Das Herz entscheidet (Spr 3,1-8)

Spr 3,1-8
[1] (Meine Tochter) Mein Sohn, vergiss meine Weisung nicht, und dein Herz behalte meine Gebote, [2] denn sie werden dir langes Leben bringen und gute Jahre und Frieden; [3] Gnade und Treue sollen dich nicht verlassen. Hänge meine Gebote an deinen Hals und schreibe sie auf die Tafel deines Herzens, [4] so wirst du Freundlichkeit und Klugheit erlangen, die Gott und den Menschen gefallen. [5] Verlass dich auf den HERRN von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen Verstand, [6] sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen, so wird er dich recht führen. [7] Dünke dich nicht, weise zu sein, sondern fürchte den HERRN und weiche vom Bösen. [8] Das wird deinem Leibe heilsam sein und deine Gebeine erquicken.

Liebe Gemeinde, liebe Eltern und Paten, liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden.

Das große Los scheint ihr ja nicht gerade gezogen zu haben, mit dem Predigttext aus den Sprüchen des König Salomo, der laut der Predigtreihe Nr. 6 dieses Jahr zur Konfirmation zu predigen ist. So salbungsvolle Worte könnte auch der Onkel Heinrich am Nachmittag zum Kaffeetrinken sprechen, in der besten Absicht, euch am reichen Schatz der Erfahrung seines langen Lebens teilhaben zu lassen. Und dabei verdreht dann nicht nur ihr die Augen gen Himmel oder schaut zum Fenster raus, wie’s schneit und wartet drauf, dass er endlich fertig ist.

Solche Bilder gingen mir durch den Kopf und ich war schon fast entschlossen, einen anderen Bibeltext zu nehmen, als mir die nagelneue Konfirmationsagende in die Hände kam, die mir meine Kirche gerade zugeschickt hatte. Da stehen lauter schlaue Texte zur Konfirmation drin. Ich blätterte ein bisschen darin rum, bis ich auf den heutigen Predigttext stieß und las, und noch mal las, und dachte, das kann doch gar nicht sein! Sie haben einfach einen Vers unterschlagen. Die schlauen Damen und Herren haben einfach einen Vers gestrichen. Und das ist der Vers: „… und verlass dich nicht auf deinen Verstand.“

Einfach gestrichen! Passt nicht in die heutige Zeit! Verstand ist schließlich alles. Den braucht man dringend, um in dieser Welt was zu werden. Ohne Verstand keine guten Noten, kein gutes Abschlusszeugnis, keine gute Berufsausbildung. Ohne Verstand kein gutes Einkommen, keinen Fortschritt, keinen Erfolg, kein Glück, kein gar nichts! Wer keinen Verstand hat, ist ein Blödmann. Und wer möchte schon ein Blödmann sein?

So denken doch alle. Und da hat mich die Wut gepackt. Da hat mich die Wut gepackt vor diesem Kniefall am Altar dieses Glaubensbekenntnisses: Verstand ist schließlich alles. Nicht auch noch in der Kirche, hab ich mir gedacht. Das reicht doch schon, wenn Eltern meinen, zwei Tage Unterrichtsausfall wegen der Konfirmandenfreizeit würde die Zukunft ihres Kindes ruinieren. Das reicht doch schon, dass Eltern meinen, wenn die schulischen Leistungen ihres Kindes stimmen, hätten sie ihre Pflicht getan. Das reicht doch schon, wenn in der Schule nach nichts anderem gefragt wird, als nach euerer Fähigkeit eine Mathematikaufgabe richtig rauszukriegen. Das reicht doch schon, dass auf der Arbeit nach nichts anderem gefragt wird, als dass wir möglichst immer fehlerfreier funktionieren.

Und da habe ich beschlossen, euch gerade erst recht diesen Bibeltext zu predigen und zwar vollständig – nicht nur, weil der große König Salomo kein Blödmann war, sondern weil ich aus eigener Erfahrung weiß, dass er recht hat. Vor 30 Jahren saß ich selbst Tag für Tag auf der Schulbank und hatte Lehrer vor mir, die sich gerne über die Bibel und den Glauben lustig machten. Im Jahr Zweitausend, so war ihre Rede, gibt es Dank der menschlichen Vernunft und der Wissenschaft, keine unheilbaren Krankheiten mehr, keinen Krieg, keinen Hunger; alle ihre Probleme hätte die Menschheit bis dahin gelöst. Heute haben wir von all diesen Problemen noch eine gehörige Portion mehr als vor 30 Jahren. Und die Konfirmandinnen und Konfirmanden unter uns, die auf die schönen Namen Igor, Sergej, Irina, Daria, Natalja, Xenia und Helene hören, stammen aus einem Land, in dem der Traum vom Paradies auf Erden, das der Kommunismus- Leninismus auf der alleinigen Basis der menschlichen Vernunft erschaffen wollte, gescheitert ist – gescheiterter geht’s nicht.

Schaut hin – auf all die Kriege der Geschichte. Sie sind alle geführt worden mit dem kalten Kalkül eines menschlichen Verstandes, dem Menschenleben nichts bedeuten, aber die Macht alles. Schaut hin – auf die Konflikte der Erwachsenen. Ja, auch sie werden oft geführt aus dem kalten Kalkül eines menschlichen Verstandes, dem Geld, Einfluss, das eigene Rechthaben, die eigene Karriere alles bedeuten, und die Gefühle und das Lebensrecht des anderen nichts. Denn beim Geld hört die Freundschaft auf. Unser menschlicher Verstand ist eine Hure; immer für gutes Geld zu haben, gut für die Erfindung des Penicillin und gut für die Erfindung der Atombombe. Gut für den Himmel und die Hölle auf Erden.

„Verlass dich nicht auf deinen Verstand“. Auf was der König Salomo sich verlassen hat, erzählt eine Geschichte in der zwei Frauen mit einem Säugling zu ihm kommen, die beide behaupten, die Mutter dieses Kindes zu sein. Sie keifen, sie streiten, sie prügeln sich – ganz wie im richtigen Leben -, bis der König Salomo die Schnauze voll hat und einen seiner Soldaten ruft: „Nimm dein Schwert und hau das Baby in der Mitte durch und gib jeder die Hälfte“. Da fällt die eine der Frauen vor dem König nieder und sagt: „Gib der anderen das Kind. Ich will nicht, dass es stirbt.“ Da lächelt der König und sagt: „Seht ihr, das ist die Mutter von diesem Kind. Gebt es ihr, denn ihr war das Leben dieses Kindes wichtiger, als ihr eigenes Glück.“ (vgl. 1. Könige 3/16ff)

Und da merkt ihr schon, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, dass der König Salomo kein Blödmann war. Und ihr merkt auch, dass dieser König sich nicht auf seinen Verstand verlässt und auf das, was irgendwelche Gesetze sagen. Dieser Mann lässt das Herz entscheiden. Er hält das Herz für eine wesentlich höhere Instanz als die menschliche Vernunft. Und da ist der Gott des Himmels und der Erde völlig seiner Meinung. Denn, der Mensch sieht was vor Augen ist, hört die schlauen und durchdachten Worte, schaut auf den Geldbeutel und die Klamotten, lässt sich blenden von Glitzer und Glamour. Gott aber sieht das Herz an. (1. Samuel 16/7)

Und deshalb baut Gott sein Himmelreich nicht mit Hilfe von Intelligenzbestien, sondern mit Menschen, die das Herz auf dem rechten Fleck haben. Denn das Herz entscheidet. Jeder und jede von euch weiß das – noch. Noch sage ich, weil jedes Kind das weiß und es ist die größte Tragödie des Erwachsenwerdens, diese einfachste und tiefste Wahrheit unseres Lebens vergessen zu können. Und erst im Alter, wenn der Blick zurück in die Kindertage wieder schärfer wird, bekommt das Herz Gott sei Dank bei vielen Menschen seinen Platz zurück, wie oft es auch gebrochen sein mag.

Denn zerbrechlich ist das Herz allemal. Und auch davon haben manche von euch schon ganz schön Ahnung und manchmal blitzt das auch bei euch auf hinter all dem coolen Getue und der nie enden wollenden Spaßerei, zu der man als Jugendlicher von heute scheinbar verdammt ist. Unsere Herzen sind zerbrechlich und sie müssen immer wieder und sei es unter Tränen verbunden werden. Aber das ist gerade kein Grund sich von dem Weg des Herzens abzuwenden und es zu verdrängen und zu vergessen und mit ihm allen Schmerz und alles Glück.

Es ist vielmehr ein Grund, euch immer wieder nach Orten umzusehen, wo euer Herz Trost und Geborgenheit findet. Das kann ein Mensch sein, zu dem ihr volles Vertrauen habt. Einer der Zuhören und Schweigen kann und euch sehen kann mit den Augen seines Herzens. Das kann immer und zu jeder Zeit Gott sein, weil auf den all das zutrifft. Weil von dem gilt, was von dieser Mutter beim König Salomo gilt. Auch Gott ist euer Leben wichtiger als sein eigenes Glück. Jesus Christus geht den Weg des Herzens und der Liebe bis zum Tod am Kreuz. Und an Ostern sorgt Gott dafür, dass dieses Leben und dieser Weg nicht beerdigt wird, sondern der Weg zum Leben für alle Menschen bleibt.

Es gibt keinen anderen. Darum hört zuallererst auf euer Herz. Und haltet dieses Herz nicht nur mit Joggen gesund, sondern lasst es euch von Gott immer wieder heil machen durch sein Wort und Sakrament. Wer den Weg des Herzens geht, hat Gott an seiner Seite. Der verdient euer Vertrauen. Und Gott vertrauen heißt glauben. Gebt ihm heute euer Ja und er gibt euch seine Hilfe und seinen Segen dazu. Und dann kann auch aus eurer Vernunft noch was werden: Ein Denken und Handeln, das das Herz zu Rate zieht. Ein Denken und Handeln, dass Gott und sein Wort zu Rate zieht. Ein Denken und Handeln, dem das Glück des anderen mindestens ebensoviel bedeutet, wie das eigene.

Drum hört die Weisung des König Salomo, der kein Blödmann war und vergesst sie nicht: Verlasst euch nicht auf euere Vernunft. Benutzt sie. Aber das Herz entscheidet. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Euer Herzen und Sinne in Jesus Christus.

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