Das Geschenk Gottes

Martin Luther ist in seiner Zelle. Er kämpft gerade einen schweren, erbitterten Kampf – gegen seine Angst, gegen den Teufel, gegen Gott. Gerade noch hat er vor dem Reichstag gestanden und um Bedenkzeit gebeten, wie er zu seinen Veröffentlichungen stehen soll. Dafür hat er auch Spott und Hohn einstecken müssen. Nun kämpft er. Es ist ein Kampf auf Leben und Tod. Er findet erst Ruhe, als er sich – wie Christus am Kreuz – mit weit ausgebreiteten Armen auf den Boden liegt. Er hält sich an Christus und findet in ihm, in seinem Sühneopfer, Trost und Befreiung.

Liebe Schwestern und Brüder, diese Szene aus dem Luther-Film zeigt eines ganz deutlich auf: Auf seiner Suche nach einem gnädigen Gott ist der Mönch und Theologieprofessor immer wieder in Clinch geraten mit der ihm vertrauten kirchlichen Praxis und dem, was er durch das Studium der Heiligen Schrift als eigentliche „Frohe Botschaft“ erkannt hat. In seinen Thesen und Schriften versucht er – zumindest anfänglich – innerhalb der christlichen Kirche eine Reform einzuleiten. Die Kirche soll sich wieder auf den Boden der Heiligen Schrift begeben, zu ihren Wurzeln zurückkehren, die Fehlentwicklungen der Vergangenheit – die im Verkauf der Ablassbriefe ihren Höhepunkt gefunden hatten – rückgängig machen. Niemals wollte Luther damit eine Spaltung der Kirche herbeiführen. Ja es ist dem Mönch eigentlich sogar fremd, sich gegen die Obrigkeit aufzulehnen. Aber in seinen inneren Kämpfen wir ihm schließlich klar, dass es nur eine Autorität gibt, vor der es sich zu verneigen gilt. Einzig und allein Gott und seinem Willen haben wir uns zu beugen.

Grund für diese umfassende Neuerung im Denken Luthers war vor allem das Studium des Briefes des Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom. Hier wird Luther fündig, hier bekommt er eine Antwort auf seine Frage „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Allein durch Christus sind wir gerettet worden. Der Weg zum Leben führt über Jesus. Wer an ihn glaubt, wer auf ihn vertraut, steht vor Gott als gerecht da. Mit Jesus hat das Gesetz eine ganz neue Bedeutung bekommen. Wir brauchen uns nicht mehr zu mühen und zu plagen, um Gott mit unseren guten Taten zu beeindrucken und uns damit einen guten Platz im Himmel zu erarbeiten. Ganz im Gegenteil. Würde unser Seelenheil von unserer Gesetzestreu abhängen, dann wären wir bestimmt verloren. Wir würden scheitern und am Tag des jüngsten Gerichts wäre Heulen und Zähneklappern.

Die Botschaft des Römerbriefes ist eine andere! In Jesus, schreibt Paulus, ist das Gesetz zur Erfüllung gekommen. Durch Jesus haben wir die ewigen Liebe und Treue Gottes erhalten – als Geschenk, also ohne, dass wir es uns verdienen müssen.

Kein Wunder eigentlich, dass Luther angesichts dieser unglaublich befreienden Botschaft nicht anders konnte, als der Angstherrschaft der damaligen Kirche den Kampf anzusagen. Denn es ist tatsächlich genau diese Rechtfertigungslehre, die das Christentum zu einer so lebens- und menschenbejahenden Religion macht. Der Menschen als Geschöpf Gottes kann durch nichts und niemanden von seinem Schöpfer und dessen Liebe getrennt werden. Er muss diese Liebe nur als Geschenk aus Gottes Hand annehmen. Glauben heißt annehmen, dass ich angenommen bin.

Gerade auch deshalb tut es mir besonders weh, dass der Stellenwert dieser Guten Nachricht in unserer Welt im Schwinden begriffen ist. In einer Multikulti- und Spaßgesellschaft zieht die Botschaft von der treuen Liebe Gottes oft den kürzeren gegen schrille Events und magische Spektakel. Es drängt sich damit natürlich auch die Frage nach dem „Warum“ auf. Gehen die Zusagen des Predigtwortes so sehr am realen Leben vorbei, dass sie heute nicht mehr geglaubt, ja vielleicht nicht einmal mehr verstanden werden können? Ist es durch den ständig wachsenden Druck im Leben und im Beruf des Einzelnen einfach unmöglich geworden zu akzeptieren, dass wir die Gnade Gottes einfach nur geschenkt bekommen. Eventuell sogar unter den Aspekt: „Was nix kostet, ist auch nix wert!“, bzw. „nur niemanden etwas schuldig bleiben!“? Oder haben wir einfach Angst, jemanden so bedingungslos zu vertrauen und unser Leben in seine Hände zu legen, weil uns das Leben lehrt, dass unser Vertrauen doch meist nur hemmungslos ausgenutzt wird?

Ich weiß nicht, ob es einer dieser Gründe ist, oder ob vielleicht noch etwas ganz anderes. Tatsache ist und bleibt jedoch, dass die meisten Menschen, bewusst oder unbewusst, von einer unglaublichen Sehnsucht nach Gnade, Vergebung und Liebe beseelt sind. Und gerade ihnen dürfen, ja sollen, müssen wir es immer wider erzählen, klar machen und zurufen: „Eure Sehnsucht ist bereits erfüllt. Ihr seid bereits gerettet. Ihr habt bereits Gnade zugesprochen bekommen. In Jesus ist euch schon vergeben worden. Durch ihn habt ihr die Gnade, Vergebung und Liebe Gottes bekommen – einfach so, als ein Geschenk!“

Ich weiß, dass das nicht leicht ist. Ja ich weiß, dass wir sogar ganz enorme Probleme damit haben, von Gott, von Jesus Christus, von unserem Glauben zu reden und zu erzählen. Aber gerade der heutige Tag sollte uns aufs neue dazu ermutigen. Weil Leben, Sterben und Auferstehung Jesu DAS weltverändernde Ereignis in der Geschichte der Menschheit ist. Das gilt es zu bekennen und mutig dafür einzustehen. Wie Luther, der am nächsten Tag, nach diesem Kampf in seiner Zelle, vor dem Reichstag zu Worms verkündet: „Nur wenn ich durch die Bibel widerlegt werde, werde ich widerrufen. Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“

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