Vordringen des Todes in ein Leben hinein. Der Tod ist nicht das Ende des Sterbens, sondern der Sieg des Sterbens. Aber spätestens seit Ostern wissen wir, dass es nur ein vorläufiger Sieg ist. Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.

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