Das Heilige auf evangelisch

Liebe Gemeinde,

kennen Sie die Situation, dass Sie morgens irgendwie schon halb aufgewacht sind aber noch im Bett liegen. Sie wollen sich noch eine Viertelstunde gönnen, sind ja noch ziemlich müde und zum Glück haben sie Zeit an diesem Morgen. Da klingelt es an der Haustür. Der Schornsteinfeger oder der Briefträger oder jemand von den Stadtwerken will etwas von Ihnen und klingelt weiter, als sie nicht aufmachen. Das Ausschlafen ist vorbei – auch hinterher – ob Sie nun geöffnet haben oder nicht. Die Ruhe kehrt nicht wieder. Sie ist jäh und endgültig unterbrochen.

Ruhe vor dem Sturm; und dann plötzlich, aus heiterem Himmel, der Bruch, der „Cut“.

An so eine Situation hat mich der Text erinnert. Er fängt so ruhig und idyllisch an: Mose hütet Schafe. Ich stelle mir vor, wie er da im Schatten liegt und döst und allenfalls mit ein paar lästigen Fliegen zu kämpfen hat. Dann ist er auch noch Schwiegersohn eines Priesters und es kommt zur Schäferidylle auch noch die vermeintliche Pfarrhausidylle hinzu. Es ist kaum auszuhalten bei dieser Idylle überall. Aber es bleibt dabei natürlich nicht. Schon mit dem nächsten Vers ist es mit ihr aus und vorbei, der Sturm bricht los. Der Engel des Herrn erscheint in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und der Busch brennt lichterloh – aber nichts verbrennt, nichts wird zu Asche. Kein Verlust beim Brennmaterial.

Davon können wir nur träumen, dass der Öltank im Keller im April noch genau so voll ist wie im Oktober. Aber es ist natürlich kein irdisches, kein natürliches, kein normales Feuer, sondern ein göttliches Licht. Mose hätte nun eigentlich drei Möglichkeiten: Er könnte unmotiviert vorbei- und weiterlaufen, er könnte verängstigt und irritiert davonrennen oder aber sich die Sache interessiert von Nahem anschauen. Wir haben es gehört, er tut das Letztere. Obwohl er gar keinen Gesprächspartner hat, spricht er: „Ich will hingehen“.

Wir bekommen das Bild eines Mannes vermittelt, der entschlossen und furchtlos ist, der Initiative ergreift. Ein Mann des Zupackens und der Tat. Er geht dem, was seine Augen eigentlich nicht für möglich halten können auf den Grund.

Wir haben uns am Mittwoch im Konfirmandenunterricht mit dem Gebot „Du sollst nicht lügen!“ beschäftigt. Dabei sind wir dem bekannten Text des Philosophen Sokrates von den drei Sieben begegnet. Demnach muss alles, was wir erzählen, berichten oder weitersagen drei Siebe oder Filter passieren. Der erste Filter ist die Wahrheit: Hast Du alles, was Du mir da erzählst gewissenhaft geprüft, ob es auch wahr ist? Man könnte meinen, dass Mose genau das hier checkt: Ist wahr, was ich da sehe? Ich muss es mir aus der Nähe anschauen, ich muss sehen, ob wahr und wirklich ist, was meine Augen da zu erkennen meinen.

Gott hat den allermeisten Menschen Verstand und Sinne gegeben. Und er hat sie zum Gebrauch gegeben – nicht zum Schonen. Bei Computerprogrammen und Apps heißen Leute, die sie nutzen User. Also: Nutzer, Gebraucher, Anwender. Ich glaube, dass Gott möchte, dass wir alle zu solchen Usern werden, die ihre Sinne und ihren Verstand kräftig gebrauchen. Mose jedenfalls ist so ein User. Er geht hin, will die wundersame Erscheinung in Augenschein nehmen und dem Phänomen auf den Grund gehen. – Man kann auf die Idee kommen, dass dies ein Test ist. Ein Eignungstest für den härtesten Job der Welt. Den Gang in die Höhle des Löwen, den Konflikt mit dem mächtigsten Mann der Welt. Denn sogleich heißt es: Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Und wie zum Beweis bleibt Mose taff und tapfer, wach und wacker. Er hätte spätestens jetzt Gründe genug, das alles nicht geheuer zu finden. Aber er bleibt und antwortet schnörkellos und klar: Hier bin ich. – Gott hat seinen Mann gefunden.

Und sogleich begegnen wir wieder dem Thema heilig, Heiligkeit. Wie vor drei Wochen, auch ein Text, bei dem Mose im Zentrum steht. Heute steht Mose unmittelbar vor heiligem Gelände. Er muss die Schuhe ausziehen. Man mag sich an den Besuch einer Moschee erinnern. Mose verhüllt – freiwillig – auch sein Gesicht angesichts der Heiligkeit, der Anwesenheit Gottes. Wir Protestanten haben nichts Heiliges – jedenfalls keine heiligen Orte, Dinge oder Gegenstände. Selbst Brot und Wein beim Abendmahl sind es nicht, während nach katholischem Glauben sie ihre Substanz verändern und aus Brot wirklich und tatsächlich der Leib Christi wird und aus dem Wein das Blut Christi. Mehr heilig geht gar nicht. Ich glaube, wir Menschen haben tief in uns drin diese Sehnsucht nach dem Heiligen. Nach etwas, das mit den eigenen Sinnen und mit den Händen erfasst werden kann. Denken wir an die Geschichte vom Goldenen Kalb aus dem Alten Testament. Oder das Phänomen der Pilgerreisen. Die sind seit einigen Jahren extrem beliebt und es wird gepilgert, was das Zeug hält. Die Reisebranche hat sich auch schon mächtig darauf eingestellt und es pilgern alle: Katholische und Evangelische, Gläubige und Ungläubige. Aber ganz unabhängig von diesem Boom: Gepilgert wurde schon immer! Das Ziel jeder Pilgerreise oder Wallfahrt ist immer ein heiliger Ort: Das Grab eines vermeintlich Heiligen, der Ort einer Marienerscheinung oder die Stelle, an der angeblich ein Wunder geschehen ist. Ohne die Sehnsucht nach dem Heiligen oder etwas Heiligem, könnte man einfach auch zünftig wandern, Berge besteigen oder Wüsten durchqueren. Doch eine Pilgerreise hat immer einen heiligen Ort als Ziel und stillt vorübergehend die Sehnsucht nach dem sinnlichen Erfassen und Erleben des Heiligen.

