Das Leben ist eine Reise (Bay. EG 994)

Bay. EG 994

Liebe Taufgemeinde

– die Eltern von N.N. haben sich bei der Auswahl des Taufspruchs unser Gesangbuch hergenommen und sich inspirieren lassen von von einem der zahlreichen Zwischentext, die dort unter den Lieder zu finden sind. Allein diese Art der Auswahl sagt schon einiges aus: denn die Gestalter und Gestalterinnen dieses neuen Gesangbuches haben sich ja damals einiges dabei gedacht – und zwar hat man bewußt nicht-biblische Texte von Menschen genommen, die doch tiefe Wahrheiten vermitteln. Auch auf diese Weise wollte man deutlich machen, dass auch heute, in der nachbiblischen Zeit Einsichten und Wahrheiten ausgesprochen werden, die mit der christlichen Botschaft durchaus identisch sein können, allerdings in heutige Worte gefasst sind. So haben sich N.N. Eltern einen Text von der Schauspielerin Hanna Schygulla ausgesucht – er steht auf der S. 994 (direkt unter dem Tauflied: Kind du bist uns anvertraut). Der Text lautet folgendermaßen: „Das Leben ist eine Reise. Je weniger Gepäck man dabei hat, desto mehr Eindrücke kann man mitnehmen.“ Nun lebt Frau Schygulla noch, allerdings in Paris, sonst hätte man sie vielleicht direkt fragen können, was sie mit dem Spruch eigentlich aussagen wollte. So aber will ich versuchen, ihn hier für die Taufe von N.N. zu deuten. Zunächst fällt ganz deutlich auf, dass über das Leben ausgesagt wird, es sei eine Reise und zwar anscheinend das ganze Leben. Eine Reise deshalb, nicht weil man – wie es z.B. auf einer Urlaubsreise erwartet wird – nur schöne Dinge wird erleben werden, sondern v.a. deshalb, weil vieles auf Reisen begegnen kann, mit dem man nicht gerechnet hatte: sowohl plötzliche Widrigkeiten, die sich einem in den Weg stellen, als auch angenehme Überraschungen und Erlebnisse, die man vielleicht nicht hätte, wenn man nur zu Hause geblieben wäre. Die Reise des Lebens ist aber keine Fahrt in Blaue, so nach dem Motto: schaum`er mal, dann sehn`wir schon, sondern die Reise ist anders beschrieben: man unternimmt die Reise, um etwas mitzunehmen, und zwar von dem, was einem dort begegnet. Das Leben, das der Mensch vor sich hat ist kein zufälliges, sondern – so glauben wir es Christen – ein von Gott gewolltes und bestimmtes: wir haben sein deutliches Ja zum Leben bekommen und damit auch ein deutliches Ja, um alles, was uns hier begegnet, aufzunehmen, zu genießen, zu prüfen und andererseits auch den Auftrag, wiederum auf das Leben einzuwirken, es zu gestalten, Besitz zu ergreifen, sich einzumischen. Das ist etwas ganz anderes, als völlig gleichgültig sich von einem Ort zum anderen treiben zu lassen. Nun meint Frau Schygulla noch etwas anderes: man soll wenig Gepäck mitnehmen – und ich denke, sie meint das ganz wörtlich: nicht Besitz und materielle Reichtümer sind in diesem Leben wichtig, sondern das andere, was man mitnehmen kann: die Eindrücke, die Erfahrungen mit sich und den anderen. Hanna Schygulla hat vielleicht selbst als zweijähriges Kind schon solche Erfahrungen gemacht: sie musste von Kattowitz in Polen 1945 nach München ziehen – ich gehe davon aus, dass sie damals nicht viel mitnehmen konnte. Diese Erfahrung: sich auf ganz ganz wenige materielle Dinge beschränken müssen, um sein Leben zu sichern, diese Erfahrung machen heute in Deutschland nur noch wenige, fast nur die Älteren unter uns wissen davon zu erzählen. Im Gegenteil: wir sind ganz oft bestimmt von dem, was wir an Dingen um uns herum anhäufen können.

Als ich die Zeilen im Gesangbuch gelesen habe, sind mir ein paar Bezüge aus der Bibel eingefallen: der erste hat sozusagen die gleiche Aussage wie unser Tauftext, geht aber von der anderen Seite heran: in Psalm 49,18 finden wir über den reichen, aber Gott- und damit Lebensvergessenen Menschen: denn er wird nichts mitnehmen und seine Herrlichkeit wird ihm nicht nachfahren: ein Mensch, der sich um das Leben kümmert wird also sein Augenmerk nicht v.a. auf den Reichtum richten können, sondern er wird offen bleiben für das was ihm begegnet. Der zweite Bezug, der mir gekommen ist, findet sich in der Geschichte vom barmherzigen Samariter, wie es im Lukasevangelium im 10. Kapitel erzählt wird: auch dort tut jemand eine Reise und er ist nicht allein, sondern ziemlich zeitgleich machen sich mehrere Leute auf diese Reise – unter ihnen ein Ausländer – in diesem Fall ein Samariter – und ein angesehener Bürger, nämlich ein Priester. Sie wissen, wie die Geschichte weiterging: der Samariter hat dem Überfallenen geholfen und ihn gepflegt, der Priester ist vorüber gegangen. Ich denke, er ist vorübergegangen, weil er auf seiner Reise zuviel Gepäck mit dabei hatte: nämlich eine gewisse Portion Hochmut, ein ordentliches Bündel Standesbewußtsein: ich bin etwas Besseres und ein nicht zu kleines Paket Gesetzeseifer: vielleicht hatte er seine Vorschriften über die Reinheit zu eng ausgelegt und darüber den Menschen im Gegenüber vergessen. Der Samariter hingegen wird wohl, obwohl er etwas hergegeben hatte sehr viel mehr wieder mitgenommen haben: nämlich eine Begegnung mit einem Menschen, der wieder zum Leben gekommen ist.

Wenn wir gleich N.N. durch die Taufe unter Gottes Schutz stellen, so machen wir damit eben auch jenes deutlich: N.N. Lebensreise wird dem größten Reiseveranstalter, den wir kennen anvertraut: Gott selber wird sich um N.N. Leben kümmern, Gott selber wird ihr die Begegnungen und Erfahrungen ermöglichen, die sie in ihrem Leben braucht. Wir können nicht wissen, wie diese im einzelnen aussehen werden, aber wir vertrauen darauf, dass N.N. Reiseroute sehr, sehr sorgfältig ausgewählt wurde und dass es so für sie möglich sein wird, aus diesem Leben etwas mitzunehmen, was wirklich zählt: die Erfahrung von Gottes Gegenwart und das Vertrauen in seine Zusage, dass wir nicht verloren sind, sondern gerettet sind für eine weitere, größere Reise, die nach dieser irdischen Reise erst beginnen wird. So wünsche ich N.N., dass sie diese Erfahrungen Gottes wird machen können, eben genau dort, wo sie unter uns Menschen passieren: etwa in der Liebe der Eltern zu ihren Kindern oder in der Gestalt der heutigen samaritanischen Reisenden: Menschen, die sich Zeit nehmen, stehen zu bleiben, um dem anderen Barmherzigkeit zu erweisen. Vielleicht wird dann N.N. auch wieder etwas davon weitergeben können an andere Mit-Reisende, denn hier müsste man den Schygulla-Text noch erweitern: Je weniger Gepäck man dabei hat, desto mehr kann man mitnehmen und desto mehr kann man mit anderen teilen.

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