Das Glück in der Bücherkiste

Liebe Gemeinde!

Es begab sich aber zu der Zeit, dass eine Nachricht um die Welt ging, und niemand wusste genau, wer sie ausgegeben hatte. Und es konnte auch keiner sagen, ob es sich um eine offizielle Verlautbarung handelte, um eine von den Medien in die Welt gesetzte Nachricht oder schlichtweg um ein Gerücht. Und diese Nachricht war die allererste in ihrer Art, und geschah zur Zeit, da Baschar al-Assad Präsident in Syrien war, George Bush Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Wladimir Putin Präsident der russischen Föderation und Horst Köhler Präsident der Bundesrepublik Deutschland.

Und die Nachricht lautete so – jedenfalls so meinten die meisten sie so verstanden zu haben: Das ganze Glück der Welt sei nun endlich entdeckt worden. Und jeder hätte die Chance, dieses Glück zu finden. Allerdings, so hieß es weiter, es sei an einem Ort zu entdecken, wo es niemand vermutete.

Und jedermann ging, dass er sein Glück fände, ein jeder in seine Stadt und auch aus seiner Stadt heraus. Die einen stiegen in Flugzeuge und flogen um die Welt, andere fuhren mit der Bahn oder, da wieder einmal ein Lokführerstreik drohte, doch lieber mit dem eigenen Wagen, wieder andere machten sich per Fahrrad oder auch zu Fuß auf den Weg, das Glück der Welt zu suchen.

Da machte sich auf auch ein Mann, dessen Name keine Rolle spielt, aus seiner Stadt – und ging los, einem unbekannten Ziel entgegen, weil er zu jenen Leute gehörte, die schon immer auf der Suche nach dem Glück waren, damit auch er es nicht unversucht ließe, mit seiner Frau, die war schwanger.

Und sie kamen nicht an. Das war das Problem. Sie fuhren durch die halbe Welt, sie unternahmen alles Menschenmögliche, sie riskierten viel, gaben fast ihr ganzes Geld dabei aus, aber das Glück der Welt fanden sie nicht. Sie folgten allen möglichen Hinweisen und Versprechungen, sie spielten Lotto, um ihre Reisekasse aufzubessern, und verloren mehr als sie gewannen. Sie setzten auf die falschen Aktien und wurden immer ärmer. Und weil sie so lange unterwegs waren und sich weder ordnungsgemäß abgemeldet hatten noch nach angemessener Zeit zurückkehrten, verloren sie schließlich auch ihre Arbeitsplätze.

So kamen sie in eine fremde Stadt. Und als dort waren, der Mann und die Frau, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in einen alten Pappkarton in ihrer Notunterkunft. Denn für ein richtiges Hotel hatten sie, die sie doch schon so lange unterwegs waren, längst kein Geld mehr; und überall waren sie abgewiesen worden, da sie mittlerweile auch schon ein wenig abgerissen aussahen und von manchen als Migranten angesehen und abgestempelt wurden. Und dabei kamen sie doch aus ordentlichen Verhältnissen und waren doch nur losgezogen, um das Glück der Welt zu suchen – wie alle anderen auch!

Völlig erschöpft, mehr schlafend als wachend, saß der Mann in dem kleinen, kargen Raum, der ihnen zugewiesen war, und seine Frau hatte sich neben ihm hingelegt. Beide betrachteten ihr Kind in dem Pappkarton, der nun als Kinderbettchen dienen musste. Da entdeckte der Mann, der vor Müdigkeit und Erschöpfung kaum noch die Augen offen halten konnte. außen an einer Seite des Pappkartons einen Aufkleber. „Bücher“ stand darauf. Eine Bücherkiste war es also, in der ihr Kind lag. Vor ein paar Stunden, als das Kind geboren wurde, hatten sie sich diesen Pappkarton gar nicht näher angeschaut, hatten nur hastig einige Kleiderstücke als Unterlage in den Karton gestopft. Ob wohl noch etwas vom ursprünglichen Inhalt der Kiste darin war? Vorsichtig, ohne den Säugling im Schlaf zu stören, griff der frischgebackene Vater in die Tiefe der Bücherkarton. Und tatsächlich – da lagen noch einige Bücher darin. Eines nach dem anderen holte er behutsam heraus. Alte, offenbar aus einer Haushaltsauflösung stammende, schon ganz verstaubte Bücher kamen zum Vorschein. Zwei Romane, ein Reiseführer, ein Kochbuch, und ja, da lag doch tatsächlich eine Bibel in seinen Händen. Eine alte, mit Goldschnitt und in Frakturschrift, so wie seine Großmutter eine besessen hatte.