Als Mitglieder einer Kirche, die in der Tradition Martin Luthers und der Reformation steht – und das schon seit nunmehr 500 Jahren – haben wir so etwas – aus Überzeugung – nicht. Aber wir müssen sehr aufpassen, dass unsere Sinne geschärft bleiben, für das, was uns heilig ist. Heilig ist nicht Luthers Stube auf der Wartburg noch seine oder Melanchthons Grabstätte in der Schlosskirche in Wittenberg. Heilig sind auch nicht unser sehr alter Abendmahlskelch oder die wunderschöne, auch alte und gestiftete Taufschale, die wir hier in Oberöwisheim besitzen. Wertvoll ja – wertvoll ist sicher vieles, aber nicht heilig. Heilig ist da und dort, wo das Göttliche anzutreffen ist oder sich verdichtet. Jesus sagt in Mt 18, 20: „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“. Das heißt: Gott ist sicher da, wo Menschen sich treffen und Gottesdienst feiern. Deshalb heißt es immer am Anfang: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Gott ist jetzt hier. Mitten unter uns. Unser Zusammensein, unsere Versammlung ist deshalb heilig. Und sie bleibt heilig auch dann, wenn die Organistin daneben greift oder der Pfarrer einen schlechten Tag hat. Von solchen Eventualitäten völlig unberührt, bleibt der Gottesdienst heilig, weil es jene Verheißung, jene Zusage Jesu gibt. Glauben wir das? Verhalten wir uns so, wenn wir einen Gottesdienst besuchen? Bereiten wir uns innerlich entsprechend vor? Ist das unsere Einstellung, unsere Erwartung, unser leitendes Interesse, wenn wir uns zum Gottesdienst aufmachen? In der Videokolumne der Süddeutschen Zeitung würde es an der Stelle heißen: „Denken Sie drüber nach! Bis nächste Woche!“ –

Auch wenn das jetzt vielleicht so klingt, ich bin noch nicht ganz beim „Amen“.

Ich möchte auch persönliche biblische Zusprüche in den Zusammenhang mit dem Heiligen bringen: mein Taufspruch oder der Konfirmandenspruch. Nur so zum Beispiel: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen…“ Wenn mir so ein Vers ganz persönlich zugesprochen ist, wenn ich ihn verinnerlicht habe und er mir Trost und Halt gibt, wenn ich mit ihm lebe, dann berührt mich damit ja auch das Heilige. Oder das Kreuz zur Konfirmation, das ich vielleicht vom Patenonkel oder der Oma bekommen habe / bekommen werde. Nicht wegen des Goldes! Es könnte auch aus Blech sein. Aber wegen der Bedeutung. Wegen den guten Wünschen dessen, der es mir geschenkt hat und noch viel mehr wegen Christus auf das es hinweist und an den es mich erinnert. So ein Kreuz und auch anderes kann mein Fühlen und Glauben zu Gott lenken und leiten und mich unter das Heilige stellen.

In unserem heutigen Text stellt der Heilige selbst, Gott, Mose unter sich und gibt ihm, ihm allein, scheinbar ein Himmelfahrtskommando: Das ganze Volk Israel den Klauen des ägyptischen Machthabers entreißen und in die Freiheit führen. Mose ganz allein soll es richten und ich habe mehr als nur viel Verständnis für seine Zweifel. „Wer bin ich?“ fragt er Gott, wer bin ich, dass du mir so eine Herkulesaufgabe auflastest? Haben Sie Gottes Antwort noch im Ohr? Gott zählt nicht seine Auswahlkriterien oder die Talente des Mose auf. Gott sagt schlicht: „Ich will mit dir sein!“

Ich glaube, das ist auch Gottes Antwort an uns, wenn wir z.B. fragen: womit habe ich das verdient? Warum trifft es gerade mich? Was habe ich bloß falsch gemacht? Warum kennt mein Nachbar all diesen Mist nicht, mit dem ich mich herumzuschlagen habe?

Gott sagt zu Ihnen, zu Dir und zu mir: „Ich will mit dir sein!“ – Die Zukunft, alle Zukunft, bis in die Ewigkeit steht unter dem Schutz des Heiligen, des Höchsten, des Allmächtigen. Keinen Deut weniger meint dieser Satz. Und keinen Deut weniger bedeutet auch der Name, Gottes, nach dem Mose fragt: „Ich werde sein, der ich sein werde!“ Ich werde sein. Dieser Gott, unser Gott ist ein Gott der Zukunft. „Die Herren dieser Welt gehen, unser Herr kommt!“ (Gustav Heinemann, 1950). Man mag sich dabei an diesen Satz von Gustav Heinemann erinnern. Unserem Gott gehört die Zukunft – und er geht mit uns, begleitet uns Schritt für Schritt, Tag für Tag in diese Zukunft. Amen.

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