Lange habe ich keine Bibel in der Hand gehabt, dachte der junge Mann und blickte sein Frau an, die inzwischen fest eingeschlafen war. Wann war das wohl das letzte Mal? Bei der Konfirmation? Oder bei der Beerdigung der Oma? Erst hielt der die Bibel unschlüssig in der Hand, dann aber, wie von einer geheimnisvollen Kraft angezogen, schlug er sie auf. Blätterte von vorne nach hinten durch. Kaum zu entziffern, diese alte Schrift, dachte er. Unschlüssig blätterte er hin und her, bis plötzlich ein Zettelchen aus der Bibel herausfiel, ein kleines Bild. Ein buntes, etwas kitschiges Bild vom Stall von Bethlehem und dem Kind in der Krippe. Und hinten drauf stand etwas geschrieben, in alter, krakeliger Schrift. Nur mit mühe las er: Und darunter stand: „Weihnachten 1917. Geburt unseres ersten Kindes. Großes Glück in schwerer Zeit.“

Stumm schaute der Mann auf den Zettel. Versuchte sich vorzustellen, was damals, vor achtzig Jahren, Menschen erlitten und erlebt haben mochten. In seinem Grübeln fiel sein Blich noch auf eine Stelle in der Bibel, die dick angestrichen war und wo der Zettel mit dem Bildchen offenbar eingelegt worden war. Wieder mühsames Entziffern: Groß ist, wie jedermann erkennen muss, das Geheimnis des Glaubens: Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit. Er schüttelte den Kopf. Ja, wenn dieser Zettel bei der Weihnachtsgeschichte gelegen hätte, die kannte er noch. Aber dieses hier?

Etwas ratlos legte er die Bibel beiseite. Schlief ein. Träumte. Und war doch wieder halb wach. Was hatte er da Geheimnisvolles gelesen? Von Offenbarung, von Engeln, von Heiden, vom Glauben? Wie ein Mühlrad gingen ihm die Gedanken durch den Kopf. Doch allmählich, vielleicht mehr im Schlaf als im Wachen, sah er durch das Durcheinander der Bilder und Worte und Gedanken etwas Klares, etwas Wunderschönes: Das Kind in der Krippe. Oder war es jetzt sein Kind in der alten Bücherkiste? Traum und Wirklichkeit verschwammen, als er schließlich aufwachet und seine Frau ihm strahlend das Kind entgegenhielt. Unser Christkind, lächelte sie, obwohl es doch mitten im Sommer war. Sie musste wohl das Bild gesehen haben, das noch in der aufgeschlagenen Bibel vor ihm lag. Was für ein Glück – strahlte sein seine Frau. Und em Mann durchfuhr es blitzartig:. Sollte, er, sollten sie beide jetzt und hier ihr Glück gefunden haben, das, wonach sie so lange gesucht hatten. Und – sollte da vielleicht sogar der liebe Gott seine Hände im Spiel gehabt haben, dass dieses Kind unter diesen Umständen zur Welt gekommen war? Und –war das am Ende dass große Glück, nach dem sie so lange gesucht hatten? Bestand dieses Glück etwa gar nicht in dem, was man ihnen so lange und so oft eingeredet und vorgegaukelt hatte? Ging es am Ende gar nicht um Schatzkisten und Jackpots, sondern um eine armselige Bücherkiste, in der eine Handvoll Leben lag – ihr Kind? Die beiden, Mann und Frau schauten sich an, umarmten sich und verstanden sich und das, was geschehen war, auch ohne Worte.

Es waren Leute in derselben Gegend, in ihren Häusern und in anderen Notunterkünften und auch draußen auf den Baustellen bei ihrer Arbeit, die hatten des Nachts ihre Arbeit zu tun. Arme und Reiche, Junge und Alte waren das, Glücksucher alle miteinander. Auch sie hatten vor Zeiten die Nachricht von dem ganz großen Glück vernommen, auf diese oder jene Weise. Nur, sie hatten bisher dieses Glück auch noch nicht gefunden. Keine Spur davon. Doch irgendwie hatte sich herumgesprochen, dass in der Baracke am Rande der Stadt, in der so manche von den gescheiterten Glücksuchern untergebracht waren, ein Kind geboren wäre. Und sie sprachen untereinander: lasst uns nun dahin gehen und die Geschichte sehen, die da geschehen ist. Und sie kamen eilend und fanden beide, den Mann und die Frau,dazu das Kind im dem Karton liegend, und daneben ein paar verstaubte Bücher und ein wenig Gepäck, sonst nichts. Aber irgendwie war der ganze kahle Raum mit etwas erfüllt, was sie alle nicht kannten. Erst als eine alte Frau, die in der Tür stehen geblieben war, halblaut sagte: „Das ist ja wie Weihnachten!“, da spürten sie es alle: Es war Glück, was diesen armen Raumer füllte. Und obwohl nur eine kalte Neonröhre das Zimmer erleuchtete kam es ihnen doch so vor, als sei er in ein warmes Licht getaucht. Und sie redeten miteinander und teilten das, was sie hatten, und aus er kümmerlichen Geburt im Notquartier wurde ein großes Fest. Und als sie eine Weile gefeiert hatten, kehrten sie wieder um, und einige von ihnen priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten.

Und als die Leute wieder gegangen waren, saßen der Mann und die Frau noch lange still an dem kleinen Karton mit dem großen Wunder, dem großen Glück darin. Und der Mann las seiner Frau noch einmal den merkwürdigen Vers aus der alten Bibel vor: Groß ist, wie jedermann erkennen muss, das Geheimnis des Glaubens: Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.

Liebe Gemeinde: Nicht so ohne Weiteres ist es zu erkennen, dieses Glück, das aus jenen Worten spricht und das auf den hinweist, der damals auch sehr am Rande des Geschehens geboren wurde. Menschen, die ihr Glück suchten, haben seitdem ihr Glück, ihr Heil, ihren Frieden bei ihm gefunden, bei Jesus Christus, dem Kind im Stall von Bethlehem. Doch was ist die Nachricht von dieser Geburt? Eine offizielle Verlautbarung, eine von den Medien in die Welt gesetzte Nachricht oder schlichtweg ein Gerücht, wie so vieles, was an unsere Ohren dringt? Ist die Botschaft von der Geburt Jesu nur eine von vielen Nachrichten? Nein, es ist eine ganz andere, eine ganz besondere Nachricht. Es ist die Gute Nachricht, es ist, um es auf griechisch zu sagen: das Evangelium, jene Nachricht, von der Martin Luther einmal gesagt hat und wie wir eben gesungen haben, sie sei nicht nur eine gute Nachricht, sondern eine gute Mär, also etwas, was weiterzählt werden will. Ein gutes, fröhliches Geschrei, hat Luther das Evangelium auch einmal genannt, und lebte er unserer Zeit, hätte er dieses Geschrei vielleicht mit dem Jubel der Fans der Siegermannschaft nach dem Finale einer Fußballweltmeisterschaft verglichen, was er natürlich noch nicht kannte. Aber diese unbändige Freude, die kannte er – und diese unbändige Freude können alle Menschen kennen lernen, die Jesus Christus kennen lernen. Den, der zu unserem Glück und zum Heil der Welt geboren ist.

Damit, liebe Gemeinde, sind wir wieder von unserer Gedankenreise zurückgekehrt. Zum Glück zurückgekehrt, nämlich zurückgekehrt zu der alten, ursprünglichen Weihnachtsgeschichte. Zum Kind in der Krippe. Wir sehen es vorne auf dem Gottesdienstprogramm. Die Krippe entpuppt sich beim näheren Hinsehen als ein großes aufgeschlagenes Buch. Auch wenn das Mensch gewordene Glück nicht in Worte zu fassen ist, ist es doch jenes Glück, von dem die Bibel erzählt. Das Glück, das zum lebendigen Wort wird, wenn wir es weitersagen. Das sich als große, treibende Kraft unseres Lebens erweist, wenn wir es aufnehmen. Jenes Glück, das uns wirklichen Frieden bringt, inneren und äußeren Frieden für uns und für die ganze Welt, das liegt in diesem Kind.

Das, wonach wir uns schon immer gesehnt haben, das, was wir brauchen, das liegt nicht irgendwo in ungewisser Zukunft, sondern ist in der Vergangenheit Gegenwart geworden – damals im Stall von Bethlehem, auf den Feldern, in den Hütten und Häusern.. Nicht etwas mysteriös Geheimnisvolles ist das, sondern etwas ganz Besonderes. Ja, etwas ganz besonders Schönes ist das Geheimnis unseres Glaubens: Jesus Christus: offenbart im Fleisch – uns als Mensch nahegekommen. Gerechtfertigt im Geist – von Gottes heilsamer Kraft, die auf alle Menschen ausströmen will. Erschienen den Engeln, unverfügbar für menschliche Macht und unabhängig von menschlichen Meinungen. Gepredigt den Heiden, auch uns in unserer Suche nach dem Glück, uns mit unseren Fragen und Zweifeln entgegen kommend. Geglaubt in der Welt – in der weltweiten Gemeinschaft der Christen; aufgenommen in die Herrlichkeit– in jene unbeschreibliche Freude, die ansteckend ist.

So können wir zum Glück aus gutem Grund das erleben und das feiern, was wir uns heute alle wünschen: Nämlich: Frohe Weihnachten!

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen